Utøya und seine Folgen: Zwei neue Filme haben den Amok als Thema

14.9.2018 - 16:28, Roland Meier

Andrea Berntzen spielt in «Utøya 22. Juli» von Erik Poppe eine fiktive Figur als Opfer des Massenmörders Breivik.
Bild: Praesens-Film AG
Auch in Paul Greengrass' «22 July» verstecken sich Jugendliche in Panik an den Gestaden der norwegischen Insel Utøya.
Bild: Internationale Filmfestspiele von Venedig 2018
In «22 July» stellt sich das Opfer Viljar Hanssen (Jonas Strand Gravli) während der Gerichtsverhandlung Anders Behring Breivik (l.)
Bild: Internationale Filmfestspiele von Venedig 2018
Szene aus «22 July»: Der norwegische Premierminister Jens Stoltenberg (Ola G. Furuseth) beantwortet Medienanfragen.
Bild: Internationale Filmfestspiele von Venedig 2018
«Utøya 22. Juli» - Regisseur Erik Poppe während der Pressekonferenz anlässlich der Berlinale 2018.
Bild: Keystone
«22 July»-Regisseur Paul Greengrass stellt seinen Film an den Filmfestspiele in Venedig vor.
Bild: Keystone
Der Engländer Paul Greengrass gibt Jonas Strand Gravli Regie-Anweisungen am Set der Netflix-Produktion «22 July»..
Bild: Internationale Filmfestspiele von Venedig 2018
Anders Behring Breivik (r.) und sein Anwalt Geir Lippestad am Tag der Urteilseröffnung im Osloer Gerichtsaal im Jahr 2012.
Bild: Keystone
Ein Rettungsboot und mit weissen Tüchern bedeckte Leichname auf der Insel Utøya nach dem Massaker im Sommer 2011.
Bild: Keystone

Der Amoklauf auf der norwegischen Insel Utøya hat die Welt erschüttert. Gleich zwei Filme nehmen sich das Massaker zum Thema und behandeln es auf unterschiedliche Weise.

Der Rechtsextreme Anders Behring Breivik erschoss am 22. Juli 2011 69 Kinder und Jugendliche. Er machte Jagd auf die Teilnehmenden eines Sommerlagers, nachdem er nur Stunden zuvor eine Bombe im Regierungsviertel der Hauptstadt Oslo zündete, bei der acht weitere Menschen starben.

Kann das Kino einer Tragödie dieser Tragweite gerecht werden? Soll man sich das Leid ansehen? Was macht die lang währende Thematisierung mit den Überlebenden und Hinterbliebenen? Und nicht zuletzt: Wie soll die norwegische Gesellschaft oder eine Welt, bei der Erschiessungen Jugendlicher schon fast zum courant normal gehören, mit der Utøya-Katastrophe umgehen?

Gleiche Geschichte – unterschiedliche Ansätze

Sowohl «Utøya 22. Juli» als auch «22 July» sind norwegische Produktionen. «Utøya 22. Juli» wurde von Erik Poppe gedreht. Der ehemalige Kriegsfotograf gehört zu Norwegens renommiertesten Filmemachern. Sein Film ist auf Norwegisch gedreht, als One-Take in einer einzigen langen Einstellung.

«22 July» ist eine Produktion für den Streaming-Riesen Netflix. Auf Englisch mit einem norwegischen Cast, das Orts- und andere Namen mit dem korrekten Idiom ausspricht. Mit Paul Greengrass stand ein Action-Profi hinter der Kamera – er hat Matt Damon schon dreimal als Agent Jason Bourne inszeniert.

Schon so sind fundamental unterschiedliche Ansätze erkennbar. Und doch kann man beiden Filmen keine reisserische Profitgier vorwerfen. Poppes Film lief im Wettbewerb der Berlinale. Greengrass wurde an die Filmfestspiele von Venedig eingeladen.

«Utøya 22. Juli» stellt die Opfer ins Zentrum. Es ist ein Erlebnisbericht mit der fiktiven Figur Kaja, einem Mädchen auf jener Insel. 72 Minuten hat das Massaker damals gedauert. Poppe stellt den Horror mit verschreckter Kamera in Echtzeit nach.

Mit oder ohne Breivik

Die 19-jährige Andrea Berntzen spielt Kaja als mitfühlende Identifikationsfigur, verzweifelt und trotzdem hilfsbereit. Breivik wird nur einmal kurz im Bild dargestellt – als schemenhafte Figur auf einer Klippe am Horizont. In seiner Form hätte man «Utøya 22. Juli» nicht aus der Sicht des Mörders drehen können.

Paul Greengrass thematisiert hingegen auch den Täter. In «July 22» ist Anders Behring Breivik (Anders Danielsen Lie) eine Hauptfigur. Zwar beginnt auch die Netflix-Produktion mit Überwachungskamera-Bildern aus Oslo und den Schüssen auf der Insel, das Nachspiel ist aber ebenso wichtig. Neben Breivik werden die Schicksale weiterer Norweger miteinander verwoben.

Basierend auf dem Roman «Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders» der Kriegsreporterin Åsne Seierstad folgt man echten Personen – etwa Viljar Hanssen (Jonas Strand Gravli), der als angeschossener Überlebender auf einem Auge erblindete, oder dem Juristen Geir Lippestad (Jon Øigarden), Breiviks Pflichtverteidiger.

Erschütternd und trotzdem kein «Terrorporno»

Dank der dem Gerichtsdrama innewohnenden Mittel erhält «22 July» eine ganz andere Qualität. Greengrass verarbeitet die Gräuel emotionaler, und es gelingt ihm ein besserer «Heilungsprozess», ein Begriff, den auch Poppe für seinen Film in Berlin in Anspruch nahm. Überlebende und Hinterbliebene haben aber bei beiden in allen Phasen des Films mitgewirkt.

Sowohl Poppe als auch Greengrass wollen ihre Filme als Warnung vor dem Extremismus verstehen. Greengrass ging bewusst die Zusammenarbeit mit Netflix ein, damit sein Film ein junges Publikum erreicht. Poppe lässt seine Protagonistin Kaja gleich zu Beginn «Du wirst es nie verstehen» direkt in die Kamera sprechen. Danach folgt ein «Hör mir zu!». Kurz darauf wird aber klar, dass sie mit der Mutter telefoniert.

Solche Momente werfen einen mehr aus der Bahn als sämtliche drastischen Szenen. Beide Filme wollen aufrütteln und führen dem Betrachter noch einmal das Ausmass der Tragödie vor Augen. Dass die deutsche Presse während der Berlinale von «Terrorporno» gesprochen hat, wird der Sache aber nicht gerecht. Ob man sich die Filme antun will, muss jeder für sich entscheiden. Sehenswert sind sie beide.

«Utøya 22. Juli» läuft jetzt in den Deutschschweizer Kinos.
«22 July» ist ab 10. Oktober 2018 auf Netflix verfügbar

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