Bötschi fragt Christoph Maria Herbst«Dann wäre ich heute ein sehr wohlhabender Mann»
Bruno Bötschi
19.1.2026
«Ich bin kein Streithahn. Ich bin viel zu … harmoniesüchtig möchte ich nicht sagen, aber ich wurde dazu erzogen, Frieden zu stiften und keinen Ärger zu verursachen»: Christoph Maria Herbst.
Bild:Annette Riedl/dpa
Christoph Maria Herbst sprach mit blue News Redaktor Bruno Bötschi über seinen neuen Kinofilm «Extrawurst». Die weiteren Themen: seine Abneigung gegenüber den sozialen Medien, Rassismus und die Schweiz.
Der deutsche Schauspieler Christoph Maria Herbst ist aktuell in den Schweizer Kinos in der Komödie «Extrawurst» zu sehen.
Während einer Mitgliederversammlung in einem Tennisclub sorgt der Vorschlag, einen zweiten Grill für den einzigen muslimischen Clubkollegen anzuschaffen, für einen Streit.
In der Folge prallen Atheisten und Gläubige, Deutsche und Türken frontal aufeinander – rasch wird klar: Es geht um mehr als die Wurst.
«Wir sollten nicht zu allem eine Meinung abliefern und sie im schlechtesten Fall unseren Mitmenschen auch noch ungefragt aufs Brot schmieren», sagt Herbst im Interview mit blue News.
Erst kürzlich weilte ich in Zürich. Wir waren auf Promotionstour für den Kinofilm «Stromberg – Wieder alles wie immer». Leider bin ich nicht oft genug in der Schweiz. Immer wenn ich da bin, sage ich zu meiner Frau: Warum ziehen wir eigentlich nicht in die Schweiz? Meistens fährt der Zug dann aber schon wieder ab und bringt uns nach Hause zurück (lacht).
Wann haben Sie zum letzten Mal so richtig mit jemandem heftig gestritten?
Dazu fällt mir spontan nichts ein. Ich bin kein Streithahn. Ich bin viel zu … «harmoniesüchtig» möchte ich nicht sagen, aber ich wurde dazu erzogen, Frieden zu stiften und keinen Ärger zu verursachen. Ich bin tatsächlich eher der Schlichter als der Spalter. Und wenn ich mir so beim Reden zuhöre, fällt mir auf: Unsere Welt könnte davon gerade eine grosse Portion gebrauchen.
Wo hört für Sie eine Diskussion auf und wann fängt ein Streit an?
Eine Diskussion wird zum Streit, wenn es unter die Gürtellinie geht. Dann wird meistens eine rote Linie überschritten.
Zum Autor: Bruno Bötschi
Bild: blue News
blue News-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland. Er stellt ihnen ganz viele Fragen – immer direkt, oft lustig und manchmal auch tiefsinnig. Dabei bleibt bis zur allerletzten Frage immer offen, wo das rasante Pingpong hinführt.
Ihr neuer Film «Extrawurst», der seit dieser Woche in den Kinos läuft, spielt in einem Tennisclub auf dem Land. Während einer Versammlung kommt der Vorschlag auf, einen zweiten Grill für das einzige muslimische Mitglied des Vereines anzuschaffen, als plötzlich die Stimmung kippt. Haben Sie Vergleichbares in der Realität schon erlebt?
Nein. Ich spiele nicht Tennis, bin kein Griller und bin auch sonst in keinem Verein aktiv. Ich tauche in diesem Film also in eine mir komplett fremde Welt ein. Aber genau das ist das Schöne am Beruf des Schauspielers.
Finden Sie, es ist kulturelle Aneignung, wenn jemand meint, für einen Menschen mit anderem Background sprechen zu müssen?
Ich empfinde das nicht als kulturelle Aneignung. Aber der Werbetexter aus der Stadt, den ich in «Extrawurst» spiele, ist ein Gutmensch. Und Melanie, meine Frau im Film (Anmerkung der Redaktion: gespielt von Anja Knauer), ist sogar ein Sehrgutmensch. Das ist eine Haltung, die anderen irgendwann auf den Senkel gehen kann, da sie viel Bevormundung enthält.
