19.09.2014 - 00:00, aktualisiert: 20.09.2014 - 00:00, Corina Hany / SDA/AWP Multimedia

Gardi Hutter: «Mit meiner Figur würde ich nie an die Fasnacht»

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Die struppige, rote Perücke, eine rote Clownsnase und ein voluminöses Kostüm sind Gardi Hutters Markenzeichen.
Bild: Keystone

 

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Gardi Hutters Figuren sind legendär und am Ende ihrer Bühnenstücke meistens tot. Wieso dem so ist und warum Pfeifen in ihrer Kindheit ein absolutes Tabu war, erzählt die 61-jährige Clownin im Gespräch mit bluewin.ch

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bluewin.ch: Gardi Hutter, was ist eigentlich ein Clown?

Gardi Hutter: Eine uralte Figur, die ihren Ursprung in archaischen Mythologien hat. Der Clown war ein Vermittler zwischen den Lebenden und Toten. Die Toten waren ja noch nie so tot wie heute. 

Was meinen Sie damit?

Früher gehörten die Toten mehr zum Leben. Sie waren weder im Himmel noch in der Hölle, sondern einfach in einer anderen Welt. Und ab und zu sind sie zurückgekommen. Halloween und die Fasnacht sind Überbleibsel aus dieser Zeit. 

Was hat denn der Tod mit Komik zu tun?

Der Clown verbindet Dinge, die unvereinbar sind: Tod und Leben, Schmerz und Freude. Je tragischer die Figur des Clowns ist, umso komischer wird er. In sechs von meinen sieben Stücken sterbe ich.

Wo aber hört der Spass auf?

Eigentlich nirgends. Nach Tragödien gibt es eine Art Schonfrist, die man einhalten muss. Doch es dauert oft nur wenige Wochen, bis die ersten Witze darüber auftauchen. Und auch das Leichenmal beginnt traurig und endet meist fröhlich – in der Regel mit Hilfe von Alkohol.

In Ihrem neuen Stück «Wanderful» spielen Sie sich selbst und beklagen sich, dass Sie niemand ernst nimmt. Haben Sie genug vom Clownsein?

Nein, gar nicht. Aber Krisen auf der Bühne sind lustiger. Perfektion gibt zum Spielen nicht viel her ­ sie ist langweilig. Mit «Wanderful» erfülle ich mir aber etwas, das beim Clownsein zu kurz kommt: Ich singe…

… zusammen mit Sandra Studer und Michael von der Heide. Das Stück spielt in einer Künstlergarderobe. Wie ist die Idee entstanden?

Sandra und ich haben uns vor zehn Jahren eine Garderobe geteilt. Wir mochten uns auf Anhieb. Weil sie gerne mal Theater spielen wollte und ich singen, machten wir vor acht Jahren erst «Drei Bräute für ein Halleluja» und nun mit Michael zusammen «Wanderful».

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Sie sind viel unterwegs. Gibt es etwas, worauf Sie nicht verzichten können?

In diesem Beruf muss man lernen, sich überall schnell daheim zu fühlen. Sonst ist man ein unglücklicher Mensch. Ich bin nicht an Dinge gebunden, ein gutes Buch habe ich aber immer mit dabei.

Sie traten schon auf der ganzen Welt auf. Lacht das Publikum eigentlich an den gleichen Stellen?

Ja. In China allerdings lachen die Menschen dezenter. In Italien lacht zuerst niemand. Wenn sie dann aber lachen, können sie nicht mehr aufhören. Die Deutschen lachen am schnellsten und in Brasilien bekomme ich Standing Ovations, kann aber keine Zugabe spielen, weil alle schon gegangen sind.

Wie ist es mit Kindern, sind sie das bessere Publikum?

Nein, sie lachen einfach an anderen Stellen. Sie finden es beispielsweise lustig, wenn ich umfalle. Die Metaphern jedoch, die ich so liebe, erschliessen sich ihnen nicht. Am liebsten ist mir ein gemischtes Publikum. Bei meinem Stück «Die Schneiderin» wollte ich allerdings erst keine kleinen Kinder im Publikum.

Warum nicht?

Ich dachte, sie fürchten sich davor, weil meine Figur eine Schere im Kopf hat. Das Gegenteil aber war der Fall, sie fanden das total lustig. Sie verbinden die Schere noch nicht mit Schmerz.

Ihr Beruf setzt einen gesunden Körper voraus. Ihre Mutter bekam vom Arzt täglich ein Glas Wein verordnet. Auf welches Hausmittel schwören Sie?

Den Wein muss man mir nicht verordnen, ich verordne ihn mir momentan eher ab. Auf der Bühne muss alles so aussehen, als ob es locker vom Hocker rausgeschüttelt wird. Dahinter steckt aber extrem viel Arbeit. Ich bin selber immer wieder überrascht, wie viel. Manchmal muss ich so viel üben, bis ich fast kotze (lacht).

Als Clownin drücken Sie sich fast ausschliesslich über den Körper aus. Das Sprechtheater wird aber nach wie vor eher als «richtiges» Theater angesehen. Warum?

Das Körper- oder Leibtheater, wie es früher die Komödianten, Harlekine oder Hanswurste ausübten, wurde oft von Staat und Kirche verboten. Der groteske Körper galt als teuflisch und sündhaft. Als die Aufklärung dann noch den Geist vom Körper trennte ­ «Ich denke, also bin ich» ­ versetzte dies dem Leibtheater den Todesstoss. Dabei ist diese Trennung absurd.

Gardi Hutter - Das Interview

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In einer streng katholischen Familie aufgewachsen, kennen Sie diese Negativität gegenüber dem Körperlichen aus Ihrer Kindheit.

Ja. So lernte ich noch, wenn ein Mädchen pfeift, weint im Himmel die Mutter Gottes. Also verkniff ich mir das Pfeifen. Niemand will, dass Mutter weint.

Der Beruf der Clownin lag da nicht gerade nahe.

Ich begann schon als Teenager zu zweifeln. Dann kamen die 68er, freie Liebe, selber denken, selber entscheiden. Ich musste nicht lange überlegen, was mir besser gefällt.

Als Clownin tragen Sie ein Kostüm, das Ihnen viel Körperumfang verleiht. Was für ein Kostüm würden Sie auf einem Maskenball tragen?

Sicher etwas Gegenteiliges. Mit meiner Figur würde ich nie an die Fasnacht ­ sie ist mein Beruf. Und doch: An einer Fasnacht in Bellinzona war ich mit einem Fetzenkostüm und einem weissen Kopf mit drei roten Haaren unterwegs. Morgens um drei Uhr, in der Warteschlange vor der Toilette, schaute mich eine Frau nachdenklich an und sagte: «Sie gleichen der Gardi Hutter» (lacht herzhaft).

Gardi Hutter in Zahlen

Gardi Hutter - Das Interview

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