Heiner Lauterbach über Schauspielstars «Das ist Quatsch und einer der grössten Irrtümer der Filmgeschichte»

Bruno Bötschi

8.11.2025

«Wenn im Actionfilm Leute aufeinander schiessen, von denen man gar nicht weiss, wer sie sind, interessiert es mich nicht»: Heiner Lauterbach.
«Wenn im Actionfilm Leute aufeinander schiessen, von denen man gar nicht weiss, wer sie sind, interessiert es mich nicht»: Heiner Lauterbach.
Bild: Elena Zauke

Im ARD-Krimi «Hagen Benz – Das Böse in dir» spielt Heiner Lauterbach einen mysteriösen Ex-Kommissar. Dabei erweist sich der 72-Jährige wieder einmal als Mensch mit grosser Ausstrahlung.

Teleschau

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  • Im ARD-Krimi «Hagen Benz – Das Böse in dir», der heute Samstag, 8. November, 20.15 Uhr, gezeigt wird, verkörpert Heiner Lauterbach einen mysteriösen Ex-Polizisten.
  • Die Chancen scheinen gut, dass das Format bei hohen Einschaltquoten zur TV-Reihe werden könnte.
  • Im Interview erklärt der Schauspieler, warum Krimis heute anders funktionieren als in den 1980er- und 90er-Jahren.
  • Dazu verrät der 72-Jährige, warum es alternativlos ist, sich auch im Alter der Leidenschaft zuzuwenden – und keinesfalls nur die Füsse hochzulegen.

Heiner Lauterbach, Sie halten sich seit Jahrzehnten von Rollen als Ermittler in Krimireihen oder Serien fern. Nun sieht es so aus, als würden Sie Ihre Meinung ändern ...

Ob «Hagen Benz» eine Reihe wird, wissen wir ja noch nicht. Das entscheiden die Zuschauer.

Sie sind seit langem einer der prominentesten deutschen Schauspieler. Da hat man doch bestimmt öfter einmal ein Angebot vom «Tatort» bekommen.

Ja, sicher. Eines war sehr konkret, vor zehn oder zwölf Jahren. Doch ich werde nicht verraten, was es war. Es wäre unfair dem Kollegen gegenüber, der die Rolle dann tatsächlich bekommen hat.

Ihr Hagen Benz ist eine geheimnisvolle Männerfigur. Kann man solche Typen heute anders erzählen als in den 80-ern oder 90-ern?

Ich denke schon. Wir erzählen heute psychologischer als damals. Auch in der Primetime. Da dürfen heute auch Männer Schwächen und Geheimnisse haben. Am Ende sind gute Geschichten aber einfach gute Geschichten – in den 80-ern, 90-ern und heute.

Seit der griechischen Tragödie haben die Menschen verstanden, wie Geschichten funktionieren: Junge liebt Mädchen, guter Mann gegen böser Mann – und so weiter. Es sind die zutiefst menschlichen Wünsche, Leidenschaften und Katastrophen, an denen die Leute Interesse haben. Das wird sich niemals ändern.

Sie spielen – wie zuletzt in der TV-Serie «Turmschatten» – einen meist schweigenden charismatischen Mann mit Geheimnis. Ihre Paraderolle im Alter?

Ja, so scheint es (lacht). Der wortkarge Einzelgänger, bei dem jeder seiner wenigen Sätze eine Tonne wiegt. Selbst dann, wenn er sich nur Pommes frites bestellt. Solche Leute bietet die Realität eher selten.

Ich weiss natürlich: Menschen im Film sind gern mal larger than Life. Doch mir gefällt auch das andere, das völlig Natürliche. Am Ende ist es egal, was funktioniert. Charaktere im Film müssen spannende Dinge tun, das ist das A und O. Wobei Spannung von vielen Leuten mit Action durcheinander gebracht wird. Meiner Meinung nach ist Action nicht per se spannend.

Wie meinen Sie das?

