Dritte Staffel im Check«Euphoria» ist erwachsen geworden – und es tut der Serie überhaupt nicht gut
Noemi Hüsser
10.4.2026
Zendaya in der dritten Staffel von «Euphoria». Es könnte die letzte sein, wie die Schauspielerin schon angedeutet hat.
Bild:Patrick Wymore/HBO
«Euphoria» war einst ein prägendes Teenager-Drama. In der dritten Staffel sind die Figuren erwachsen. Damit verschiebt sich der Ton der Serie – und das nicht zu ihrem Vorteil.
Die dritte Staffel von «Euphoria» startet mit hohen Erwartungen, wirkt aber trotz vertrauter Ästhetik und Themen inhaltlich deutlich verändert und teils orientierungslos.
Durch den Zeitsprung zu jungen Erwachsenen verschiebt sich der Fokus von Teenager-Drama zu kriminellen Handlungssträngen, wodurch ein zentraler Teil der ursprünglichen Identität verloren geht.
Die Produktion war von mehrfach überarbeiteten Drehbüchern, kreativen Differenzen und dem Wegfall zentraler Figuren geprägt, was sich in der Erzählung widerspiegelt.
Sie habe «keine fucking Ahnung, was da eigentlich los ist», sagte Schauspielerin Hunter Schafer, die in «Euphoria» Jules spielt, im Sommer 2024, als sie in einem Podcast auf die dritte Staffel der Erfolgsserie angesprochen wurde.
Zwei Jahre später ist die dritte Staffel zwar da – sie startet ab dem 12. April auf HBO+ –, aber wir haben immer noch keine verdammte Ahnung, was genau los ist.
Als die erste Staffel von «Euphoria» 2019 erschien, war es das Teenager-Drama des Jahres. Es hiess, sie sei «ein Albtraum für Eltern». Die Serie zeigte Exzess, Drogenmissbrauch, Sexualität, Gender und Depression – ungeschönt, übertrieben explizit, direkt, schockierend und gleichzeitig überraschend sensibel.
Gerade dafür wurde sie von Kritiker*innen gelobt. 2022 kam die zweite Staffel raus. Die Serie erhielt insgesamt neun Emmys, Schauspielerin Zendaya gewann für ihre Darstellung der drogenabhängigen Rue gleich zweimal den Emmy als beste Hauptdarstellerin.
«Ob es funktioniert oder nicht, weiss ich nicht»
Dass die Erwartungen für die dritte und womöglich letzte Staffel hoch sind, ist selbstverständlich. So stellte schon der Trailer einen Rekord für HBO auf: 157 Millionen Views in zwei Tagen – mehr als jede HBO-Serie zuvor.
Doch viele Fans waren irritiert. «Dieser Trailer gibt mir das Gefühl, dass ich entweder eine Staffel verpasst habe oder es sich um eine ganz neue Serie handelt», kommentierte jemand. Hauptdarsteller Jacob Elordi bestätigt das, indem er letzten Dezember in einem Interview sagte: «Es ist etwas ganz anderes. Ob es funktioniert oder nicht, weiss ich nicht.»
Ganz sicher sind wir uns da auch nicht – zumindest nicht nach dem Schauen der ersten drei Folgen, die bereits für Kritiker*innen zugänglich sind.
Die gute Nachricht: «Euphoria» ist immer noch «Euphoria». Rue führt weiterhin als Erzählerin durch die Geschichte und klärt uns über die vergangenen Jahre auf.
Denn die dritte Staffel setzt rund fünf Jahre nach dem Ende der zweiten Staffel an. Die Figuren sind nicht mehr in der High School, sondern junge Erwachsene. Rue schmuggelt Fentanyl über die Grenze von Mexiko in die USA. Nate (Jacob Elordi) hat das Bauunternehmen seines Vaters übernommen und will Cassie (Sydney Sweeney) heiraten. Die verbringt ihre Zeit damit, für Social Media «Content» zu produzieren – indem sie mit Leine und hechelnd als Hund posiert und sich von ihrer Haushälterin dabei fotografieren lässt. Jules (Hunter Schafer) studierte Kunst und verdient ihr Geld jetzt als Sugar Baby.
