«Nur ein bisschen dicker als früher»Darum erleben viele Frauen die Wechseljahre als Kontrollverlust
Marjorie Kublun
7.3.2026
Heidi Klum bei einem Auftritt in Venedig 2025 – Online-Kommentare sorgten im Anschluss für Diskussionen über ihr Gewicht. Dabei geht das Model gelassen mit dem Thema um.
KEYSTONE
Während Heidi Klum in ihrer neuen Sendung offen über die Wechseljahre spricht und Gelassenheit demonstriert, ist diese Lebensphase für viele Frauen belastend. Hormonwissenschaftlerin Katharina Maria Burkhardt ordnet im Interview mit blue News die Beschwerden dieser Phase ein.
«Ich bin heute einfach nur ein bisschen dicker als früher. Das sind die Wechseljahre», sagt Heidi Klum und spricht dabei in ihrer neuen Sendung «On & off the Catwalk» erstaunlich gelassen über die Wechseljahre. Zumindest die Gewichtszunahme, die mit den Wechseljahren einhergeht, ist für das Model kein Drama. Und Tochter Leni findet ohnehin, Mama Heidi könne alles anziehen: «Sie ist 52 und sieht aus wie 36.»
Doch während Klum die Veränderungen mit Humor nimmt und hier und da den Bauch vor der Kamera einzieht, erleben viele Frauen die hormonelle Umstellung belastender. Hormonwissenschaftlerin Katharina Maria Burkhardt warnt davor, Beschwerden vorschnell als «normal» abzutun. blue News hat mit Burkhardt darüber gesprochen, warum sich der Blick auf die Wechseljahre verändert.
Würden Sie sagen, dass das Thema Wechseljahre jetzt immer mehr ins Bewusstsein kommt?
Auf jeden Fall. Die letzten zwei bis vier Jahre waren unglaublich spannend – auch für mich. Zu sehen, wie Frauen aufstehen, sich ihre Stimme zurückholen und endlich den Mut haben, aus dieser Schamzone herauszutreten und über ihre Beschwerden zu sprechen. Es ist ja alles andere als leicht zu sagen: Ich habe es nicht mehr rechtzeitig aufs WC geschafft. Ich habe nachts so geschwitzt, dass das Bett klatschnass war. Ich schlafe kaum noch. Ich habe keine Libido mehr. Das erzählt man nicht einfach so. Aber genau das passiert gerade. Und was Frauen heute – völlig zu Recht – nicht mehr akzeptieren, ist dieser Satz: «Da muss man einfach durch.»
Zur Expertin: Katharina Maria Burkhardt
Patrycia Lukas
Katharina Maria Burkhardt ist seit über zwanzig Jahren als Hormonwissenschaftlerin, Supervisorin und Lehrende tätig und hat sich auf die Erforschung hormoneller Ungleichgewichte und deren Auswirkungen auf das Wohlbefinden spezialisiert. Sie ist die wissenschaftliche Leitung der Gesellschaft für humanidente Hormone und hält regelmässig Vorträge und Seminare zum Thema humanidente Hormone im deutschsprachigen Raum. Sie tritt auch als Speakerin bei unterschiedlichen Kongressen auf und ist vielfache Autorin von Fachbüchern.
Was heisst das konkret – warum muss heute keine Frau mehr einfach «da durch»?
Nein, damit ist Schluss. Es geht nicht nur um Emotionen, sondern um massive körperliche Beschwerden – auch bei jungen Frauen. Manche bluten extrem stark, andere schwitzen so sehr, dass ihre Lebensqualität leidet, wieder andere kämpfen mit schweren depressiven Symptomen – und das muss behandelt werden.
Wie stark prägen Social Media die Wahrnehmung der Wechseljahre?
Schwer zu sagen. Ich finde wichtiger, dass Frauen ehrlich miteinander sprechen. Dieses Polarisieren bringt nichts. Jede Frau kennt ihre Beschwerden – und sie hat ein Recht, ernst genommen und passend behandelt zu werden.
Heidi Klum sagt in ihrer neuen Sendung offen, dass sie nun etwas dicker ist als noch vor ein paar Jahren. Wie beurteilen Sie es, wenn Prominente so offen über die Wechseljahre sprechen?