Es ist zudem eine Frage des Respekts, ein Nein meines Gegenübers zu akzeptieren. Akzeptanz und Respekt sind Geschwister. Melanie schafft das leider nicht und macht einfach immer weiter, weil sie ihren eigenen moralischen Kompass unbedingt durchsetzen möchte.
Was finden Sie: Treten derartige Streitereien heute häufiger auf?
Ich glaube, die Lunte ist in den letzten Jahren deutlich kürzer geworden. Deshalb ist der Film «Extrawurst» für mich auch ein Aufruf zur längeren Lunte. Es ist Zeit, dass wir die Silberwaage herausholen – auf der Goldwaage liegen schon genügend Themen.
War das früher anders?
Natürlich gab es auch früher schon Meinungsverschiedenheiten. Durch die sozialen Medien ist unsere Gesellschaft jedoch gläserner geworden. Deshalb scheint es aktuell an allen Ecken und Kanten zu kriseln. Vielleicht liegt es an uns selbst, im Umgang mit den Medien achtsamer zu sein und nicht alles anzuklicken, was uns bewegen könnte.
«Ich empfände es als schön, wenn unser Film manch einem Kinobesucher einen Denkanstoss geben könnte»: Friedrich Mücke, Christoph Maria Herbst und Hape Kerkeling (von links nach rechts) in der Komödie «Extrawurst».
Bild:Studiocanal GmbH / Daniel Gottschalk
Im Film bricht während des Streits vieles aus den Clubmitgliedern heraus, obwohl sie keine Extremisten sind. Bleibt die Frage: Sind alle Menschen gelegentlich Rassist*innen?
Ich glaube schon. Es gibt auch den positiven Rassismus, also die Zuschreibung vermeintlich positiver Merkmale und Stereotypen zu Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Aussehens. Kürzlich erzählte mir ein weisser Freund, dass seine schwarze Frau im Supermarkt von einem älteren Herrn angesprochen worden ist. Der Mann streckte der Frau eine Mango entgegen und sagte: «Ist diese Frucht reif? Ihr wisst das doch.» Ich war nicht im Supermarkt dabei, aber ich kann mir gut vorstellen, dass der Mann dies nicht böse gemeint hat. Meiner Einschätzung nach wollte er mit dem Satz «Ihr wisst das doch» nicht jede Frau ansprechen, sondern bezog sich speziell auf schwarze Frauen.
Hinkt dieses Beispiel nicht etwas?
Vielleicht. Aber für mich zeigt es, dass Vorurteile und rassistische Denkmuster in uns allen vorhanden sein können. Deshalb halte ich es für wichtig, stärker dafür sensibilisiert zu sein, damit solche Situationen nicht mehr vorkommen. Gleichzeitig freue ich mich aber auch darüber, dass sich unser Umgang in den letzten Jahren insgesamt positiv verändert hat. Ich schätze diesen Fortschritt. Das Einzige, was ich kritisch sehe, ist die Tendenz zur starken Übertreibung – also diese übermässige Sensibilisierung. Ich habe jedoch den Eindruck, dass die Spitzen langsam wieder abnehmen und gerade ein ausgewogener, respektvoller Umgang miteinander Einzug hält.
Wie hat die Frau Ihres Freundes auf die Frage des Mannes reagiert?
Das ist nicht überliefert. So wie ich sie einschätze, machte sie dem Mann keine Szene, sondern reagierte besonnen und mit gesundem Menschenverstand.
Hape Kerkeling spielt im Film den Präsidenten des Tennisclubs. In einem Interview mit der «Apotheken Umschau» sagte er kürzlich: «Unsere Gesellschaft läuft Gefahr, dass jeder seine Meinung als absolut durchsetzen will. Es laufen zu viele kleine Trumps herum.»
Das könnte ich so unterschreiben. Ich bin ein Freund von Fakten und schätze es nicht, wenn Menschen die eigene Meinung zur Wahrheit hochstilisieren. Leider breitet sich der Trumpismus aber zunehmend aus.
