Schauspiellegende Rohde im Interview«Ich habe so viel gedreht, ich wusste nicht mehr, in welchem Film ich bin»
Carlotta Henggeler
17.3.2025
«Ich würde eher ohne Schuhe als ohne meine Leica aus dem Haus gehen!», Schauspieler Armin Rohde über seine Passion.
Bild:Keystone
Ein gestohlenes Gepäckstück, eine verlorene Kamera – und eine völlig neue Richtung im Leben: Schauspielstar Armin Rohde erzählt im Interview mit blue News, wie ihn ein Hippie-Pärchen ungewollt auf seinen heutigen Karriereweg brachte – und wie er drei Filme gleichzeitig drehte.
Schauspielstar Armin Rohde ist bekannt für seine Rollen als Bierchen in «Kleine Haie» (1992), Kommissar Erichsen in «Nachtschicht» (seit 2003). Zudem spielte er den Räuber in «Räuber Hotzenplotz» (2006) und hatte eine markante Nebenrolle in «Lola rennt» (1998). Er ist besonders für charismatische, raubeinige Charaktere in Filmen und TV-Krimis bekannt.
Auf einer Reise verlor Rohde seine gesamte Kameraausrüstung, was ihn dazu brachte, die Fotografie aufzugeben und letztlich Schauspieler zu werden.
Das 21. Deutsche FernsehKrimi-Festival hat am 10. März Schauspieler Armin Rohde mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet.
Herr Rohde, Sie sind Schauspieler, Autor, Fotograf, Ehemann und Buddhist. Ist diese Reihenfolge stimmig für Sie?
Private Fragen beantworte ich grundsätzlich nicht, aber lassen Sie uns gerne über meine Arbeit, meine Projekte oder meine Leidenschaft für Fotografie sprechen.
Okay. Sie tragen stets Ihre Leica-Kamera bei sich – gab es heute bereits einen magischen Moment?
Ich sage mal so: Ich würde eher ohne Schuhe als ohne meine Leica aus dem Haus gehen! Die Fotografie ist und bleibt eine grosse Leidenschaft von mir. Gerade arbeite ich intensiv daran, meine neue Website mit meinen Bildern fertigzustellen. Zudem läuft aktuell eine Ausstellung in der Nähe von Frankfurt, in der einige meiner Werke gezeigt werden. Die Fotos werden zum Schluss zugunsten von Obdachlosen versteigert.
Wieso haben Sie sich für die Schauspielerei entschieden, obwohl ihr Herz schon länger für die Fotografie schlägt?
Das ist eine schöne Frage – und es gibt dazu eine besondere Geschichte. Mit 17 habe ich mir als Bau-Hilfsarbeiter meine erste Kameraausrüstung verdient. Das war im Winter auf dem Baugerüst – eine harte Arbeit, die ich nicht einmal meinen Feinden wünschen würde. Aber am Ende hielt ich meine Kamera in den Händen. Anfang 20 reiste ich ein Jahr lang durch die USA und Kanada. Südlich von Montreal nahm mich ein Hippie-Pärchen im Auto mit. Sie kamen von Elvis Presleys Beerdigung, es war also August 1977. Wir rauchten gemeinsam, ich schlief im Auto, und am nächsten Morgen setzten sie mich am Strassenrand ab. Noch während ich ihnen hinterherwinkte, fiel mir plötzlich auf: Ich hatte doch mehr Gepäck dabei.
Lassen Sie mich raten. Fast das ganze Gepäck war weg.
Das nicht. Aber in meiner Tasche fand ich nur noch eine Postkarte aus Montreal. Darauf stand in krakeliger Handschrift: Terribly sorry, kleptomaniac. Understand? Meine komplette Kameraausrüstung war weg. Das allein wäre schon ärgerlich gewesen – schliesslich hätte ich das Geld für eine neue Ausrüstung irgendwie auftreiben können. Aber das Schlimmste daran war: In meiner Tasche befanden sich acht belichtete Filme, die meine gesamte Reise dokumentierten. Acht Filme für ein ganzes Jahr! Ich hatte jedes einzelne Bild mit Bedacht aufgenommen – und nun war alles verloren. Bis heute frage ich mich, was ich damals fotografiert habe. Ich werde es nie erfahren. Manchmal denke ich noch heute daran und verspüre eine tiefe Sehnsucht nach diesen Bildern. Vielleicht war das ein Zeichen des Schicksals, dass ich mich neu orientieren sollte.
Eine schicksalshafte Begegnung.
Ja, wer weiss – vielleicht wäre ich sonst Fotojournalist geworden, Kriegsberichterstatter oder Modefotograf. Aber das Leben hatte wohl andere Pläne mit mir.
