Zwei Väter, ein Sohn

Wenn eine ganz normale schwule Familie zerbricht

Von Bruno Bötschi

13.4.2022

In der Dramödie «Der unsichtbare Faden» will ein Teeanger eine Doku über LGBTQIA+-Rechte in Italien drehen. Er wählt seine zwei schwulen Väter als Thema. Dummerweise steht deren Beziehung kurz vor dem Aus.

Von Bruno Bötschi

13.4.2022

Als der Moderator die allerletzte Frage stellt, erstarren die Gesichtszüge von Tony Drewitt-Barlow. Zusammen mit seinem Mann Barrie sitzt er in einer TV-Morgensendung, um zu erklären, warum sie Kinder haben wollen.

«Sind Sie sich im Klaren darüber, dass die Natur es nicht vorgesehen hat, dass Schwule Kinder bekommen?», fragte der TV-Mann. Drewitt-Barlow zögert, dann sagt er: «Die Natur hat dem Menschen ein Gehirn gegeben, um Hindernisse zu überwinden.»

Dieses Fernsehinterview aus Grossbritannien liegt über 20 Jahre zurück.

Heute sind die unterschiedlichsten Familien-Konstellationen verbreitet – von Patchwork bis zu alleinerziehenden Eltern. Und es gibt auch immer mehr Regenbogenfamilie. Familien also, bei denen Kinder bei zwei gleichgeschlechtlichen Partnern leben.

Innige Liebe

Trotzdem haben es neue Familienkonzepte nach wie vor schwer in unserer Gesellschaft. Längst nicht alle Menschen wollen sich etwa daran gewöhnen, dass zwei schwule Väter auch Kinder haben können.

Erfahren muss dies auch Leone (gespielt von Francesco Gheghi) in der italienischen Netflix-Dramödie «Der unsichtbare Faden». Der Teenager will für ein Schulprojekt eine Doku über LGBTQIA+-Rechte in Italien drehen. Er möchte dies anhand seiner eigenen Regenbogenfamilie tun.

Leone ist mit zwei Vätern aufgewachsen. Er liebt beide, auch wenn Paolo (Filippo Timi) und Simone (Francesco Sianna) manchmal etwas eigen sind. Aber welche Eltern bitte schön sind das nicht?

Genau deshalb ist «Der unsichtbare Faden» ein wunderbarer Film. Weil er eine ganz normale schwule Familie zeigt. Und einem dabei immer wieder aufzeigt, wie auch sogenannte aufgeklärte Menschen manchmal mit Vorurteilen und Stereotypen im Kopf zu kämpfen haben.

Trennung naht, Rosenkrieg droht

Erzählt wird «Der unsichtbare Faden» aus der Sicht des Sohns Leone. Es geht weniger darum, was seine Väter für eine Ehe führen, sondern was dies für den Nachwuchs bedeutet.

Während zwischen den Vätern ein Rosenkrieg droht, verliebt sich Leone in eine Schulkollegin. Es folgt ein Wechselbad der Gefühle – auch deshalb, weil einige von Leones Mitschüler*innen ihn aufgrund seiner Eltern ebenfalls für schwul halten.

Irgendwann taucht auch noch die biologische Mutter auf – und die Frage, welcher der Väter wirklich Leones Erzeuger ist? Hat der Samen von Paolo oder Simone gewonnen? Das sorgt für weitere Konflikte im Drei-Männer-Haushalt.

Rasch wird klar: Regenbogen-Familien sind gar nicht so viel anders als traditionelle. Sie haben bisweilen sogar mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Manche scheitern und zerbrechen daran, andere funktionieren ein Leben lang.

Trotz Scheidung eine Familie

Ach ja, die eingangs erwähnten Tony und Barrie Drewitt-Barlow sind übrigens auch kein Paar mehr. Nach 32 Jahren gemeinsamen Jahren verliess Barrie 2020 seinen Ehemann für den 25 Jahre jüngeren Ex-Freund seiner Tochter.

Wer einen Rosenkrieg erwartet hat, liegt allerdings falsch. Alle leben bis heute unter einem Dach zusammen.

Familie halt.

Die italienische Dramödie «Der unsichtbare Faden» ist auf Netflix zu sehen.