Kletter-Spektakel «Skyscraper Live» Live dabei, wenn jeder Fehler sein Todesurteil ist

Carlotta Henggeler

25.1.2026

Atemberaubend und potentiell tödlich: Alex Honnold am Taipei 101:  508 Meter Höhe, kein Seil – und Millionen schauen live zu.
Atemberaubend und potentiell tödlich: Alex Honnold am Taipei 101:  508 Meter Höhe, kein Seil – und Millionen schauen live zu.
Netflix

Im zweiten Anlauf  war es soweit: Netflix überträgt live, wie Alex Honnold den Wolkenkratzer Taipei 101 erklimmt – ohne Sicherung, ohne zweite Chance. Ein Fernsehmoment, der nicht nur Spannung erzeugt, sondern die Frage ins Zentrum rückt: Darf man dem möglichen Tod live zuschauen?

Lukas Rüttimann

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Netflix zeigt mit «Skyscraper Live» ein Extremkletter-Event in Echtzeit.
  • Alex Honnold besteigt den 508 Meter hohen Taipei 101 ungesichert – und mit Erfolg.
  • Der Aufstieg erfolgt ohne Seil («free solo») – ein Nervenkitzel sondergleichen.
  • Der Ausgang ist offen: Jeder Fehler hätte tödliche Folgen gehabt.
  • Das Format wirft auch ethische Fragen zur Grenze von Live-Unterhaltung auf.

Zu Beginn wirkt alles fast harmlos. Ein Moderatorenteam begrüsst das Publikum, erklärt, weshalb der Event am Vortag kurzfristig verschoben werden musste: Regen, rutschige Fassade, zu viel Risiko. Heute sei das Wetter stabil, die Bedingungen besser.

Dann geht es überraschend direkt zur Sache.

Keine lange Einbettung, keine Showelemente. Alex Honnold tritt ins Bild, umarmt seine Frau, zieht die Jacke aus, bindet die Kletterschuhe. Ein kurzer Blick nach oben – dann beginnt er zu klettern.

Locker – aber ein Fehler wäre bereits tödlich

Die ersten Meter wirken beinahe beiläufig. Honnold bewegt sich ruhig, kontrolliert, fast spielerisch. Er winkt den Menschen unten auf der Strasse zu, lächelt, als wäre er auf dem Weg zu einer Trainingswand. Doch ein Fehler wäre auch in dieser Höhe bereits fatal.

Der Taipei 101 erscheint noch greifbar, überschaubar. Die Kamera bleibt nahe. Die Moderatoren sprechen ruhig. Auch zu Hause auf dem Sofa ist die Anspannung noch gering. Noch.

Beobachtet von Massen: Alex Honnold beginnt seinen Aufstieg.
Beobachtet von Massen: Alex Honnold beginnt seinen Aufstieg.
Netflix

Mit zunehmender Höhe verändert sich das. Die Fassade wird endlos, die Bewegungen kleiner. Die Pausen länger. Honnold bleibt stehen, prüft, atmet schwer, setzt neu an. Trotzdem winkt er immer wieder lächelnd in die Menge.

Aber – auch die Stimmen der Moderatoren werden vorsichtiger. Sätze brechen ab. Kommentare werden kürzer. «Oh my god!», entfährt es ihnen, als Honnold den ersten «Drachen» – ein besonders anspruchsvolles Ornament – bezwingt. Neun weitere «Dragons» werden noch folgen.

Man merkt: Die Anspannung steigt. Vor Ort – aber  auch beim Zuschauen kippt die Stimmung. Die Lockerheit weicht Nervosität. Man ertappt sich dabei, den Körper anzuspannen, obwohl man sich nicht bewegt. Was ist, wenn dieser so sympathische, zweifache Familienvater einen Fehler macht? Wenn er hier live vor einem Millionenpublikum zu Tode stürzt?

Bekannt – doch diesmal ist alles anders

Honnold kennt man seit seinem legendären Free-Solo-Aufstieg am El Capitan im Yosemite-Nationalpark. 900 Meter senkrechter Fels, dokumentiert im Film «Free Solo», der später einen Oscar gewann. Doch damals wusste man beim Zuschauen bereits: Er hat überlebt.

«Oh my God!» – Honnold meisterte einen von zehn sogenannten «Drachen».
«Oh my God!» – Honnold meisterte einen von zehn sogenannten «Drachen».
Netflix

Heute weiss man nichts. Und genau dieses Nichtwissen verändert alles. Die Spannung entsteht nicht aus Aktion, sondern aus Möglichkeit.

Wenn dieser unscheinbar wirkende Mann hunderte Meter über dem Boden in der Luft hängt, wirkt er souverän. Aber was ist, wenn ein Windstoss kommt und ihn aus dem Gleichgewicht bringt?

Eine kleine Erschütterung im Erdbebengebiet Taiwan? Die Menschen im Wolkenkratzer ihn ablenken, seine Konzentration stören?

