Bötschi fragt BAP-SängerWolfgang Niedecken: «Seit dem Schlaganfall mache ich nicht mehr jeden Scheiss mit»
Bruno Bötschi
26.4.2026
«Ich habe Malerei studiert, wollte nicht Sänger werden. Doch irgendwann musste einer in unserer Band singen – und das war dann halt ich»: Wolfgang Niedecken.
Bild:Tina Niedecken
Wolfgang Niedecken und seine Band BAP feiern ihr 50-Jahr-Jubiläum. Mit blue News spricht der Musiker über sein Erfolgsgeheimnis, seine Familie – und darüber, wie ein Schlaganfall sein Leben veränderte.
Der Schlaganfall vor 15 Jahren habe seinen Blick auf das Leben nachhaltig verändert, so der 75-Jährige.
Politisch zeigt Niedecken Haltung und kämpft seit Jahrzehnten gegen Rassismus und gegen Rechtsextremismus.
Zum 50-Jahr-Jubiläum von BAP geht Niedecken mit seinen Bandkollegen ab November 2026 auf grosse Hallentournee, die ihn auch in die Schweiz führen wird.
Musiker Wolfgang Niedecken macht sich in letzter Zeit ab und an Gedanken über seinen Abschied von der Bühne. Ab November steht für den 75-Jährigen aber zuerst noch die Hallentournee «Die Zielgerade» zum 50-Jahr-Jubiläum seiner Band BAP an – die ihn auch in die Schweiz führen wird.
Trotz kölschem Dialekt zählt BAP seit fünf Jahrzehnten zu den erfolgreichsten deutschen Rockbands. Die Musik von BAP schaffte es auch in der Schweiz regelmässig in die Albumcharts – vor allem in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren.
blue News traf Wolfgang Niedecken und seine Frau Tina in Zürich zum Interview.
Wolfgang Niedecken, wir machen heute ein Frage-Antwort-Spiel: Ich stelle Ihnen in den nächsten 45 Minuten möglichst viele Fragen. Und Sie antworten bitte möglichst kurz und schnell. Wenn Ihnen eine Frage nicht passt, könne Sie auch einmal «Weiter» sagen.
Oh Gott – ich bin mir nicht sicher, ob ich für solche Interviews gemacht bin (lacht).
Berlin oder New York?
Ich mag Berlin sehr – auch, weil dort meine beiden Töchter und einer unserer drei Enkel leben. Das gibt mir ein Gefühl von zuhause. New York bedeutet mir ebenfalls viel. Ich habe einige Freunde dort. Im Moment zieht es mich allerdings nicht dorthin – zu sehr beunruhigt mich, was politisch in den USA gerade abgeht.
Polo Hofer ist der Urvater der Schweizer Mundartmusik, aber auch Züri West schätze ich sehr.
Zum Autor: Bruno Bötschi
blue News
blue News-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland. Er stellt ihnen ganz viele Fragen – immer direkt, oft lustig und manchmal auch tiefsinnig. Dabei bleibt bis zur allerletzten Frage immer offen, wo das rasante Pingpong hinführt.
Welche Schweizer Bands kennen Sie sonst noch?
Patent Ochsner finde ich cool – viel mehr von den hiesigen Musikschaffenden kenne ich leider nicht, dafür bin ich zu selten in der Schweiz unterwegs.
Tina Niedecken (Wolfgang Niedeckens Frau, die ebenfalls beim Interviewtermin dabei ist, meldet sich aus dem Hintergrund):Stefanie Heinzmann hast du vergessen zu erwähnen – und Seven kennen wir auch.
Wolfgang Niedecken: Stimmt – wie konnte ich Stefanie nur vergessen? Das geht gar nicht. Wir kennen sie seit vielen Jahren und schätzen sie sehr.
Was mögen Sie sonst noch an der Schweiz?
Die Landschaft in der Schweiz ist grossartig. Meine Frau und ich reisen im Sommer jeweils nach Kreta. Wegen unserer Hündin Numa fahren wir mit dem Auto und lassen uns in der Schweiz dabei immer besonders viel Zeit.
Wenn die Schweiz ein Musikstück wäre, wie würde es klingen?
Ohh … Eine Frage, die mir bisher noch nie gestellt worden ist … (lacht)
Wie wäre es mit Jodeln?
