Gerichtsprozess in Mailand Die grösste Influencerin Italiens könnte ins Gefängnis kommen – wegen eines Kuchens

Noemi Hüsser

5.12.2025

Die italienische Influencerin Chiara Ferragni bei einem Gerichtstermin im November.
Die italienische Influencerin Chiara Ferragni bei einem Gerichtstermin im November.
Bild: Keystone

Sie war die Vorzeigefigur im Influencer-Business, nun drohen ihr fast zwei Jahre Haft. Chiara Ferragnis Fall ist mehr als ein Skandal – er ist ein Lehrstück über Schein und Sein im Influencer-Zeitalter.

Noemi Hüsser

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  • Chiara Ferragni steht in Italien wegen irreführender Werbeaktionen mit Weihnachtskuchen und Ostereiern vor Gericht; die Staatsanwaltschaft fordert 20 Monate Haft.
  • Der Skandal, bekannt als «Pandorogate», führte zu massiven Reputationsverlusten, wirtschaftlichem Einbruch ihres Unternehmens und politischen Konsequenzen wie dem «Ferragni-Gesetz».
  • Parallel zerbrach auch ihre Ehe mit Rapper Fedez. Seit 2025 versucht Ferragni, ihr Image öffentlich zu rehabilitieren.

Der grössten italienischen Influencerin Chiara Ferragni drohen fast zwei Jahre Haft. Die kurze Version der Geschichte ist die: Sie hat Kuchen verkauft. Die lange Version ist ein Lehrstück in Sachen Transparenz und Glaubwürdigkeit von Influencer*innen. Sie geht so:

Die heute 38-jährige Chiara Ferragni ist für Influencer*innen eine Pionierin, so was wie ein Prototyp. Als sie 2009 ihren eigenen Fashionblog launchte, war sie 22 Jahre alt und Rechtsstudentin. Als sie das Studium kurz vor Ende abbrach, um sich ausschliesslich auf den Blog zu konzentrieren, war sie eine der ersten, die das Influencen zu ihrem Job machte.

Daraufhin wuchs ihr Imperium rasant: Sie brachte eine eigene Schuhlinie heraus, zierte als erste Bloggerin eine «Vogue»-Titelseite, es erschien sogar eine Barbie nach ihrem Vorbild. Sie sei die «Kim Kardashian von Italien», hiess es. Zu ihrer Influencerkarriere kamen Kleidergeschäfte, Immobilien und eine Realityshow dazu. 2023 wurde der Wert ihres Holdingunternehmens, das alle ihre Geschäftsaktivitäten bündelt, auf 75 Millionen Euro geschätzt. 2024 hatte sie auf Instagram fast 30 Millionen Follower.

Das «Pandorogate»

Doch dann kamen die Kuchen. 2022 hatte Ferragni in Kooperation mit dem Backwarenhersteller Balocco traditionelle italienische Weihnachtskuchen – Pandoro genannt – verkauft. Auf einem Aufkleber auf den Boxen stand, dass Ferragni und Balocco das Spital Regina Margherita in Turin unterstützten. Der Kuchen kostete 9 statt normalerweise 3,70 Euro.

Ein Jahr später, im Dezember 2023, sanktionierte die italienische Wettbewerbsbehörde Ferragni für unlautere Geschäftspraktiken. Ferragni habe die Öffentlichkeit in die Irre geführt – die Botschaften auf dem Kuchen würden den Eindruck erwecken, dass jeder Kuchenkauf dem Spital zugutekomme. Dem war aber nicht so. Stattdessen hatte Balocco zuvor eine einmalige Spende in der Höhe von 50'000 Euro an das Spital gemacht, und Ferragni für die Kampagne eine Million Euro gezahlt. Ferragni erhielt daraufhin eine Busse in Höhe von einer Million Euro. Balocco musste 420'000 Euro bezahlen.

Doch grösser war der Schaden für ihren Ruf. Influencerin zu sein bedeutet, Produkte und Unternehmen fast vollständig auf persönlicher Authentizität aufzubauen – eine Entwicklung, die Ferragni selbst massgeblich geprägt hat. Für sie war ein solcher Vertrauensbruch daher existenziell.

Ferragni verlor wegen des «Pandorogate», wie der Skandal bald genannt wurde, immer mehr Follower. Sie entschuldigte sich zwar in einem Video, das sie auf Instagram veröffentlichte, doch kaum jemand kaufte ihr die Reue ab. Ferragni sei zu fest geschminkt, trage einen zu teuren Pullover und ihre Entschuldigung sei uneinsichtig, hiess es.

Sie habe einen «Kommunikationsfehler» begangen, sagte Ferragni im Video. Und sie werde eine Million Euro an das Spital Regina Margherita spenden. Sie kündigte auch an, gegen die Wettbewerbsbehörde vorzugehen, weil sie das Urteil für unverhältnismässig und ungerecht halte. «Mein Fehler in gutem Glauben bestand darin, eine kommerzielle Aktivität mit einer Solidaritätsaktion zu verbinden», sagte sie.