«‹Euphoria› war nie nur eine Serie über Drogen und Gewalt – sondern auch über das Teenagersein. Und sie fand eine eigene, unverwechselbare Sprache dafür»
Visuell bleibt sich die Serie treu und schafft für die Staffel einen einzigartigen Look und eine eigene Stimmung. Der Drehbuchautor und Regisseur Sam Levinson nennt sie die «God and Country season» – die Gott- und Country-Staffel. Die Atmosphäre erinnert an einen Western, die Bilder wirken, als liege eine goldene Staubschicht über allem.
Auch thematisch ist vieles vertraut: Es geht weiterhin um Exzess, Gewalt, Schmerz und Missbrauch. Die Serie bleibt brutal, überzeichnet und in ihren extremsten Momenten fast selbstironisch.
Doch die schlechte Nachricht ist: Trotz all dem fühlt sich die dritte Staffel nicht wie «Euphoria» an. «Euphoria» war nie nur eine Serie über Drogen und Gewalt – sondern auch über das Teenagersein und das Erwachsenwerden. Und sie fand eine eigene, unverwechselbare Sprache, um genau diese Dynamiken zu erzählen.
Serie verliert genau das, was sie besonders gemacht hat
Jetzt sind die Figuren erwachsen. Es gibt weniger Liebesdramen, dafür mehr kriminelle Konflikte. An die Stelle von testosteronvollgepumpten High-School-Boys, die in Schlägereien ihre toxische Männlichkeit beweisen mussten, sind Gang-Mitglieder getreten, die um Drogen, Geld oder Macht kämpfen.
Vielleicht ist das konsequent. Die High School kann eben nicht ewig gehen. Die Staffel will und muss anders sein.
Vielleicht verliert die Serie damit aber genau das, was sie einmal besonders gemacht hat. Sie ist nicht mehr der Eltern-Albtraum, weil man nicht mehr Teenagern zuschaut, die man selbst oder die eigenen Kinder sein könnten. Sondern sie folgt irgendwelchen Mit-Zwanzigern, die sich durch ihr besonders dramatisches Leben kämpfen – wie es viele andere Serien ebenfalls tun.
Jules (Hunter Schafer) hat Kunst studiert und arbeitet als Sugar Baby. Die ersten Foglen der neusten Staffel kommen fast komplett ohne sie aus.
Patrick Wymore/HBO
Dass diese Veränderung nicht ganz greift, könnte daran liegen, dass selbst die Menschen hinter «Euphoria» lange nicht genau wussten, wie sie die Geschichte weitererzählen wollten. So hiess es im März 2024, dass Autor und Regisseur Levinson mehrere Versionen der neuen Staffel schrieb – doch weder HBO noch Hauptdarstellerin Zendaya seien mit den Drehbüchern durchgehend zufrieden gewesen. In einer Fassung sollte Rue nur eine Nebenrolle spielen und als Privatdetektivin arbeiten, in einer anderen war eine Geschichte geplant, in der sie als Leihmutter auftritt.
Diese Suche nach einer Richtung ist der fertigen Staffel deutlich anzumerken.
Die romantisch-tragische Beziehung zwischen Rue und Jules rückt in den Hintergrund. Die ersten Folgen kommen fast ohne Jules aus – dabei war gerade diese Darstellung queerer Liebe in «Euphoria» besonders, weil sie das Queersein nie selbst zum Hauptthema erklärte.
Figuren wie Lexi (Maude Apatow) treten ebenfalls in den Hintergrund. Sie arbeitet mittlerweile in Los Angeles als Assistentin an einer TV-Show und kommt in den ersten Folgen kaum vor. Ihre Geschichte – ebenso wie ihre Liebesgeschichte mit Drogendealer Fez, die in der zweiten Staffel angedeutet wird – bleibt damit unvollendet.
Cassie (Sydney Sweeney) strebt in der dritten Staffel immer noch nach Bestätigung.