Jodeln verbinde ich mit Österreich – etwa mit Hubert von Goisern. Musikalisch bringe ich die Schweiz eher mit den erwähnten Mundart-Bands in Verbindung, die rocken ordentlich und in ihrer eigenen, authentischen Sprache.
Entertainer Harald Schmidt sagte vor vier Jahren in einem Interview mit dem «Blick»: «Die Schweiz ist für die Deutschen das unerreichte Ideal.»
(Lacht schallend) Die Schweiz lässt sich wunderbar romantisieren. Aber auch Deutschland hat viele schöne Ecken. Da muss ich mein Heimatland wirklich in Schutz nehmen. Mit BAP habe ich in den letzten 50 Jahren in fast jeder deutschen Stadt gespielt und dabei Regionen entdeckt, die ich sonst im Leben wahrscheinlich nie besucht hätte. Vor nicht allzu langer Zeit traten wir in Bad Elster auf, einem Kurort nahe der tschechischen Grenze – ein wunderschöner Fleck Erde.
Wie wichtig ist Ihnen Stille?
Stille ist mir wichtig – in meinem Beruf aber oft schwer zu finden. Umso kostbarer sind die Momente, wenn ich mit Numa durch den Wald spaziere. Eigentlich habe ich keine Zeit dafür, doch kaum bin ich in der Natur draussen, geniesse ich die Ruhe. Es ist wunderschön, durch den Wald zu gehen, dem Hund zu folgen, statt ihn zu führen – und dabei Stille zu finden. Neil Young hat gesagt: «Der Wald ist meine Kirche».
Wann realisierten Sie zum allerersten Mal, dass Sie mit Ihrer Stimme andere Menschen berühren können?
Am Anfang konnte ich das selbst nicht wirklich verstehen. Ich habe Malerei studiert, wollte nicht Sänger werden. Doch irgendwann musste einer in unserer Band singen – und das war dann halt ich. Und ganz offenbar gelingt es mir, mit meiner Ein-Oktaven-Stimme Menschen mitzunehmen. Vielleicht liegt genau darin ihre Kraft: in der Reduktion.
Kann Ihre Stimme heute etwas, was sie 1976 bei der Gründung von BAP noch nicht konnte?
Am Anfang fehlte meiner Stimme die Kraft. In den vergangenen 50 Jahren hat sie sich hörbar entwickelt – und ist reifer geworden.
Wahres Gerücht, dass Sie Ihre Songs gerne in der Badewanne schreiben, eingerahmt von flackerndem Kerzenlicht?
Um Gottes Willen – nein (lacht).
Mit 13 Nummer-Eins-Alben hat BAP Musikgeschichte im deutschsprachigen Raum geschrieben. Fühlte sich das Berühmtsein immer so lustig und schön an, wie Sie es sich in jungen Jahren vielleicht vorgestellt haben?
Als Kind hätte ich mir nie vorstellen können, mein Leben als Rockmusiker zu verbringen. Ich war überzeugt, als Maler den Lebensunterhalt zu verdienen – bis die Musik dazwischenkam. Die beiden Künste sind sich näher, als manche denken würden: Beides sind Formen des Erzählens. Ob ich ein Bild male, ein Buch schreibe oder Musik mache: Es geht immer um Geschichten. Im Grunde bin ich immer ein Erzähler, darin liegt ein entscheidender Schlüssel zum Erfolg von BAP.
Geht es etwas konkreter bitte?
Es gab eine Phase, da war BAP zwar weiterhin eine grossartige Band, wir spielten aber vor allem laute Musik und vergassen das Erzählen von Geschichten. Irgendwann ging das nicht mehr gut. Ich sage das ungern – und deshalb auch nur in Anführungszeichen: Als laute Band waren wir die «Foo Fighters für arme Leute». Aber die braucht niemand.
Gehen seit bald 35 Jahren gemeinsam durchs Leben: Tina und Wolfgang Niedecken.
Bild:IMAGO/Future Image
Am 30. März wurden Sie 75 Jahre alt – fast gleichzeitig erschien die 50-Jahr-Jubiläum-Musikbox «Paar Daach spääder». Darauf sind 50 BAP-Songs zu finde. Wie sind Sie bei der Auswahl vorgegangen?
