«Ich will den Stimmen der Opfer einen Lautsprecher geben»

von Marlène von Arx, Hollywood-Kolumnistin

9.3.2018

Sie spielt die Pokerprinzessin Molly Bloom. Im Interview mit «Bluewin» verrät Jessica Chastain, ob sie selbst pokern kann und was für sie Geld bedeutet.

Die Geschichte von Molly Bloom klingt unglaublich, ist jedoch wahr – und wurde jetzt mit Jessica Chastain (40) verfilmt. «Molly's Game» dreht sich um die junge, charismatische Skifahrerin und frühere US-Olympiahoffnung, die ihre Karriere nach einer schweren Verletzung aufgeben muss und sich einen Namen in Hollywoods Underground-Poker-Szene aufbaut. Sie wird jedoch wegen Verdachts auf Geldwäscherei und illegalem Glücksspiel verhaftet.

Wieso sie Molly Bloom zuerst falsch einschätzte, welche Rolle Geld in ihrem Leben spielt und wie sie als Feministin die Ehe sieht, verrät die Jessica Chastain im Gespräch.

«Bluewin»: Jessica Chastain, sind Sie gut im Pokern?

Jessica Chastain: Nein, furchtbar!

Welchen Eindruck hat die wirkliche Poker-Madame Molly Bloom auf Sie gemacht?

Auf jeden Fall einen ganz anderen, als den ich nach dem ersten Googlen hatte. Im Netz kommt Molly Bloom fast wie eine Kardashian daher und ich hatte entsprechend keine besonders gute Meinung von ihr. Aber beim persönlichen Treffen kam sie mir sehr introvertiert, verletzlich und überhaupt nicht so vor, als wolle sie die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ihre Kleider passten nicht zu ihrer Persönlichkeit, aber so musste sich Bloom anziehen, wenn sie in der Männerdomäne akzeptiert werden wollte. Die Medien werten Frauen schnell ab, und ich schäme mich, dass ich darauf reingefallen war.

Was macht Molly Bloom heute?

Sie geht wieder zur Schule, studiert Jus. Sie kann zwar in vier Staaten nie praktizieren, weil sie vorbestraft ist, aber da bleiben immer noch genügend Staaten übrig, wo sie sich ein neues Leben aufbauen kann.

«Molly's Game»: Die Bilder zum Film

Als Molly trainieren Sie Skirennen für die Olympiade und feuern Monologe ab wie aus dem Sturmgewehr. Was ziehen Sie als Schauspielerin vor: Action oder Text?

Schon lieber die Dialoge. Wir drehten jedoch 47 Drehbuch-Seiten in der ersten Woche. Das ist ganz schön viel! Beim Skifahren bin ich eher zurückhaltend geworden. Ich hatte vor ein paar Jahren eine Kreuzband-Operation und seither stand ich nicht mehr auf den Brettern, weil ich keine erneute Verletzung riskieren will.

Beim Pokern gewinnt oder verliert man schnell viel Geld. Was bedeutet Ihnen Geld?

Ich brauchte nie viel, um zufrieden zu sein. Meine Mutter war alleinverziehend und hatte mich, als sie siebzehn Jahre alt war. Wir hatten also kein Geld. Sie hat für uns drei Kinder sogar Essen im Lebensmittelgeschäft geklaut, was sie im Laden auch mitbekamen. Aber sie unternahmen nichts dagegen, weil sie wussten, dass sie Kinder durchzufüttern hatte. Ich kann also mit wenig auskommen und habe nie ein grosses Salär gejagt. Für meinen ersten Film «Salome» mit Al Pacino bekam ich 10'000 Dollar und habe eineinhalb Jahre daran gearbeitet.

Wie haben Sie diese ersten 10'000 Dollar ausgegeben?

Ich teilte damals mit einer Freundin eine Wohnung, mein Anteil war 350 Dollar. Das reichte also eine Weile. Dazu war ich gut im Budgetieren. Ich las in der Biographie von Barbra Streisand, dass sie sich Couverts mit Cash für verschiedene Ausgaben wie Lebensmittel oder Kino anlegte. Dieses System übernahm ich.

Wenden Sie es immer noch an?