Patrick Wymore/HBO
Das liegt daran, dass der Schauspieler Angus Cloud, der Fez spielte, 2023 an einer Drogenüberdosis verstorben ist. In der Serie lebt er noch. Er sitze im Gefängnis, heisst es. «Es gibt viele Szenen, in denen Leute mit ihm telefonieren. Ich dachte mir, wenn ich ihn im wirklichen Leben nicht am Leben erhalten konnte, dann könnte ich es zumindest in der Serie tun», sagte Levinson über die Entscheidung. Es sei eine Art, Cloud Ehre zu erweisen. Doch emotional funktioniert das nicht wirklich. Wenn Rue mit ihm telefoniert und darüber scherzt, dass er aus dem Gefängnis ausbrechen könnte, springen die Emotionen nicht mehr über.
Und Barbie Ferreira, welche die Figur Cat spielte, hat die Serie verlassen. Schon in der zweiten Staffel musste ihr Charakter zurückstecken, nun ist Ferreira ganz weg. Es sei eine gegenseitige Entscheidung gewesen, sagte sie kürzlich in einem Podcast. «Ich glaube, es gab keine Perspektive für Cat», so Ferreira. «Ich wollte nicht die ‹dicke beste Freundin› spielen, und die Produzent*innen wollten das auch nicht.»
Musikerin Rosalía und Schauspielikone Sharon Stone neu dabei
Die Screentime verschiebt sich stattdessen stärker auf Cassie (Sydney Sweeney). Viel dreht sich um ihr Streben nach Bestätigung und ihre Beziehung zu Nate, der plötzlich deutlich weniger toxisch wirkt als in den bisherigen Staffeln. Cassie hat auch in dieser Staffel wieder mehrere emotionale Ausbrüche – sie sind zwar unterhaltsam, wiederholen sich aber zunehmend und wirken, als versuche die Serie, ihre Zusammenbrüche aus der zweiten Staffel zu imitieren, die damals noch besonders gut funktioniert haben.
Ein Lichtblick sind die Szenen mit Eric Dane, der kurz nach den Dreharbeiten an der Nervenkrankheit ALS verstorben ist. Seine Auftritte als Nates Vater Cal haben eine eindrückliche Präzision und Intensität.
Auch neue Gesichter sind zu sehen – sie bringen zwar Erfrischung, können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele der bekannten Figuren dafür erzählerisch geopfert wurden. Da wäre etwa Popmusikerin Rosalía, die eine Stripperin spielt und für die Rolle extra Pole-Dance gelernt hat. Sie sei ein «riesiger Fan» der Serie gewesen und habe darum gebettelt, vorsprechen zu dürfen, sagte sie. Ebenfalls spielt Schauspielikone Sharon Stone neu mit.
«Eine Serie, die so stark von ihrer eigenen Identität gelebt hat, kann sich nicht einfach neu erfinden, ohne daran gemessen zu werden»
Als wäre das nicht schon genug Veränderung und Drama, hat kurz vor dem Start der neuen Staffel noch der Musiker Labrinth gegen die Serie ausgeteilt. «Ich habe genug von dieser Branche», schrieb der Künstler auf Instagram. «Scheiss auf Euphoria. Ich bin raus. Danke und gute Nacht.» Seine Musik hat «Euphoria» geprägt und er hat zusammen mit Hans Zimmer an der dritten Staffel gearbeitet.
Offensichtlich tut es dieser Staffel nicht gut, wenn sie mit ihren Vorgängern verglichen wird. Gleichzeitig bleibt der Vergleich unausweichlich. Eine Serie, die so stark von ihrer eigenen Identität gelebt hat, kann sich nicht einfach neu erfinden, ohne daran gemessen zu werden. Deswegen wirkt die dritte Staffel von «Euphoria» weniger wie eine Fortsetzung als wie eine Fanfiction.
Ganz verstehen wir die dritte Staffel von «Euphoria» daher bisher nicht. Ob sie für die Fans funktioniert, wird sich noch zeigen. Doch wenn selbst die Hauptdarsteller*innen wie Jacob Elordi nicht sicher sind, ob sie ankommt, steht die Staffel zumindest nicht unter besonders guten Vorzeichen.
Das beste Vorzeichen ist vielleicht, dass Levinson und Zendaya beide bereits darüber gesprochen haben, dass die aktuelle voraussichtlich die letzte Staffel sein wird. Für die Serie wäre es wohl die beste Entscheidung.
Die dritte Staffel von «Euphoria» läuft ab dem 13. April auf HBO Max und Sky Show (im blue SuperMax Abo enthalten.