Entscheidend ist die Wirkung. Ich bin dafür, dass aufgeklärt wird und dass es normal wird, darüber zu sprechen – so wie man sagt: Ich habe heute Kopfweh oder ich hatte eine starke Hitzewallung. Fernsehen ist nicht meine Welt, deshalb kann ich das schwer einschätzen. Aber wenn bekannte Persönlichkeiten offen darüber reden, hilft das, Scham abzubauen und es als etwas Normales zu zeigen. Ich finde schlimm, dass sich immer noch viele Frauen für ihre Beschwerden schämen.
«Da muss man nicht einfach durch»
Katharina Maria Burkhardt
Hormonwissenschaftlerin
Ist Gewichtszunahme in dieser Phase rein hormonell bedingt oder benutzen wir Hormone manchmal für etwas, das komplexer ist?
Gewichtzunahme ist sehr komplex. Der Stoffwechsel verlangsamt sich mit dem Alter und wir wissen, dass wir weniger Kalorien zuführen sollten. Aber es gibt klar belegte hormonelle Zusammenhänge. Das ist keine Ausrede, aber ein Fakt. Progesteron spielt in der Prämenopause eine wichtige Rolle, später andere Hormone wie Estradiol. Nicht nur zu viel, auch ein Mangel kann Gewichtszunahme begünstigen.
Ja, den «Hormonbauch» gibt es tatsächlich – vor allem in den Wechseljahren. Wenn die Estradiolproduktion aus den Eierstöcken sinkt, versucht der Körper teilweise hormonell zu kompensieren. Fettgewebe –besonders am Bauch – enthält das Enzym Aromatase, das Androgene in Estrogene umwandeln kann. Das Problem: Mehr Bauchfett bedeutet mehr entzündliche Prozesse, eine höhere Insulinresistenz und dadurch wiederum eine leichtere Fettzunahme – ein regelrechter Teufelskreis.
Kann man etwas dagegen tun?
Regelmässige Bewegung, vor allem Krafttraining zur Verbesserung der Insulinsensitivität, eine entzündungsarme Ernährung und – bei nachgewiesenem Mangel und entsprechender Indikation – eine gezielte Estradiol-Zufuhr im Rahmen einer ärztlich begleiteten Hormontherapie.
«Das Leben vor 50 Jahren war nicht vergleichbar»
Warum erleben viele Frauen die Wechseljahre als Kontrollverlust, obwohl es medizinisch ein natürlicher Prozess ist?
Es ist ein natürlicher Prozess – aber heute nicht mehr so «natürlich» wie früher. Frauen stehen mitten im Berufsleben, oft am Karrierehöhepunkt, haben pubertierende Kinder und erfüllen viele Rollen gleichzeitig. Genau dann treten die Beschwerden auf. Wir bräuchten in dieser Phase mehr Zeit für uns selbst. Dazu kommen Stress, Umweltfaktoren, Xenohormone (endokrin aktive Substanzen, a.d.R.), Social Media – all das darf man nicht unterschätzen, denn es beeinflusst unsere Hormone. Das Leben vor 50 Jahren war nicht vergleichbar.
Wann sind Stimmungsschwankungen noch normal – und wann problematisch?
Wenn man schon immer eher schlecht drauf war, ist das die eigene Normalität. Aber wenn depressive Verstimmungen den Alltag beeinträchtigen, man Dinge nicht mehr schafft oder das Umfeld Veränderungen bemerkt, sollte man hinschauen.
Wo endet eine normale hormonelle Veränderung und wo beginnt eine Depression?
Wie beim Babyblues nach der Geburt: Kurzzeitig traurig zu sein ist normal. Wenn es aber anhält, die Lebensfreude fehlt und man das Gefühl hat, so kann es nicht weitergehen, dann ist es Zeit zu handeln. Was mir wirklich ein Anliegen ist: Hormone sollten Einzug in die Psychiatrie nehmen – das ist Essenziell. Vor allem das Progesteron.
Was ist die grösste Fehlannahme über die Wechseljahre?
Dass sie erst mit 50 beginnen. Bei vielen Frauen starten hormonelle Veränderungen schon mit 35 oder 40 – in der Prämenopause. Wenn wir an Wechseljahre denken, sehen wir graue ältere Frauen. Das ist der Mythos.
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