Kein Alkohol, kein Fleisch – dafür viel nackte Haut im Hippie-Drama «Monte Verità»

Lukas Rüttimann

29.8.2020 - 10:00

Im Maggiatal stehen Max Hubacher und Joel Basman aktuell für den Schweizer Film «Monte Verità» vor der Kamera. Unter strengen Corona-Auflagen will das Aussteiger-Drama den Kampf für die persönliche Freiheit feiern.

Es weht ein Hauch von Freiheit und Abenteuer durch das Valle Maggia. Für einmal aber nicht wegen nackt badenden Touristen oder besonders kühnen Sprüngen in den Schluchten, sondern weil in diesen Tagen auf einer grosszügigen Lichtung in der Nähe von Gordevio TI mit «Monte Verità» ein Film über die erste Aussteiger-Kommune der Schweiz gedreht wird.

Vor dem imposanten Set samt eigens errichteten Haupthaus der Aussteigersiedlung stehen Dutzende von Statisten in historischen Leinenkleidern und – Coronapandemie sei Dank – durchaus modernen Masken im Gesicht. Etwas abseits arbeitet ein junger Hermann Hesse, gespielt vom Zürcher Schauspieler Joel Basman, und der Wiener Psychologe Otto Gross (Max Hubacher) mit nackten Oberkörpern im Gartenbeet und kümmern sich um den Gemüseanbau. Herrmann Hesse? Ja, denn der berühmte Schriftsteller wollte in jungen Jahren die asketische Lebensweise auf dem Monte Verità ausprobieren.

Beide Jungstars sind froh, endlich wieder am Filmset zu stehen. «Man muss sich ein wenig daran gewöhnen, dass man von vielen Leuten wegen der Masken nur die Augen sieht, aber sonst sind die Dreharbeiten fast wie immer», sagt Basman gegenüber «Bluewin.ch». Auch Hubacher nimmt die Situation pragmatisch: «Wir haben ein gutes Schutzkonzept. Wir bewegen uns, wenn immer möglich in der gleichen Bubble. Das gibt ein sicheres Gefühl – man sieht, dass sich alle an die Vorschriften halten und sich Mühe geben, dass hier gedreht werden kann».

Damals wie heute aktuell

Tatsächlich ist «Monte Verità» ein Film mit grossen Ambitionen. Die Geschichte spielt im Jahr 1906, zu Beginn der Industrialisierung. Es ist auch in der Schweiz eine Zeit des Umbruchs. Ängste und Hoffnungen prägen die Gesellschaft, Rollenbilder werden überdacht. In diesem Umfeld suchen erste Aussteiger nach einer besseren Welt. Sie finden sie im Tessin, auf dem Monte Verità. Dort legen sie nicht nur ihre Kleider ab, sondern auch das enge Korsett der damaligen gesellschaftlichen Normen.

Freigeister entledigen sich dem starren Korsett der Gesellschaft: Der Schweizer Film «Monte Verità» widmet sich der ersten Schweizer Aussteiger-Kommune im Tessin.
Grischa Schmitz / tellfilm / Lukas Rüttimann

Auf die Anweisung eines Regie-Assistenten («Attenzione! Silenzio!») kommt die Szene in Bewegung. Basman und Hubacher rennen hin zum Haus, wo es zu einem Streitgespräch mit der von Hanna Herzsprung («Hell») gespielten Aussteiger-Mutter Hanna kommt. Dabei geht es um die Rolle von Männern und Frauen in der Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts; darum, was eine Frau darf und was nicht.

«Der Film spielt zwar im Jahr 1906, doch die Themen, die im Zentrum stehen, sind heute noch genauso aktuell wie damals: Die Rolle der Frau in der Gesellschaft, die richtige Ernährung, der Konflikt Selbstverwirklichung versus Karriere und Familie», erklärt Produzentin Katrin Renz von der Produktionsfirma tellfilm am Set. Gedreht wird denn auch kein romantisches Hippie-Abenteuer, sondern ein historisches Drama mit Tiefgang. «Anvisiert wird ein Arthouse-Publikum von 45 plus und vor allem Frauen. Die sollen ihre Männer aber durchaus in den Film mitnehmen dürfen», sagt Renz mit einem Schmunzeln.

