Traurige Shirin-David-Dok auf Netflix Wie Barbara Davidavičius zum Rap-Star wurde – und wie sie daran zerbricht

Noemi Hüsser

12.3.2026

2,3 Millionen Menschen hören die Musik von Shirin David monatlich auf Spotify.
2,3 Millionen Menschen hören die Musik von Shirin David monatlich auf Spotify.
Keystone

Die Rapperin Shirin David gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Künstlerinnen. In einer neuen Netflix-Dokumentation blickt sie auf ihre Karriere – und auf den Perfektionismus, der sie an die Spitze brachte und zugleich zu zerbrechen droht.

Noemi Hüsser

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Die Netflix-Dokumentation «Barbara – Becoming Shirin David» begleitet Rapperin Shirin David während der Vorbereitung ihrer «Schlau aber blond»-Tour.
  • Der Film zeigt ihren extremen Ehrgeiz sowie den Konflikt zwischen der Privatperson Barbara und der Kunstfigur Shirin.
  • Am Ende bleibt der Eindruck einer Künstlerin, die trotz Ruhm und Erfolg unter ihrem eigenen Anspruch leidet und ihre Leichtigkeit verloren hat.

Das Streben nach Perfektion kann eine gute Eigenschaft eines Menschen sein. Es kann Ehrgeiz sein, das Mehr-Wollen, das Sich-Nicht-Zufrieden-Geben mit Mittelmässigkeit.

In manchen Fällen kann es aber auch das Niemals-Zufrieden-Geben sein, die Selbstzerstörung.

Schaut man die Dokumentation «Barbara – Becoming Shirin David», die am Freitag auf Netflix erscheint, dann hat man das Gefühl, dass Barbara Shirin Davidavičius sehr fest zum Zweiteren tendiert.

Die Dokumentation begleitet Davidavičius, besser bekannt als Shirin David, vor und während ihrer «Schlau aber blond»-Tour, mit der sie ab Frühling 2025 durch Deutschland, Österreich und die Schweiz reist. Shirin David gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Künstlerinnen. Mehr als 2,3 Millionen Menschen hören ihre Songs monatlich auf Spotify. Sieben ihrer Songs landeten auf Platz eins der deutschen Charts.

«Das Thema ‹Barbara vs. Shirin› oder ‹Barbara und Shirin› ist der Kern dieser Doku. Wer ist Barbara? Wer ist Shirin?», beschreibt David selbst den Film. Schaut man ihn sich aber an, drängt sich eine konkretere Frage in den Vordergrund: Wie sehr hat Shirin Barbara kaputtgemacht?

Barbara Shirin Davidavičius wird 1995 geboren. Ihre Mutter zieht sie und ihre Schwester allein in Hamburg auf, schickt sie in unzählige Musik- und Tanzstunden. Sechs Tage die Woche jeden Nachmittag. Sie lernen Ballett, Oboe, Geige, Saxophon. In der Dokumentation sagt Davids Schwester über die Überzeugung ihrer Mutter: «Der Gedanke dahinter war: Ich möchte, dass ihr alle Möglichkeiten habt, und am Ende daraus auswählen könnt.»

2014 startet David einen Youtube-Account und postet Beauty- und Lifestyle-Content. «Meine Roomtour»,  «5 Gründe, warum wir nie etwas zum Anziehen haben» oder «Fall Lookbook» heissen die Videos. «Das war die Zeit, in der Youtube so richtig gross war», erzählt David in der Dokumentation. Sie ist damit erfolgreich, ihre Bekanntheit wächst, und sie beginnt, Geld zu verdienen. «Es war mit Abstand die schönste Zeit in meinem Leben», sagt David heute.

Aber sie wollte mehr. Ihr Traum war immer die Musik. Als sie ihren heutigen Manager Taban Jafari trifft, beginnt sie, diesen Traum ernsthaft zu verfolgen. Sie schreibt erste Songs, dreht Musikvideos – die Kosten dafür bezahlt sie selbst. 150'000 Euro habe sie für das Musikvideo zu «Gib ihm» ausgegeben, sagt sie. Der Song etabliert sie 2019 als Rapperin. Aber jeder Schritt, der die Rapperin Shirin David grösser macht, ist auch einer weiter weg von der Person Barbara.

Jeder Auftritt, jedes Foto muss makellos sein

Die Dokumentation zeigt eine David, die unglaublich viel Hartnäckigkeit, Fleiss und Ehrgeiz in ihre Karriere steckt. Die ihr Privatleben immer und immer wieder zurückstellt – so lange, bis sie keins mehr hat. «Ich habe gar keinen Blick für mich selber privat. Ich habe nur einen Blick für die perfekte Shirin», sagt David. Jeder Auftritt, jedes Foto, jede öffentliche Erscheinung muss makellos sein. In der Zusammenarbeit mit ihrem Team und Manager Jafari bedeutet das: Am Ende muss David alles absegnen. Nichts passiert ohne sie.

Dazu passt, dass sie auf Instagram Ende 2024 erzählt hat, sie habe das ursprüngliche Doku-Team nach einigen Monaten komplett ausgetauscht, weil sie mit dem Material unzufrieden gewesen sei. Gleichzeitig habe sie damit gehadert, kein Schnittrecht zu haben. Selbst der Film, der Davids Perfektionismus thematisiert, steht letztlich unter genau diesem Anspruch.