Die Idee entstand auf Anfrage der Plattenfirma fürs 50-jährige BAP-Jubiläum. Erst dachte ich an 50 Songs aus 50 Jahren – naheliegend, aber wenig originell. Spannender war für mich: 50 Songs aus unseren Live-Alben, ausgewählt danach, was wir auf der Jubiläumstour wirklich spielen wollen – nicht einfach die grössten Hits.
Wie zufrieden sind Ihre Frau Tina und Ihre beiden erwachsenen Töchter mit der Auswahl der 50 Songs – und hatten Sie ein Vetorecht?
Meine drei Damen sind sehr … Tina, hörst du uns überhaupt zu?
Tina Niedecken: Ja, ich höre euch zu. Es sind übrigens vier Damen, die unserer Familie ein Vetorecht haben – Hündin Numa gehört auch dazu (lacht).
Wolfgang Niedecken: Ich habe also 50 Songs ausgewählt und diese dann in erster Instanz meinen Damen vorgelegt. Hätte es Kritik gegeben, wäre ich nochmals in mich gegangen. Gab es zum Glück aber nicht. Vielleicht hatte es auch damit zu tun, dass unsere beiden Töchter, sie sind 31 und 30 Jahre alt, gar nicht alle BAP-Songs kennen (lacht).
Was halten Ihre vier Damen davon, dass Sie mit 75 auf Jubiläumstour gehen und ausschliesslich in grossen Hallen in Deutschland, Österreich und der Schweiz spielen werden?
Wir haben lange zusammen überlegt, ob wir so eine Tournee machen sollen oder nicht. Den Anfang machte schliesslich das Open-Air-Konzert im Müngersdorfer Stadion in Köln, um das wir uns jahrelang herumgedrückt haben – aus dem einfachen Grund: Köln ist das Haupt-Einzugsgebiet unserer Band. Wenn wir dort ein Konzert spielen, fallen viele Orte im Umkreis von 100 Kilometern als Auftrittsmöglichkeit weg. Das fanden wir immer schade. Deshalb hielt uns dieser selbstauferlegte Gebietsschutz jahrelang davon ab, dort aufzutreten. Während der Vorbereitungen zum 50-Jahr-Jubiläum kam die Frage auf: Sollen wir es diesmal doch wagen? Irgendwann entschieden wir: Ja, wir tun es. Zu unserem Glück: Das Konzert war innert Rekordzeit ausverkauft. Danach kam unser Konzertveranstalter mit der Frage auf uns zu, ob wir nicht eine Tournee in grossen Hallen einplanen wollen. Aber wie schon gesagt, damit tat ich mich anfänglich schwer
Warum?
Eine Hallentournee zu planen ist eine riesige Herausforderung und bedeutet viel Stress. Normalerweise spielen wir mit BAP vor durchschnittlich 3000 bis 4000 Menschen – das ist für uns die ideale Konzertgrösse. In früheren Jahren habe ich mich sogar dagegen gewehrt, in der inzwischen abgerissenen Kölner Sporthalle zu spielen, die 8'000 Menschen fasste. Ich hatte das Gefühl, ich könnte dort das Weiss in den Augen der Leute nicht mehr sehen – und sie dadurch nicht mehr wirklich erreichen.
Ist es einfach, auf einer Bühne ein glücklicher Mensch zu sein?
Stehe ich auf der Bühne, vergesse ich mich. Manchmal werfe ich einen kurzen Blick auf die Setlist am Boden und frage mich: Wo sind wir gerade? Welcher Song kommt als Nächstes? Und dann merke ich, dass längst anderthalb Stunden vergangen sind. Auf der Bühne verliere ich das Zeitgefühl und nehme stattdessen nur noch das Publikum wahr: herzlich, erwartungsvoll, lebendig. Menschen, die sich freuen, dass wir für sie spielen. BAP-Konzerte fühlen sich ein wenig an wie eine Bescherung.
Wie ist das für Sie, wenn Sie mit Ihrer Musik bei anderen Menschen Emotionen auslösen?
Wenn Menschen bei unseren Konzerten vor Glück weinen, macht mich das einfach nur glücklich – und gleichzeitig wird mir bewusst, welches Privileg es ist, so etwas erleben zu dürfen.
Sind Sie ein mutiger Mensch?
Kommt ganz auf die Situation an. Ich würde mich nie um eine Schlägerei bemühen. Aber ich stehe klar für meine Werte ein – und verteidige sie auch hartnäckig.
