«Die Taxis hielten für mich, aber nicht für meine schwarzen Kollegen»

Marlène von Arx, Los Angeles

7.7.2020 - 10:04

Rita Wilson und ihr Ehemann Tom Hanks waren die ersten Covid-19-Patienten im Rampenlicht.
Keystone

Promi-Patient Nummer 1: Tom Hanks hat Covid-19 bereits im März überwunden, aber er fühlt sich nur beschränkt über dem Berg – nicht nur wegen Corona, sondern auch wegen der Proteste.

Auch das Leben von Tom Hanks wurde durch das Coronavirus auf den Kopf gestellt: Statt in Australien seinen nächsten Film zu drehen, kurierte er im Frühling seine milden Covid-19-Symptome aus. Und «Greyhound», sein im Zweiten Weltkrieg spielender Navy-Thriller, muss die Kinos umschiffen und streamt ab nächster Woche auf Apple TV+. Aber egal, was 2020 noch bringt: Wie der Vater der Nation via Online-Interview aus seiner Bibliothek versichert, wird er die Hoffnung auf Besserung nie aufgeben.

Sie und Ihre Frau Rita Wilson waren die ersten Prominenten, die mit Covid-19 diagnostiziert wurden. Wie war das für Sie?

Zuerst war es so: Was, wir sind positiv? Und jetzt? Was haben wir gewonnen? Dann steckte man uns drei Tage in Isolation, um unsere Lungen, Atmung, Blutwerte, Herzfrequenz und, was weiss ich noch alles, zu überprüfen. Aber auch, um nicht andere mit Covid-19 anzustecken. Ich kam mir vor wie der sprichwörtliche Kanarienvogel im Kohlebergwerk.



Und jetzt?

Und jetzt sind wir eigentlich wieder da wie am Anfang. Wenn ich es richtig gelesen habe, gibt es keine Garantie, dass wir immun sind. Wir sitzen alle im gleichen Boot –, obwohl ich natürlich wahnsinnig privilegiert bin und weit weniger leide als andere. Ich wache jeden Tag auf und weiss, was für ein Glückspilz ich bin.

Rita hat während des Lockdowns den Hip-Hop-Klassiker ‹Hip Hop Hooray› ins Netz gestellt und sich als begnadete Rapperin entpuppt. Hat Sie das überrascht?

Nein, denn nichts kann sie stoppen, weder Brustkrebs, noch Covid-19. Ihre Super-Renaissance erschöpft mich aber bisweilen schon sehr. Sie ist immer am Kreieren und macht alles aus einer unglaublichen Freude heraus. Ich stehe einfach am besten nicht im Weg und trage ihr dafür den Lipgloss hinterher oder sage ihr, wo sie das Handy liegen gelassen hat.

Sie wollten im Juni ‹Greyhound› in die Kinos bringen. Im monumentalen Zweiter-Weltkrieg-Film wird ein Navy-Captain und seine Mannschaft von deutschen U-Booten im Atlantik bedrängt. Wegen Corona kommt der Film nun statt im Kino via Apple TV+ zu den Zuschauern. Ein schwieriger Entscheid für Sie?

Es war herzzerreissend. Im Kino sieht der Film toll aus und er tönt auch super. Und man hat ein Gemeinschafts-Erlebnis mit vielen anderen, das in Erinnerung bleibt. Das ist jetzt leider nicht der Fall. Aber der Film musste raus. Er ist kein Museumsstück über 1942. Im Mai waren die Parallelen zur jetzigen Zeit so offensichtlich: Wie gross ist die Gefahr? Wer wird überleben? Zu welchem Preis?

Apropos Preis: Apple hat mit 70 Millionen Dollar tief ins Portemonnaie gegriffen. Das dürfte Sie trösten?

Ich beklage mich nie, wenn ich mehr als 300 Dollar pro Woche für mein Werken bekomme. Der Film ist profitabel. Das ist natürlich im Interesse des Studios. Vielleicht wären wir zwischen ‹Wonder Woman› und ‹Top Gun 2› im Kino auch unter die Räder gekommen und am Schluss hätten die meisten Leute den Film so auch erst auf einem Streamingservice gesehen.

Sie spielen nicht nur den Captain, sondern haben auch das Drehbuch selber adaptiert. Wie kam das?

Ich weiss: Wenn ein Schauspieler etwas für sich selbst schreibt, endet es meistens in einem egozentrischen Desaster. Aber ich hatte den C.S. Forester Roman ‹The Good Shepherd› gelesen und sah sogleich einen Film vor mir. Als ich niemanden fand, der diese Vision teilte, adaptierte ich das Buch selber.

Im Gegensatz zu Ihrem Captain im Film ist der Commander im Weissen Haus eine umstrittene Führungsfigur. Vor vier Jahren sagten Sie, Ihre Landsleute würden schon das Richtige tun und nicht Donald Trump wählen. Bekanntlich kam es anders. Wie schauen Sie jetzt Richtung Wahlen im November?

Ich glaube, es kommt ein Wirbelsturm, wenn jeder seinen Teil leistet. Wie sagt man doch: ‹Das Böse triumphiert nur, wenn gute Männer nichts tun.› Vielleicht ist ‹das Böse› in diesem Zusammenhang das falsche Wort, aber zwischendurch kriegt die USA einfach die Regierung, die sie verdient. Und dann muss man halt Erfolgsbilanz und Konsequenzen ziehen. Ich persönlich finde, der Präsident hat seinen Schwur, unsere Verfassung zu verteidigen, nicht eingehalten. Zum Glück gibt es also bald Wahlen. Die nächsten Wahlen sind übrigens immer die wichtigsten.

Sie sind durch Ihren Sohn Chet zum Opa eines schwarzen Mädchens geworden. Wie reagieren Sie auf den kulturellen Moment, den die ‹Black Lives Matter›-Bewegung ins Rollen gebracht hat?

Ich habe versucht gut zuzuhören und suchte einen Hoffnungsschimmer für uns alle, nicht nur für die Community, die total getrennt von meiner ist. Ich hörte ihn an der Beerdigung von George Floyd, wo jemand sagte, wir müssen kämpfen bis Amerika Amerika für alle Amerikaner sein wird. An diesem Punkt hätten wir schon lange ankommen sollen, aber das sind wir nicht. Damals als junger abgebrannter Schauspieler, hielten die Taxis für mich an, während sie bei schwarzen Kollegen weiterfuhren. Das ist einfach traurige Tatsache. Wir haben noch viel zu tun, bis wir wirklich das in der Verfassung verankerte ‹Wir, das Volk› sind.

Zum Schluss noch einmal zurück zum Coronavirus: Die Fallzahlen steigen in den USA bedenklich. Sie gelten in den USA als Vater der Nation. Was möchten Sie ‹Ihren Kindern› sagen?

Social Distancing, Masken tragen und Hände waschen ist wirklich keine grosse Sache. Das schafft doch jeder Amerikaner. Trotzdem werden es nicht alle tun. Da kann man nichts machen. Ich hoffe, die Leute, die das Richtige tun, reichen aus. Denn bei Gott: Den Glauben daran dürfen wir nicht verlieren!

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