In der Dokumentation sitzt David einmal im Leopardenpyjama im Bett irgendeines Hotelzimmers in München. Sie kommt gerade von Proben für einen Auftritt bei der Bambi-Verleihung 2024. «Warum gewinne ich gerade einen Bambi-Award für Musik, obwohl ich nicht mal die Performance einmal perfekt mache?», fragt sie. Jafari antwortet: «So wirst du niemals glücklich werden.»

Shirin David erhielt 2024 den Bambi in der Kategorie «Musik National». Der Bambi gilt als der wichtigste Medienpreis Deutschlands.
Shirin David erhielt 2024 den Bambi in der Kategorie «Musik National». Der Bambi gilt als der wichtigste Medienpreis Deutschlands.
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David erkennt das durchaus selbst. Sie spricht davon, wie sehr sie unter dem Druck leidet, wie die Monate vor der Tour die schlimmsten ihres Lebens waren – und davon, dass sie eigentlich eine Pause bräuchte. Bis zum letzten Moment ist sich David sicher, die Tour abzusagen, weil sie nicht zufrieden mit sich selbst ist. Doch gleichzeitig treibt sie sich selbst weiter an.

Die Dokumentation scheint sich dabei nicht ganz entscheiden zu können, welche Geschichte sie eigentlich erzählen möchte. Ist es die einer Youtuberin, die sich erfolgreich zum Rapstar gewandelt hat? Die Geschichte einer Selfmade-Unternehmerin, die es mit harter Arbeit an die Spitze schaffte? Oder die einer Frau, die an ihrem eigenen Erfolg zugrunde geht?

Auch die Frage, wer an Davids Leid schuld ist, kann die Dokumentation nicht beantworten. Ist es David selbst, die sich diesen Druck auferlegt – um sich und der Welt etwas zu beweisen? Oder ist es das System?

«Ich habe keinen Raum für Fehler. Ich weiss dank meiner Mutter und meiner Herkunft, dass ich für alles, was ich möchte, hart arbeiten muss. Es gibt keinen anderen Weg»

Shirin David

Ein Teil der Antwort liegt vielleicht in Davids eigener Geschichte. Ihr Erfolg bringt ihr Dinge, die sie sich immer gewünscht hat: Anerkennung und Geld.

In der Schule habe sie es schwer gehabt, erzählt David: «Ich war nie eine der Beliebten. Ich war immer irgendwie eine Aussenseiterin.» Besonders ihre frühen Youtube-Videos seien davon geprägt gewesen, ihren früheren Mobbern etwas beweisen zu wollen – zu zeigen, wie cool sie sein könne. Die Likes und positiven Kommentare hätten ihr das Gefühl gegeben, geliebt zu werden. Gleichzeitig hat David mittlerweile etwas, das sie zuvor nicht kannte: finanzielle Freiheit. Noch ein Dessert zu bestellen. In der Oper in der ersten Reihe zu sitzen. «Das ist für mich das Krasseste», sagt sie.

Ihre Geschichte, so David, sei die eines kleinen Mädchens, das sich selbst bewiesen hat: Kein Traum ist zu gross.

Doch die Dokumentation zeigt auch, wie hoch der Druck ist, der von aussen auf ihr lastet. Manager Jafari ist für David zwar ein Freund, jemand, der ständig an ihrer Seite ist, ihr nahesteht und versucht, sie aufzumuntern. Gleichzeitig ist er aber auch Teil der Maschine, die David antreibt. «Es ist Teil des Business», sagt er in der Doku, als er David in der Pause eines Videodrehs dazu drängt, ein Video für die Tourpromo aufzunehmen – kurz nachdem sie ihn angefleht hat, eine Therapeutin für sie zu suchen.

Und dann gibt es noch die Öffentlichkeit. «Ich habe keinen Raum für Fehler. Ich weiss dank meiner Mutter und meiner Herkunft, dass ich für alles, was ich möchte, hart arbeiten muss. Es gibt keinen anderen Weg», sagt David in der Doku. Ihr Perfektionismus sei Selbstschutz. In einer Welt, in der jeder Auftritt, jede Geste und jeder Vers sofort kommentiert und bewertet wird – und in einer Szene, in der Frauen ohnehin härter beurteilt werden –, stellt sich die Frage: Braucht es diesen Perfektionismus, um überhaupt Erfolg haben zu können?

Man hofft, dass es ihr am Ende noch irgendwie gut geht

So ist das Gefühl, das einem nach dem Schauen der Dokumentation bleibt, vor allem Trauer. Trauer für die Person – egal, ob Barbara oder Shirin –, die sich über ihren Bambi-Gewinn nicht freuen kann, weil sie beim Auftritt einen falschen Schritt gemacht hat.

Die am Abend unter einer Blümchendecke im Bett liegt, am Handy scrollt und sagt: «Das ist meine Abendroutine: Ich am Handy, so lange bis ich müde werde.»

Die von sich sagt, keine Freunde zu haben.

Die sich fragt, warum sie das Ganze überhaupt noch macht.

Über die ihre eigene Mutter sagt, sie habe ihre Leichtigkeit verloren.

Man interessiert sich irgendwann nicht mehr dafür, ob David es schafft, in der kurzen Zeit vor der Tour noch die Choreografie ihres Auftritts zu lernen. Sondern man hofft einfach, dass es ihr am Ende von all dem noch irgendwie gut geht. «Mittlerweile wünschte ich mir, dass ich mich Barbara genannt hätte», sagt David im Film. Als könne sie damit die Mauern des Gefängnisses abreissen, das Shirin David um Barbara Shirin Davidavičius gebaut hat.


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