Dafür, dass das die Massen ins Kino strömen, soll Stefan Jäger sorgen. Am Regisseur liegt es, die Geschichte genauso überzeugend auf die Leinwand zu bringen, wie ihm das als Produzent beim Coming of Age-Drama «Blue My Mind» gelungen ist. Doch diesmal geht es nicht primär um Jugendliche, sondern um Eltern: Die zweifache Mutter Hanna will ihrer bürgerlichen Rolle und ihrem Mann, der sie sexuell bedrängt, entfliehen. Hin- und hergerissen zwischen Schuldgefühlen und der Faszination für das Leben der Reformer auf dem Tessiner Berg überwindet sie ihre Ängste und entdeckt die Fotografie als Ausdrucksform. Doch Hanna ist zerrissen zwischen der Sehnsucht nach ihrer Familie und dem Wunsch, sich als Künstlerin zu verwirklichen. Sie muss eine Entscheidung treffen.

Faszination Monte Verità

«Seit ich Ende der 1980er-Jahre zum ersten Mal auf dem Monte Verità war, sind Bilder in mir hängen geblieben, die mich die Jahre über begleitet haben. Bilder von Stille und Konzentration, aber auch von Chaos und Aufbruch», beschreibt Stefan Jäger seine Faszination für die Gegend gegenüber «Bluewin.ch». Für ihn sei der Monte Verità ein magischer Ort, und es sei kein Wunder, dass hier versucht wurde, die Gesellschaft neu zu denken. «Veganismus, Feminismus, Homosexualität – das alles war ok, und das im Jahr 1906», schwärmt Jäger. Verpönt war auf dem Monte Verità der Konsum von Fleisch und Alkohol; Freizügigkeit – auch in sexueller Hinsicht – war dagegen akzeptiert.

«Die Diskussionen von damals erinnern mich durchaus an die heutige Zeit. Obwohl wir heute viele Freiheiten haben, sind wir in bestimmten Punkten nicht viel weitergekommen. Wenn sich eine Mutter zwischen Kind und Karriere entscheiden muss und darüber nachdenkt, sich selber zu verwirklichen, kommen oft die gleichen Einwände wie früher», so der «Der grosse Sommer»-Regisseur. Nicht umsonst ist der Konflikt Mutter oder Künstlerin eines der zentralen Themen von «Monte Verità», denn solche Fragen, so Jäger, «verleihen Grundsatzfragen ein Gesicht».

Dreharbeiten mit Schutzmassnamen

Apropos: Dass Masken und Desinfektionsmittel in diesen Tagen auch am Filmset gang und gäbe sind, versteht sich von selbst. Dennoch ist die Erleichterung spürbar, dass endlich wieder gearbeitet werden kann. Für ihn selbst sei der Lockdown nicht ganz so hart gewesen, sagt Joel Basman. «Aber viele Techniker, Tönler oder Visagisten haben eine schwere Zeit». Für ihn bedeute Corona, dass alle Filme, die er vor der Pandemie gedreht hat, «wahrscheinlich alle gleichzeitig rauskommen». Und Hubacher ergänzt, dass selbiges auch für Rollen gilt: «Weil so lange alles on hold war, werden alle zur gleichen Zeit wieder drehen wollen. Umso schöner, dass wir hier bereits an einem tollen Projekt arbeiten dürfen».

Die Dreharbeiten zu «Monte Verità» stehen allerdings noch ganz am Anfang, weshalb die beiden Schauspieler noch nicht viel über den Dreh erzählen können. Ins Kino kommen soll der Film im Herbst 2021. Dann ist die Coronapandemie hoffentlich genauso Vergangenheit wie die historischen Kleider am Set. Und wer weiss? Als Eröffnungsfilm für das Filmfestival Locarno nächstes Jahr muss auch zuerst etwas gefunden werden, dass «Monte Verità» in Sachen Besetzung und aktueller Thematik das Wasser reichen kann. Ganz zu schweigen davon, dass ein Film über Tessiner Aussteiger perfekt auf die Piazza passen würde.

Zurück zur Startseite