Wenn im Actionfilm Leute aufeinander schiessen, von denen man gar nicht weiss, wer sie sind, interessiert es mich nicht. Wenn sich dagegen eine grosse Liebe knapp verpasst, weil er mit der Straßenbahn vorbeifährt und sie es nicht sieht, ist das wesentlich emotionaler und spannender. Das erste Gebot für uns Filmemacher ist: Spannung erzeugen. Was oft verwechselt wird mit quietschenden Reifen.

Im ARD-Krimi «Hagen Benz – Das Böse in dir» spielt Heiner Lauterbach einen mysteriösen Ex-Kommissar und unterrichtet die Tochter seiner Ermittlungspartnerin Dorea (Stella Spörrle) in seinem Kampfsportstudio.
Im ARD-Krimi «Hagen Benz – Das Böse in dir» spielt Heiner Lauterbach einen mysteriösen Ex-Kommissar und unterrichtet die Tochter seiner Ermittlungspartnerin Dorea (Stella Spörrle) in seinem Kampfsportstudio.
Bild: ARD Degeto Film/filmpool fiction

Kommen wir noch einmal zu Ihren alten Krimi-Serienrollen. «Faust» und «Eurocops» liefen im ZDF während der späten 1980-er und 90-er. Sind Krimis heute besser oder schlechter als früher?

Krimis wollten damals nicht mehr sein als Krimis – so würde ich es formulieren. Die beiden Serien, die sie ansprechen, waren typische Freitagabend-Krimis im ZDF. Die liefen in der Tradition von «Der Kommissar», «Der Alte», «Derrick» oder «Ein Fall für zwei». Wenn man sich diese Formate heute anschaut, wirken die total überholt. Sie wirken oberflächlich und banal.

Das hat natürlich mit Zeitgeist und Geschmack zu tun. Vielleicht sagen wir in 20 Jahren dasselbe über die heutigen Krimis. Ein paar wenige von damals sind auch gut gealtert. Oft hat dies mit den Darstellern zu tun. Wenn ich zum Beispiel Erik Ode in «Der Kommissar» sehe oder auch Leute wie O.W. Fischer – die hatten eine unglaubliche Natürlichkeit. Sie hat diese Schauspieler zu Stars gemacht, denen man auch heute noch gern zusieht. Das grösste Geheimnis der Schauspielerei ist für mich die Natürlichkeit.

Was macht Schauspieler zu Stars?

Ich bin in dieser Frage zwiegespalten. Beides kann anziehend sein und funktionieren. Sie treffen hier auf einen alten Clint Eastwood-Fan. Er hat als Schauspieler die Charisma-Theorie extrem bestärkt. Eastwood hatte eine unglaubliche Ausstrahlung in seinen Rollen. Auch Steve McQueen hatte die oder Alain Delon.

Bei Filmen wie «Der eiskalte Engel» haben die Leute dann über Delon gesagt: Der spielt doch immer nur sich selbst. Das ist Quatsch und einer der grössten Irrtümer der Filmgeschichte. Man hat das über viele Stars gesagt, dass sie sich immer selbst spielen, doch es bleibt falsch. Sie hatten einfach diese besondere Ausstrahlung, die eben in jeder Rolle wirkt.

Jetzt haben Sie vorwiegend Stars von früher erwähnt ...

Ich bin gedanklich beim Charisma hängengeblieben. Heute gibt es natürlich auch fantastische Schauspieler. Dabei sind männliche Stars häufig ein bisschen androgyn, ganz andere Typen als damals.

Nehmen wir Leonardo DiCaprio: Er ist ein Wahnsinns-Schauspieler, aber doch anders als jene Typen, die ich eben genannt habe. Vielleicht will man weg von diesen kernigen männlichen Typen. Vielleicht will man die gerade nicht sehen, selbst wenn auch sie vielschichtig waren. Männerbilder wandeln sich mit der Zeit, auch im Kino und Fernsehen.