Manchmal führen selbst bittere Erfahrungen zu etwas Gutem.
Eigentlich müsste ich diesem Hippie-Pärchen sogar dankbar sein – denn ohne sie wäre ich vielleicht nie auf die Idee gekommen, Schauspieler zu werden. Der Verlust meiner Kameraausrüstung brachte mich damals dazu, die Fotografie für Jahrzehnte aufzugeben. Ich dachte: Okay, das soll wohl nicht mein Weg sein. Vor etwa zwölf Jahren habe ich wieder damit angefangen – zunächst mit dem Smartphone. Doch irgendwann merkte ich: Das fühlt sich nicht richtig an. Es war mir zu beiläufig, zu beliebig. Ich wollte wieder eine echte Kamera in der Hand halten. Heute verlasse ich das Haus kaum noch ohne meine Leica. Selbst wenn ich mal keine Fotos mache – sie muss einfach dabei sein. Mich ohne Kamera anzutreffen, ist inzwischen fast ein Kunststück.
Mit Mitte zwanzig haben Sie Ihre Schauspielausbildung abgeschlossen. Ist sie notwendig, um ein gefragter Darsteller wie Sie zu werden?
Nicht jeder erfolgreiche Schauspieler hat eine klassische Ausbildung – manche wachsen in Schauspielerfamilien auf oder lernen durch Learning by Doing. Ich selbst habe an der Folkwang Universität der Künste studiert – dort ging es vor allem ums Handwerkliche – und profitiere bis heute davon. Natürlich gibt es Naturtalente, aber eine fundierte Ausbildung kann helfen. Wer eine Karriere anstrebt, sollte auf eine anerkannte Schule setzen. Der Markt ist hart: Man braucht Talent, Durchhaltevermögen und starke Nerven. Einfach nur irgendwas mit Schauspiel machen zu wollen, reicht nicht.
Viele Schauspieler werden oft auf eine bestimmte Rolle festgelegt. Wie gehen Sie damit um, wenn eine Figur – wie bei Ihnen Bierchen – besonders haften bleibt?
Bekanntheit kommt und geht – wenn man länger nicht zu sehen war, wird man oft nicht mehr erkannt, was auch angenehm sein kann. Anfangs störte es mich, dass ich für meine Rolle als Bierchen in «Kleine Haie» bekannt war, obwohl ich auch Shakespeare und Ödipus gespielt hatte. Doch mit der Zeit habe ich verstanden: Es ist nicht meine Entscheidung, wofür mich das Publikum kennt und schätzt – das entscheidet allein das Publikum.
Gibt es eine Rolle in Ihrer Karriere, die Ihnen besonders am Herzen liegt – eine, mit der Sie sich voll und ganz identifizieren?
Manche Rollen bleiben haften, aber das ist nicht unbedingt schlecht. «Räuber Hotzenplotz» zum Beispiel ist eine Figur, die ich geliebt habe und die mir bis heute bleiben darf. Ich bin ein sehr kritischer Beobachter meiner eigenen Arbeit, aber diese Rolle ist eine der wenigen, bei der ich sagen würde: 100-prozentig gelungen. Neben Hotzenplotz gibt es noch ein paar andere, wie die des Kommissars Erichsen in «Nachtschicht»– auch eine Rolle, mit der ich sehr zufrieden bin.
Gab es auch eine Figur, die Ihnen unsympathisch war und Sie interpretiert haben?
Ja, ich habe einmal einen SA-Mann in «Rote Erde» gespielt. In einer Szene musste ich meinem älteren Kollegen, dem grossartigen Axel Wagner, immer wieder ins Gesicht schlagen. Das war hart – so etwas zu spielen. Gleichzeitig hätte ich gerne öfter unsympathische Rollen übernommen. Interessanterweise wurden selbst diese Figuren am Ende so, dass ich dachte: Irgendwie mochte ich ihn doch.
Deutscher FernsehKrimipreis 2025
Das 21. Deutsche FernsehKrimi-Festival hat am 10. März den Schauspieler Armin Rohde mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet. «Ein cooler Typ, der coole Typen spielt», sagte Wiesbadens Kulturdezernent Dr. Hendrik Schmehl über den Ehrenpreisträger 2025 Rohde, dessen Fan er seit der legendären Serie «Auf Achse ist». Seit 2019 vergibt das Kulturamt Wiesbaden den Ehrenpreis des Deutschen FernsehKrimi-Festivals. Preisträger sind u. a. Ulrike Folkerts, Matthias Brandt und Adele Neuhauser.