Als Künstler*in hat man Macht, beispielsweise auf der Bühne vor Tausenden von Zuschauer*innen. Wie populistisch darf Rock- und Popmusik sein?
Politischen Populismus verabscheue ich, weil er Menschen oft nicht die Wahrheit zumutet. Es gibt den rechten und den linken Populismus – beides halte ich für problematisch. Ich bin überzeugt, dass Menschen sehr wohl in der Lage sind, auch bittere Wahrheiten zu ertragen. Man muss sie ihnen nur zumuten. Und genau das versuche ich auch auf der Bühne – für meine Werte einzustehen und dabei ehrlich zu bleiben.
Sie setzen sich seit Jahrzehnten gegen Rassismus und gegen Rechtsextremismus ein. Fällt es Ihnen manchmal schwer, immer wieder klar Stellung zu beziehen – oder finden Sie, genau heute ist das besonders wichtig?
Die aktuelle weltpolitische Lage ist äusserst besorgniserregend. Umso wichtiger ist es, Haltung zu zeigen. In Deutschland erleben wir aktuell, dass die AfD – eine rechtspopulistische, wenn nicht sogar faschistische Partei – inzwischen die zweitstärkste Kraft hinter der CDU ist. Das hätte man sich vor 20 Jahren nicht im schlimmsten Albtraum vorstellen können. Damals waren rechtsextreme Parteien wie die Republikaner oder die NPD politische Eintagsfliegen, die sich durch ihre eigene Inkompetenz schnell selbst erledigt haben. Die Verantwortlichen der AfD gehen heute anders und leider deutlich geschickter vor.
«Ich würde mich nie um eine Schlägerei bemühen. Aber ich stehe klar für meine Werte ein – und verteidige sie auch hartnäckig»: Wolfgang Niedecken.
Bild:Tina Niedecken
Sie haben sich in der Öffentlichkeit immer klar gegen rechte Ideologien gestellt. Wie weh tut es, dass die rechtsextreme AfD bei den Wahlen aktuell derart erfolgreicher abschneidet?
Sehr weh.
Wie erklären Sie sich den Erfolg der AfD?
Das hat unter anderem mit der Entwicklung der Medien zu tun, die heute völlig anders funktionieren als noch vor 20 Jahren.
Ich nehme an, Sie sprechen von den sozialen Medien.
Ja. Das Internet spielt bei der Meinungsbildung heute eine grosse Rolle und hat natürlich auch viele Vorteile. Ich selbst google regelmässig und nutze das Netz als Informationsquelle – das ist nicht grundsätzlich falsch. Das Problem sind vielmehr die Algorithmen, welche immer mehr Menschen beeinflussen oder sogar manipulieren. Wenn man sich anschaut, wozu Künstliche Intelligenz heute fähig ist – etwa bei der Erzeugung von Fake News –, wird das auf besonders beängstigende Art deutlich.
Kann die KI nicht auch den Guten helfen?
KI beziehungsweise Algorithmen können sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben. Problematisch finde ich, dass sie nicht nur gute Inhalte verstärken, sondern auch manipulative Inhalte und niedere Instinkte bedienen. Sie erzeugen Filterblasen, indem sie den Nutzern gezielt Inhalte ausspielen, die deren Interessen und Ansichten bestätigen – mit dem Ziel, Aufmerksamkeit und Klicks zu steigern. Viele Menschen durchschauen das leider nicht. Dabei bräuchte es genau dieses Bewusstsein, um solche Mechanismen zu erkennen – und das wird mit der Zeit immer schwieriger.
Die weltpolitische Lage war schon einmal besser. Viele klagen über hohe Preise und das Gefühl, dass alles schlimmer wird. Wie schaffen Sie es, angesichts dessen optimistisch zu bleiben?
Ich wirke nach aussen optimistischer, als ich es in Wirklichkeit bin. Wenn ich am Morgen die Zeitung lese oder abends die Nachrichten im Fernsehen anschaue, deprimiert mich das oft. Ich weiss, ich bin 75 Jahre alt und könnte mich eigentlich zurücklehnen und sagen: Die nächste Generation soll weitermachen, ich geniesse ab sofort das Leben. Aber so funktioniert das für mich nicht. Ich bin Vater von vier erwachsenen Kindern und habe drei Enkel – ich fühle mich nach wie vor mitverantwortlich für ihre Zukunft. Darum mache ich weiter.