Sie sind jetzt 72 Jahre alt. Trotzdem wirkt es keineswegs so, als wollten Sie beruflich kürzertreten ...

Nein, ich habe gerade einen Netflix-Film abgedreht und auch zwei neue Kinokomödien kommen im nächsten Jahr. Ausserdem stecke ich viel Zeit in ein Projekt mit meiner Frau Viktoria.

Bei «Meet Your Master» geben prominente, sehr erfolgreiche Menschen in ausführlichen Kursen ihr Wissen preis. Das haben wir zunächst online organisiert, aber jetzt hatten wir auch ein erstes Live-Event. Mir macht auch diese Arbeit grossen Spass.

Im ARD-Krimi «Hagen Benz – Das Böse in dir» mischt sich Ex-Kommissar Hagen Benz (Heiner Lauterbach) in einen Fall der taffen Chefermittlerin Elena Weber (Julia Koschitz) ein.
Im ARD-Krimi «Hagen Benz – Das Böse in dir» mischt sich Ex-Kommissar Hagen Benz (Heiner Lauterbach) in einen Fall der taffen Chefermittlerin Elena Weber (Julia Koschitz) ein.
Bild: ARD Degeto Film/filmpool fiction

Sind Sie Anhänger der These, dass ein Mensch nie in Rente gehen sollte, solange sie oder er noch gesund ist?

Ja, das würde ich unterschreiben. Was uns Menschen glücklich und gesund hält, ist Leidenschaft. Immer dann, wenn wir Leidenschaft für etwas empfinden, geht es uns gut. Wir fühlen uns lebendig, eingebunden, bedeutsam.

Menschen brauchen das Gefühl, dass sie bedeutend und nützlich für die Gesellschaft sind. Deshalb sind viele Leute, die aus der Arbeitswelt rausgeschubst wurden, so unglücklich. Dann ist es nicht mehr weit, bis man selbst keine Lust mehr aufs Leben hat.

Was gibt uns das Gefühl, bedeutsam zu sein?

Das kann vieles sein. Vielleicht entscheidet man sich dafür, auf dem Friedhof Blumen zu pflanzen und trauernden Menschen eine Freude damit zu machen. Oder man ist Busfahrer und strebt danach, dass alle Kinder mit einem mitfahren wollen, weil man der beliebteste Busfahrer ist. Wir müssen keine weltbewegenden Dinge tun oder grosse Stars sein, um das Gefühl von Bedeutung zu erfahren. Das Leben schafft unendlich viele Möglichkeiten dafür.

Ich kann nur jedem, der in Rente geht und gesundheitlich einigermassen fit ist, raten: Machen Sie etwas aus dieser Lebensphase. Gehen Sie in Alten- und Pflegeheime. Besuchen Sie Menschen, die einsam sind. Und ich finde auch, dass solche Tätigkeiten auch bezahlt werden sollen. Auch das ist eine Form von Wertschätzung, die wichtig für uns als Menschen ist.

Was ist für Sie das Wichtigste, um ein glückliches Leben zu führen?

Manche würden sagen, es ist die Liebe. Aber man sollte die Leidenschaft nicht unterschätzen. Man kann die übrigens auch alleine leben, unabhängig von einer engen Beziehung. Aber natürlich im Verbund mit anderen Menschen, je nachdem, was man tut.

Ich wurde als Schauspieler gefragt, was in meinem Beruf wichtiger ist: Talent oder Leidenschaft. Viele sagen wahrscheinlich: Talent. Nach reiflicher Überlegung komme ich zu einer anderen Antwort, übrigens nicht nur für den Schauspielberuf: Talent ist wichtig, aber es führt zu nichts, wenn man keine Leidenschaft spürt. Wer leidenschaftlich ist, wird immer besser in dem, was er tut. Das ist für mich ein grosser Faktor fürs Glück, das wir uns alle wünschen.


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