Ich gratuliere Ihnen noch zum Ehrenpreis des Deutschen Fernsehkrimi-Festivals. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Es ist immer eine Freude, ausgezeichnet zu werden – besonders, wenn die Jury aus Fachleuten besteht, die mein Schaffen fundiert bewerten können. Anerkennung für meine Arbeit bedeutet mir viel. Jeder freut sich über Wertschätzung – so wie sich auch mein Bäcker freut, wenn ich ihm sage, dass sein Brot grossartig schmeckt.
Was ist das Schwierigste an der Schauspielerei?
Berufe authentisch darzustellen – das ist eine der grössten Herausforderungen. Wenn ich zum Beispiel einen Koch spiele, sollen meine Handgriffe so wirken, als hätte ich diese Abläufe seit 20 Jahren verinnerlicht. Oder wenn ich einen Krankenpfleger verkörpere, muss es selbstverständlich aussehen, wie ich eine Spritze setze oder jemanden aus dem Bett hebe. Es darf nie den Eindruck erwecken, als würde ich bloss nachahmen – es muss so wirken, als hätte ich den Beruf tatsächlich ausgeübt. Diese Detailgenauigkeit macht den Unterschied.
Gibt es eine Rolle oder ein Projekt, das ganz oben auf Ihrer beruflichen Bucketlist steht?
Oft werde ich gefragt, ob ich eine bestimmte Traumrolle habe, aber ich finde es viel spannender, wenn andere mir Vorschläge machen. Wenn jemand sagt: «Weisst du, als was ich dich gerne mal sehen würde?», dann interessiert mich das viel mehr, als mir selbst vorzunehmen: «Ich will unbedingt mal einen Piraten spielen.» Solche Wünsche machen nur Sinn, wenn es tatsächlich eine laufende Produktion gibt – mit einem grossartigen Drehbuch und einer Rolle, die perfekt passt.
Neben der Schauspielerei engagieren Sie sich stark sozial, unter anderem mit Tierpatenschaften. Ist das etwas, das Sie ausbauen möchten?
Ich unterstütze mehrere Tierheime, spende für krebskranke Kinder und Altenhospize. Ausserdem werde ich oft in Sendungen eingeladen, in denen man Geld für wohltätige Zwecke gewinnen kann. Das ist jedes Mal eine Gewissensfrage: Wo hilft es gerade am meisten?
Sie haben in Ihrer Karriere unglaublich viel gearbeitet. Gab es eine Zeit, in der es zu viel wurde?
Definitiv. In meiner extremsten Phase habe ich drei Filme gleichzeitig gedreht. Während meine Kollegen ins Hotel gingen, stand für mich schon ein Fahrer bereit, der mich von Berlin nach Köln oder Hamburg fuhr. Am nächsten Morgen ging es direkt weiter, abends wieder in die nächste Stadt. Das würde ich heute nicht mehr so machen – man verzettelt sich dabei. Ich habe so viel gedreht, dass ich manchmal nicht mal mehr wusste, in welchem Film ich gerade mitgespielt habe.
Gibt es ein aktuelles Filmprojekt, über das Sie sprechen können?
Am 31. März kommt eine neue Folge von «Nachtschicht». Es geht um einen tragischen Todesfall im Umfeld eines Asylsuchenden. Wir behandeln das Thema ernst, aber ohne erhobenen Zeigefinger – es soll trotzdem noch unterhaltsam sein. Mein Ziel ist es, gute Geschichten zu erzählen, nicht den Zuschauer zu belehren.
Sie werden 70. Was macht das mit Ihnen als Schauspieler?
Das kann ich schwer beurteilen, weil ich mein ganzes Leben lang Schauspieler war. Jeder Beruf prägt einen. Ein Arzt, der jeden Tag offene Herzen sieht, ein Polizist, der ständig mit Lügen konfrontiert wird – das alles verändert Menschen. Bei mir ist es genauso. Schauspielerei ist für mich wie ein Mönchsleben: Man hört nie auf, Schauspieler zu sein. In meiner Wahrnehmung der Welt bin ich Künstler, in der Umsetzung meines Berufs bin ich Handwerker.
Herr Rohde, vielen Dank für das Gespräch! Leider ist meine Zeit um.
Schade! Sehr gerne! Liebe Grüsse in die Schweiz!
Mehr Videos aus dem Ressort
Andrea Zogg, Schauspieler: «Wir alle müssen irgendwann sterben»
Andrea Zogg ist einer der bekanntesten Schweizer Schauspieler. Er war «Tatort»-Kommissar und spielte im Oscar-prämierten Film «Reise der Hoffnung» mit. In seinem neuen Theaterstück beschäftigt er sich mit dem Älterwerden.