Am 2. November 2011 erlitten Sie einen Schlaganfall und konnten längere Zeit nicht weiter machen. Wie fühlt sich das im Nachhinein an, wenn man dem Tod nochmals von der Schippe gesprungen ist?
Im Rückblick war es eine brutal einschneidende, aber auch eine gute Erfahrung, weil ich gesund daraus herausgekommen bin. Ich hatte das Glück, dass Tina richtig reagiert hat. Mir wurde damals nebelig vor den Augen, alles sah merkwürdig aus. Meine Frau erkannte sofort, was mit mir los ist, rief den Notarzt und sagte nur: «Mein Mann hat einen Schlaganfall.» Danach ging alles ganz schnell. Ich wurde mit Blaulicht ins Spital gebracht – nach einer halben Stunde war ich bereits in der Klinik. In der Stroke Unit, diese Abteilung ist spezialisiert auf Schlaganfallbehandlungen, haben sie alles richtig gemacht.
Was denken Sie, was wollte der Schlaganfall Ihnen sagen?
Ich bin Fussballfan – mein Körper hat mir mit dem Schlaganfall die gelbe Karte gezeigt. Und Sie wissen ja: Nur Doofe betteln um Gelb-Rot (lacht). Bevor sie mich im Krankenhaus in die Narkose versetzt haben, wusste ich genau: Jetzt geht es um die Wurst.
Wie fühlt es sich an, öffentlich krank zu sein?
Ehrlich gesagt: Wenn du in Köln Wolfgang Niedecken bist und dir so etwas passiert, dann leidet die ganze Stadt mit dir. Diese Anteilnahme war unglaublich rührend. Die Reaktionen haben mich tief berührt, immer wieder kamen mir die Tränen. Ich hatte das Gefühl, ganz Köln steht hinter mir. Und selbst im Dom schien es, als würden plötzlich mehr Kerzen brennen als sonst.
Was hat sich seit dem Schlaganfall verändert?
Ich glaube, wenn man die gelbe Karte in Form eines Schlaganfalls gezeigt bekommen hat, dann kann man danach besser entscheiden, was wichtig und was unwichtig ist im Leben. Ich wurde selektiver, rege mich heute nicht mehr über jeden Scheiss auf und muss auch nicht mehr auf jeder Party erscheinen.
«Konzerte fühlen sich ein wenig an wie eine Bescherung»: Wolfgang Niedecken mit seiner Band BAP beim Auftritt auf dem Wacken Open Air Festival im Sommer 2025.
Bild:IMAGO/snapshot
Heute – 15 Jahre später – stehen Sie nach wie vor auf der Bühne.
Das ist wunderbar – ich geniesse es und freue mich darüber. Manchmal fühlt es sich fast an wie bei Gustav Gans: So ziemlich alles, was ich anpacke, scheint aktuell zu gelingen.
«Jeder, der mir erzählt, es wäre toller, alt zu sein, der lügt. Natürlich ist es schöner, jung zu sein», sagten Sie 2018 im Interview mit der «Apotheken Umschau». Wie toll ist es, 75 Jahre alt zu sein?
Ich geniesse die Vorteile, die das Alter mit sich bringt. Ich geniesse die Reife, die Gelassenheit, das gewachsene Wissen, die vielen Erfahrungen. Die Musik hat mich durch die Welt getragen, und mein Engagement in Afrika hat mir über all die Jahre fast einen ganzen Kontinent erschlossen. Das alles erleben zu dürfen, ist etwas Wunderbares – und dafür bin ich dankbar.
Was sind die Nachteile des Älterwerdens?
Die Nachteile sind die kleinen und grösseren Zipperlein. Natürlich ist man lieber gesund als krank – eine Binsenweisheit. Mit zunehmendem Alter muss man besser auf sich achtgeben. 2015 erlitt ich einen Bandscheibenvorfall. Damals dachte ich: Jetzt geht es endgültig bergab.
Weil die Schmerzen derart gross waren?
Mein Rücken tat unfassbar weh. Gott sei Dank hatte ich einen tollen Arzt, der mich wieder gut hingekriegt hat – mit schmerzbefreienden Spritzen, aber ohne Operation. Seither muss ich jeden Tag spezielle Gymnastikübungen machen. Ich habe einen sogenannten Gleitwirbel.