«Banditin» und «Betrügerin»

Während sie zuvor fast täglich einen neuen Instagrambeitrag publiziert hatte, blieb es daraufhin auf ihrem Account ganze 18 Tage lang still. Werbepartner gingen auf Distanz, Coca-Cola strahlte einen bereits aufgezeichneten Werbespot mit ihr nicht aus, ihr Kleiderladen in Rom wurde randaliert. «Banditin» und «Betrügerin» schrieb jemand auf die Fassade des Geschäfts.

Dabei blieb es nicht: Die italienische Premierministerin Giorgia Meloni kündigte an, dass sie Influencer*innen stärker überwachen will. «Wahre Vorbilder sind nicht Influencer*innen, die teure Kuchen bewerben und dabei so tun, als sei es für einen guten Zweck, obwohl es in Wirklichkeit nur darum geht, ihre millionenschweren Honorare zu bezahlen», sagte sie.

Das italienische Parlament verabschiedete kurz darauf eine entsprechende Gesetzesreform, das von da als «Ferragni-Gesetz» bekannt ist. Auch eine strafrechtliche Untersuchung wurde eröffnet.

Im Jahr darauf brach Ferragnis Imperium ein: 2024 stand die Holdinggesellschaft von Ferragni kurz vor der Insolvenz, als der Umsatz von 14 Millionen Euro im Jahr 2022 auf 2 Millionen Euro im Jahr 2024 sank und mehr als 10 Millionen Euro Verlust erzielte.

Auch die Ehe ging in die Brüche

Ziemlich gleichzeitig zum «Pandorogate» geriet auch Ferragnis Ehe ins Wanken. Ferragni und der italienische Rapper Fedez, bürgerlich Federico Leonardo Lucia, haben 2018 geheiratet. Es war ein riesiges Spektakel: Die Trauung fand auf Sizilien statt, dauerte drei Tage und Ferragni trug drei verschiedene Kleider von Dior.

Unter dem Label «Ferragnez» wurden Ferragni und Fedez zur Couple-Marke, und mit den Geburten ihrer Kinder 2018 und 2021 zur Familienmarke. Für Ferragni bedeutete das nicht nur Familienglück, sondern auch Zugang zu neuen Zielgruppen, neuen Werbepartnern, neuen Deals. Die Ehe war damit nicht nur privat, sondern auch geschäftlich ein Pfeiler ihres Erfolgs.

Doch im Februar 2024 wurde ihre Trennung öffentlich, im November liessen sie sich scheiden. Später kursierten Gerüchte und gegenseitige Vorwürfe. Ferragni soll Fedez betrogen haben, er wiederum habe während der ganzen Beziehung eine Affäre geführt. Ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag habe er sie eigentlich verlassen wollen – habe aber nicht gewusst, wie er öffentlich einen Rückzieher machen sollte. Getrennt habe er sich nur, um sein Image vor Ferragnis Betrugsvorwürfen zu schützen.

So erzählte es zumindest Ferragni Anfang 2025. Es ist für sie das Jahr, in dem sie sich zu rehabilitieren versucht. Sie tritt wieder öfter öffentlich auf, ziert Magazin-Covers und postet Werbedeals. Und bis dahin hat sie über 3,4 Millionen Franken für Spenden, Bussen und Abfindungen ausgegeben, um den Betrugsskandal beizulegen.

2025 ist aber auch das Jahr, in dem die italienische Staatsanwaltschaft eine strafrechtliche Untersuchung zum «Pandorogate» abschliesst und Ferragni vor Gericht bringt.

Der Prozess

Die Anklage umfasst nicht nur die Kuchen: Ferragni soll 2021 und 2022 mit dem Süsswarenproduzenten Dolci Preziosi auch Ostereier verkauft haben, deren Verpackung Käufer*innen zu der irrtümlichen Annahme verleiten konnte, sie würden eine Kinderhilfsorganisation unterstützen.

Der Prozess gegen Ferragni begann diesen September in Mailand, die Staatsanwaltschaft fordert 20 Monate Haft. Laut italienischem Gesetz wären sogar bis zu fünf Jahre möglich.

Heute, am 5. Dezember, geht die Verhandlung weiter und es wird Ferragnis Verteidigung sprechen. Sie bestreitet die Vorwürfe und sagt, die Influencerin habe kein Verbrechen begangen. «Wir haben alles in gutem Glauben getan», sagte Ferragni selbst, als sie im November erstmals persönlich vor Gericht erschien.

Ein Urteil wird im Januar erwartet. Ein Urteil, das die erste Influencerin auch zur ersten machen könnte, die an die Grenzen ihrer Branche stösst.


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