In den sozialen Medien tummeln sich immer wieder Menschen, die Streit geradezu suchen. Ist das einer der Gründe, warum Sie dort nicht anzutreffen sind?
So ist es. Trotzdem äussere auch ich bisweilen in der Öffentlichkeit Meinungen, die dem einen oder der anderen gegen den Strich gehen. Mein Vorteil ist, dass ich mich in keinen dieser Echokammern tummle und so weitgehend geschützt bin, irgendwelche Jauchekübel abzubekommen. Ich weiss nicht einmal, wo diese Shitstorms stattfinden. Deshalb hat es viel Gutes, dass ich kein Mitglied in den sozialen Medien bin.
Für jüngere Schauspieler*innen ist das oft keine Option: Sie müssen in den sozialen Medien stattfinden, sonst erhalten sie keine Rollen.
Ich finde das eine äusserst problematische Entwicklung. Die Zahl der Follower auf Instagram hat doch nichts mit der Qualität meiner Arbeit als Schauspieler zu tun. Sie können sich kaum vorstellen, wie glücklich ich darüber bin, dass ich am 9. Februar 60 Jahre alt werde – und nicht 20, und noch versuchen müsste, als Schauspieler Fuss zu fassen.
Hape Kerkeling findet, jeder einzelne Mensch müsse sich an der einen oder anderen Stelle zurücknehmen, weil «sonst die Gefahr besteht, dass es eskaliert». Haben Sie ähnliche Befürchtungen?
Ich glaube, dass sich unsere Gesellschaft aktuell in einem Flaschenhals befindet – und da müssen wir jetzt erst einmal hindurch. Die Frage ist nur: In welche Richtung werden wir uns bewegen? In die Flasche hinein oder geht es nach draussen? Mir wäre Letzteres lieber, ehrlicherweise.
Der deutsche Komiker Dieter Nuhr hat einmal gesagt: «Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten.» Ich fände es toll, wenn heute noch viel mehr Menschen dieser Forderung nachkommen würden. Darf ich Ihnen noch ein anderes Zitat um die Ohren hauen?
Nur zu.
Der deutsche Kabarettist und Schriftsteller Karl Valentin soll einmal gesagt haben: «Es wurde schon alles gesagt, nur noch nicht von mir.» Ich finde, wir sollten nicht zu allem eine Meinung abliefern und sie im schlechtesten Fall unseren Mitmenschen auch noch ungefragt aufs Brot schmieren. Ich schätze Zurückhaltung – denn sie ist auch eine Haltung.
«Wir sollten nicht zu allem ständig eine Meinung abliefern und sie im schlechtesten Fall unseren Mitmenschen auch noch ungefragt aufs Brot schmieren»: Christoph Maria Herbst.
Bild:Keystone
Denken Sie, dass der Film «Extrawurst» einen Beitrag zu einer konstruktiveren Diskussionskultur leisten wird?
Diesen missionarischen Eifer habe ich nicht. Ich empfände es als schön, wenn der Film manchen Kinobesuchern einen Denkanstoss geben könnte und sie später mit ihren Freunden über die Themen sprechen, die die Figuren in «Extrawurst» diskutieren. Das wäre ein kleiner Sieg für mich. In erster Linie soll unsere Komödie aber gute Unterhaltung bieten. Ich finde nämlich, dass uns dies gut gelungen ist.
Gab es während der Dreharbeiten auch einmal Streit zwischen den Schauspieler*innen?
Ehrlicherweise gar nicht. Vielleicht lag es daran, dass wir unsere Streitenergie schon vor den laufenden Kameras losgeworden sind. In den Drehpausen oder während der Licht- und Kamerabauten hielten wir oft schweigend inne.
Vielleicht kramten Ihre jüngeren Kolleg*innen derweil ihre Smartphones hervor, weil sie dringend einen Post auf Instagram absetzen mussten.
Sie werden – wie erwähnt – demnächst 60 Jahre alt. Wenn Sie zurückblicken, sind Sie mit der Wirkung Ihrer Arbeit als Schauspieler zufrieden?