In Ihrer Autobiografie «Zugabe», die 2013 erschienen ist, steht der Satz: «Je älter er wird, desto öfter schaut der Seiltänzer in den Abgrund und macht sich Gedanken über das nicht vorhandene Netz.» Welche Gedanken machen Sie sich heute über das Leben?
Zunächst einmal ist mein Leben ein grosses Geschenk. Die Unannehmlichkeiten, die es gab, habe ich verarbeitet – das gehört einfach dazu. Es gibt kein Leben ohne Probleme, so wie es kein Bild ohne Schatten gibt. Was mich wirklich belastet, sind Zustände in der Welt, an denen ich scheinbar nichts ändern kann. Diese bringen mich bis heute regelmässig um meinen Schlaf. Zum Glück bin ich trotz allem ein positiv denkender Mensch – scheint am nächsten Morgen die Sonne, geht es mir gleich wieder ein Stück besser.
Welche Gedanken machen Sie sich über den Tod?
Ich habe keine Ahnung, was danach kommen wird. Ist ja noch keiner zurückgekommen.
Sie erwarten nichts vom Jenseits?
Nein. Aber wie die meisten Menschen wünsche ich mir einen sanften Tod – abends einschlafen und morgens nicht mehr erwachen.
Wie alt wollen Sie werden?
(Überlegt) Sagen wir es so: Ich möchte niemandem zur Last fallen, möchte kein Pflegefall werden – und vor allem das Leben meiner liebsten Menschen nicht damit belasten.
Sie machen seit 50 Jahren erfolgreich Musik: Bleiben da noch Wünsche offen?
Ich bin gespannt, was die nächsten Jahre bringen werden. Es fühlt sich ein wenig an, als stünde ich an einer Weggabelung – und müsste entscheiden, welchen Weg ich einschlagen will. Oder vielleicht doch den Mittelweg? Am Ende ist es eine Frage der Möglichkeiten – und des Teams. Ich kann mit der Band in grösseren Hallen spielen oder mit meinem Pianisten im kleineren Rahmen auftreten. Beides hat seinen Reiz – und macht mir nach wie vor grosse Freude.
Wer hat Sie zuletzt richtig in den Arm genommen?
Meine Frau – aber auch meine Töchter tun das regelmässig.
Stimmt das, Frau Niedecken?
Tina Niedecken: Ja – mein Mann lügt nie. Deswegen habe ich ihn auch geheiratet.
Was halten Sie davon, dass Ihr Mann nochmals auf grosse Stadiontournee geht – oder ist er nicht ertragbar, wenn er keine Musik macht?
Wolfgang Niedecken lacht schallend.
Tina Niedecken: Das ist im Verlaufe unserer Beziehung noch nie passiert – Wolfgang hatte bisher immer etwas zu tun. Und das ist auch gut so.
Wolfgang Niedecken: Meine Frau ist glücklich, wenn ich verräumt bin.
Was bitte?
Wolfang Niedecken: Wenn ich was mache, was ich gerne tue, dann geht es mir gut.
Tina Niedecken: Verräumtsein bedeutet bei uns: Wolfgang sitzt in seinem Zimmer im obersten Stock und schreibt Texte, malt Bilder oder erledigt Fanpost.
Wolfgang Niedecken: Dieses Zimmer ist mein Allerheiligtum. Darin stehen meine Bücher und an einer Wand hängen Bilder, links kann ich durchs Fenster schauen. Meine Lieder entstehen meist mit Blick auf den Rhein. Das fliessende Wasser wirkt beruhigend.
Tina Niedecken: Das stimmt – auch in den Ferien auf Kreta schaut Wolfgang am liebsten aufs Meer.
Ist der Blick aufs Wasser beim Komponieren also das Erfolgsgeheimnis von BAP?
Wolfgang Niedecken: Ja (lacht).
Wolfgang Niedecken geht mit seiner Band BAP auf grosse Hallentournee. Das Konzert im Hallenstadion in Zürich findet am 2. Dezember statt. Tickets kannst du hier kaufen.
Mehr Videos aus dem Ressort
Sängerin Veronica Fusaro: «Ich gehe nicht an den ESC, um einen Blumentopf zu gewinnen»
Sie steht vor ihrem grössten Auftritt: Veronica Fusaro singt für die Schweiz am Eurovision Song Contest in Wien. blue News traf die Musikerin und fragte, was den ESC für sie so faszinierend macht – und wie viel sie damit verdient.