Studie zeigtSo negativ und einfach klangen Pop-Hits noch nie
Noemi Hüsser
21.12.2025
Die Forscher*innen haben 20'000 Songs der Billboard-Hot-100-Charts zwischen 1973 und 2023 untersucht.
IMAGO/Hanno Bode
Mehr Stress, mehr Schmerz, mehr Wut: Die Sprache in Pop-Songs hat sich verändert. Ein Forschungsteam aus Wien hat 20'000 Chart-Hits der letzten fünf Jahrzehnte analysiert – mit überraschenden Ergebnissen.
Die Welt wird immer düsterer. Glaubst du nicht? Dann solltest du mehr Pop-Songs hören. Den in den letzten 50 Jahren sind die Songtexte von Pop-Songs nämlich zunehmend simpler und negativ geworden. Das hat ein Team rund um den Psychologen Markus Foramitti von der Universität Wien festgestellt. Die Studie wurde Mitte Dezember im Fachmagazin Scientific Reports veröffentlicht.
Die Forscher*innen haben für die Studie die beliebtesten Songs in den USA aus den vergangenen 50 Jahren ausgewertet. Insgesamt wurden so mehr als 20'000 Songs der Billboard-Hot-100-Charts zwischen 1973 und 2023 untersucht. Mit einem Algorithmus haben die Forscher*innen stressbezogene Begriffe wie «Bedrohung», «Missbrauch», «Schmerz», «Wut» oder «nervös» in den Songtexten gezählt und nach Häufigkeit eingestuft.
«Wir haben zunächst genau das herausgefunden, was wir erwartet haben», sagte Studienautor Markus Foramitti der «Zeit». Die Lyrics seien ein wichtiger Grund dafür, warum Menschen sich dafür entscheiden, einen bestimmten Song zu hören – ob bewusst oder unbewusst. «Sprache wird im Gehirn extrem schnell und automatisch verarbeitet. Deshalb fällt es vielen Menschen schwer, beim Musikhören Liedtexte komplett auszublenden, selbst wenn sie nicht aktiv darauf achten», so Foramitti.
Die Analyse der Songtexte fügt sich in ein grösseres Bild: Auch sozialwissenschaftliche Studien zeigen, dass sich Menschen in den USA zunehmend angespannter und gehetzter fühlen.
In Krisenzeiten werden Lieder wieder positiver
Entgegen dieser Beobachtung hellten sich die Songtexte laut der Studie aber in Krisenzeiten wieder auf. Nach 9/11 oder nach Beginn der Pandemie konsumierten Hörer*innen vermehrt positive und komplexe Songs. Foramitti sieht darin eine Art Selbstregulation oder Eskapismus. Hörer*innen würden dann gezielt Musik hören, die ihre Stimmung hebt.
Die Ergebnisse passen auch zu einem bekannten Muster aus der Popgeschichte: In Zeiten von Krieg oder gesellschaftlicher Spaltung wurden immer wieder Lieder besonders populär, die Hoffnung und Zusammenhalt vermitteln. Zum Beispiel John Lennons «Give Peace a Chance» Ende 1960er-Jahre während des Vietnamkriegs oder Kendrick Lamars «Alright» im Kontext der Black-Lives-Matter-Proteste 2020.
Auch ein anderer Trend fiel den Forscher*innen auf: Die Komplexität von Pop-Songs nimmt seit 2016 wieder zu. Warum das so ist, und ob es mit der ersten Präsidentschaft von Donald Trump zu tun haben könnte, müsse nun noch untersucht werden, so Foramitti.
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