Huch, darüber habe ich noch nie nachgedacht.
Könnten Sie es jetzt tun?
Ich bin froh, dass ich seit vielen Jahren von meinem Hobby, der Schauspielerei, leben kann. Ehrlich gesagt kann ich auch nichts anderes. Ich habe in den 1980er-Jahren einmal eine Banklehre absolviert. Doch so verzweifelt kann ich gar nicht sein, dass ich noch einmal ins Finanzgeschäft zurückkehren würde.
Natürlich wäre es schön, irgendwann – wenn ich einmal auf dem Totenbett liege – auf mein Leben zurückzublicken und sagen zu können, dass im Laufe meiner Karriere als Schauspieler und Komiker ein stimmiges, vollständiges Mosaik entstanden ist. Dann könnte ich die Augen in Frieden schliessen. Aber keine Sorge: Das hat noch Zeit. Ich werde in einem Monat schliesslich erst 60 Jahre alt.
Wie gelingt es Ihnen als Schauspieler, flexibel zu bleiben und immer wieder völlig unterschiedliche Rollen überzeugend zu spielen?
Möglicherweise habe ich im Laufe meines Lebens zu verschiedenen Zeitpunkten aus dem Bauch heraus weise Entscheidungen getroffen. Hätte ich zum Beispiel nach den fünf Staffeln von «Stromberg» und dem gleichnamigen Kinofilm im Jahr 2014 nicht die Reissleine gezogen und gesagt, dass es das für den Moment war – weil ich auch einmal andere Felder bestellen und auf anderen Wiesen herumtollen wollte –, dann hätte ich vielleicht zehn Staffeln von «Stromberg» gedreht. Und ich wäre heute wahrscheinlich ein sehr wohlhabender Mann. Gleichzeitig hätte mir das aber vermutlich andere Rollen verwehrt, da es meiner Reputation als Schauspieler geschadet hätte.
«Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu»: Christoph Maria Herbst.
Bild:Keystone
Was haben Sie im Laufe Ihres Lebens gelernt?
Wir Menschen sollten öfter auf unser Bauchgefühl hören.
Wie wichtig ist Mut?
Der ist unverzichtbar.
Neben der Komödie «Extrawurst» sind Sie aktuell in den Kinos auch im Film «Stromberg – Wieder alles wie immer» zu sehen. Bedeutet der Film das endgültige Ende von Büroschreck Bernd?
Bekommen Sie als Prominenter manchmal eine Extrawurst, zum Beispiel im Restaurant oder beim Einkaufen?
Solche Momente gibt es schon – dass mich Menschen beim Bäcker vorlassen zum Beispiel. Ich habe aber das Gefühl, dass es inzwischen eher in die Richtung geht: «Komm, lass mal den alten Herrn zuerst. Wer weiss, wie lange er noch hat.» Solche Entwicklungen gefallen mir ehrlich gesagt nicht besonders gut. Ob man das nun eine Extrawurst nennen will, weiss ich nicht. Aber die muss man mir nicht zwingend braten, also bis jetzt nicht. Vielleicht komme ich in zehn Jahren darauf zurück.
Dazu kann ich Ihnen leider keine Erklärung liefern. Tatsache ist aber, dass ich zusammen mit Moritz Netenjakob, einem der Autoren von «Extrawurst», im kommenden Frühling an einigen Orten in der Schweiz mit unserem Comedy-Bühnenprogramm «Das ernsthafte Bemühen um Albernheit» Halt machen werde. Und es wäre natürlich klasse, lieber Herr Bötschi, wenn Sie auf blue News dafür etwas die Werbetrommel rühren könnten. Dann sind die Chancen grösser, dass wir die Läden voll bekommen (lacht).
«Extrawurst» läuft ab Donnerstag, 15. Januar 2026, bei blue Cinema.
Die Komödie basiert auf dem Theaterstück «Extrawurst» von den Comedy-Autoren Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob. Vom 19. bis 21. März wird das Stück in der Comedy Bühne Weisser Wind in Zürich gespielt. Tickets gibt es hier.
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