«Die Angst beim Klettern ist immer präsent – auch bei mir», sagt er. Doch Alex Honnold lässt sie einfach nicht zu gross werden. «Das beste Mittel gegen die Angst ist vernünftiges Denken», sagt er. Anders formuliert: Die Liebe zum Klettern ist bei ihm stärker als die Angst vor dem Tod.

Hoffentlich auch heute, denkt man sich.


Wie viel Risiko ist vertretbar?

Free-Solo-Kletterer gelten in der Szene nicht als leichtsinnig. Sie bereiten ihre Routen monatelang vor, klettern sie mit Seil, prüfen jeden Griff. Das Risiko gilt als kalkuliert – auch wenn die Konsequenzen maximal sind.

Doch live verschiebt sich der Rahmen. Denn während Honnold das Risiko für sich akzeptiert, teilt Netflix es mit dem Publikum. Millionen Menschen sitzen nun vor Bildschirmen und werden Teil einer Situation, die jederzeit kippen kann. Und, absolut surreal: Menschen in den Büros des Taipei 101 winken dem Extremsportler johlend zu – sie sicher hinter den Fensterscheiben, er hunderte Meter über dem Boden davor.

Ungesichert und im T-Shirt. Muss man gesehen haben, um es zu glauben.

Surreal: Honnold ungesichert am Taipei 101, während er von Menschen in den Büros bewundert und angefeuert wird.
Surreal: Honnold ungesichert am Taipei 101, während er von Menschen in den Büros bewundert und angefeuert wird.
Netflix

Die ethische Frage lässt sich dabei aber nicht ausblenden: Darf man einen Moment übertragen, in dem ein Mensch sterben könnte? Und was geschieht, wenn genau das passiert? Wird abgeschaltet? Weggeschnitten? Oder schaut die Welt tatsächlich zu?

«Wisst ihr was? Ich bin irgendwie müde», sagt er beim letzten Teil des Aufstiegs, dem besonders anspruchsvollen «Tower».

Die Stimmung – kippt sofort. Die Moderatoren klingen ängstlich, betonen, dass er keine Sicherungen trägt. «Er hat mit der Müdigkeit gerechnet. Und trotzdem - er versucht hier etwas, das noch keiner gewagt hat», sagen sie. Als wollten sie sich absichern, falls er nun doch noch fallen sollte.

Honnold auf den letzten Metern: «Wisst ihr was? Jetzt fühle ich mich doch ein bisschen müde....»
Honnold auf den letzten Metern: «Wisst ihr was? Jetzt fühle ich mich doch ein bisschen müde....»
Netflix

Wieder schwirrt einem die Frage im Kopf herum: Was, wenn er jetzt doch nicht mehr weiter kann? Wenn er plötzlich loslässt, einfach fällt?

Erschöpft, aber heil auf dem Tower

Zum Glück passiert das nicht. Kein Unglück live am TV, kein Todessturz vor einem Millionenpublikum. Alex Honnold erreicht nach rund 90 Minuten die Spitze des über 508 Meter hohen Wolkenkratzers.

Erschöpft, aber heil. Und nervlich sehr viel entspannter als der Grossteil der Zuschauerinnen und Zuschauer zu Hause an den Screens.

Denn: So locker der Ton des Spektakels auch blieb, ganz verdrängen liess sich ein Unbehagen nicht. Mit jeder gewonnenen Höhe drängte sich die Frage stärker auf, ob hier eine Grenze überschritten wurde – zwischen kalkulierter Unterhaltung und dem Spiel mit Leben und Tod.

Sport, Show – oder Zynismus?

Tatsächlich war «Skyscraper Live» weder klassischer Sport-Event noch reine Unterhaltung. Es war ein Testfall für das Live-Zeitalter. Seit Klettern olympisch ist, ist der Sport visueller, extremer, fernsehtauglicher geworden. Inszenierung gehört dazu.

Der schwierigste Teil: Honnold am «Tower» mit seinen  Überhängen, die eine enorme Oberkörperkraft erfordern.
Der schwierigste Teil: Honnold am «Tower» mit seinen Überhängen, die eine enorme Oberkörperkraft erfordern.
Netflix

Doch bei «Skyscraper Live» fehlten all jene Elemente, die sonst Distanz schaffen. Es gab keine Medaillen, keine Zeremonie, keinen Wettbewerb gegen andere. Vor allem aber gab es keine Sicherung. Kein Netz, kein Seil, keinen symbolischen Schutz.

Was blieb, war ein Mensch an einer glatten, hohen Wand. Und ein Publikum, das nicht wusste, ob es gerade Zeuge einer sportlichen Ausnahmeleistung oder eines möglichen Unglücks war.

Ob das Fernsehen (oder Netflix) solche Momente künftig öfter zeigen will, lässt sich noch nicht beantworten.

Vielleicht entsteht daraus eine neue Form des Live-Erlebnisses. Vielleicht überschreitet das alles eine Grenze, die man erst erkennt, wenn sie hinter einem liegt.

Sicher ist nur: Nach dieser Nacht lässt sich kaum noch behaupten, man habe alles schon gesehen.


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