Nicht mit Couverts, aber ich achte immer noch genau aufs Geld. Ich mache keine Schulden und investiere nicht an der Börse, das ist mir zu unsicher. Als ich mir meinen Prius kaufte, habe ich zwei Monate damit verbracht, den Wagen zu beschnuppern und Informationen dazu zu sammeln. Ich kaufe nichts Teures aus einem Impuls heraus. Das ist für viele in meinem Umfeld ungewohnt und wir necken uns deswegen. Der Vorteil: Da ich mehr verdiene als ich brauche, kann ich in meine Produktionsfirma investieren – und ich habe meiner Grossmutter ein Haus kaufen können.

Das hat sie sicher gefreut…

Sie flippte total aus. Sie hatte ihre Kinder auch als Teenager und war alleinerziehend. Sie war es, die mir meine Ballettstunden finanzierte. Leider verlor sie ihr Haus im Crash von 2008. Wir sassen also alle im Auto und erzählten ihr, wir würden zu einer Wein-Degustation fahren. Als wir vor dem Haus anhielten, fragte sie, wo wir seien. Ich so: «Zuhause!» Das war wohl einer der schönsten, emotionalsten Tage meines Lebens.

Apropos schönster Tag Ihres Lebens: Sie sind seit Juni mit dem italienischen Fashion-Executive Gian Luca Passi de Preposulo verheiratet. Wie bekommt Ihnen die Ehe?

Bis jetzt ganz gut. Ich bin sehr glücklich. Heiraten war aber nie ein Ziel für mich. Ich bin ja Feministin und wenn man bedenkt, was die Ehe historisch gesehen den Frauen für Grenzen im Beruf und in der Gesellschaft aufsetzt … Aber mir ist klargeworden, dass die Ehe nicht unbedingt die eigene Freiheit einschränken muss, sondern es einfach etwas Positives sein kann – die Zelebration einer Liebe.

Haben Sie sich in seiner italienischen Heimat gut akklimatisiert?

Ja, was mir an meinem Mann und seinem Land am besten gefällt, ist die Freude am Moment. In Italien habe ich gelernt, richtig runterzufahren. Vierstündige Mittagessen kannte ich vorher nur von Thanksgiving. Wer mich kennt, weiss, dass ich gerne arbeite und mich auch darin verlieren kann. Ich kann locker vergessen, dass ich essen, schlafen oder eben auch mal einen Spaziergang am Strand machen sollte, um den Sonnenuntergang zu geniessen.

Sie beschreiben sich als Feministin. Sie haben in Ihrem Vertrag für Ihren nächsten Film die Bedingung eingebaut, dass Octavia Spencer den gleichen Lohn bekommt wie Sie. Sind Sie guter Dinge, dass in Sachen Gleichstellung in Hollywood nun wirklich etwas passieren wird?

Wir brauchen sicher mehr Filme wie beispielsweise «Molly's Game». Das ist Aaron Sorkins erster Film als Regisseur und er hätte einen erfahrenen Kameramann engagieren können, aber er gab einer Kamerafrau die Chance. Die Hauptrolle spielt ebenfalls eine Frau und den männlichen Part gab er Idris Elba, einem Schwarzen. Und auch inhaltlich könnte «Molly's Game» nicht relevanter sein: Männer machen die Regeln für Molly und ändern sie auch wieder, wenn es ihnen danach ist. Welche Frau kennt das nicht?

Erzählen Sie!

Es passiert nicht mehr so viel wie früher, denn die Leute engagieren mich heute als Mitdenkende. Aber früher war es oft so, dass meine Ideen nicht gehört wurden, wenn ich direkt zum Regisseur oder zum Produzenten ging. Ich realisierte, dass ich mich mit dem männlichen Schauspieler befreunden muss und dass wir dann zusammen hingehen und er die Idee vorträgt, als ob es seine gewesen wäre. So gings.

Verstehen Sie auch, dass Männer sich in Hollywood momentan etwas verunsichert fühlen?

Wir dürfen schon nicht vergessen: Die Mehrheit der Männer, mit denen ich gearbeitet habe – wie Terrence Malick, Al Pacino, Aaron Sorkin oder John Madden – waren wunderbare Lehrer und haben nichts damit zu tun, wovon wir heute im Zusammenhang mit Missbrauch reden. Aber mir ist wichtig, den Stimmen der Opfer einen Lautsprecher zu geben, damit sie wissen, dass sie keine Angst zu haben brauchen – dass wir für sie da sind und die Täter aus der Filmindustrie rausgeworfen werden.

«Molly's Game» mit Jessica Chastain läuft seit Donnerstag, 8. März, in den Schweizer Kinos.

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