Bötschi fragt Esther Gemsch (2. Teil)«Ich würde mein Leben geben, um meine Kinder zu schützen»
Bruno Bötschi
6.2.2026
«Das Leben hat mich gelehrt zu lernen»: Esther Gemsch.
Bild:IMAGO/Everett Collection
Esther Gemsch gehört zu den gefragtesten Schauspielerinnen des Landes. Die 69-Jährige spricht über das Leben in der Schweiz, das Älterwerden und ihr Verhältnis zum Tod.
«In der Schweiz gibt es – entgegen anderslautender Behauptungen – eine grosse Anzahl talentierter Schauspielerinnen und Schauspieler. Was aber leider oft fehlt, sind gute Drehbücher», sagt Gemsch im Gespräch mit blue News.
Den ersten Teil vom «Bötschi fragt» mit der Schauspielerin Esther kannst du hier lesen.
Esther Gemsch, wie hast du ins Leben zurückgefunden?
In welchem Jahr genau das war, weiss ich tatsächlich nicht mehr. Es muss 1997 oder 1998 gewesen sein. Ruth Hirschfeld war damals für das Casting der SRF-Serie «Lüthi und Blanc» zuständig. Wir kannten uns seit Jahren und sie wusste um meinen Werdegang. Auf ihre Anfrage, ob ich an einem Casting mitmachen würde, gab ich ihr ein klares Nein. Ruth hat aber insistiert, also habe ich halbherzig zugesagt.
Wie ging es weiter?
Ein paar Tage vor dem Casting musste ich dringend wegen einer Meniskusverletzung am Knie operiert werden. Ich ging deshalb mit Krücken. Am Morgen vor dem Termin rief ich Ruth an und sagte ab. Da wurde Frau Hirschfeld richtig sauer. Ich musste also mit Krücken im ersten Stock des Restaurant Neumarkt in Zürich mit Hanspeter Müller-Drosshard Szenen meiner Rolle Lisbeth Rohner spielen. Die Rolle habe ich erhalten. Die ersten Wochen auf dem Filmset in Glattfelden ZH waren für mich sehr schwierig. Heute bin ich Ruth dankbar, hat sie mich damals zu meinem Glück gezwungen.
Wie wichtig sind Vorbilder?
In jungen Jahren war die italienische Schauspielerin Anna Magnani mein Vorbild. Ihre unglaubliche Kraft, ihre Ehrlichkeit in jedem Blick, in jeder ihrer Bewegungen, beeindruckten mich tief.
Komikerin Carolin Kebekus sagte 2023 im Interview mit dem «Manager-Magazin»: «Bis ich zwölf war, dachte ich, Humor sei ausschliesslich männlich. Didi Hallervorden, Otto, Rudi Carrell – im Fernsehen gab es ja nur Männer.» Hattest du in der Kindheit auch nur männliche Vorbilder?
Ich bin in einer Familie mit extrem starken Frauen aufgewachsen. Mein Vater war weitgehend inexistent. So gesehen lebte ich in einem Matriarchat.
Wirklich wahr, dass deine Mutter immer wieder zu dir sagte: «Meitschi, mit dir kommt es nicht gut.»
Das ist wahr. Wenn ich sage, dass meine Mutter, meine Tante und meine Grossmutter starke Frauen waren, heisst das nicht automatisch, dass sie gut zu mir waren. Eine negative Bindung ist auch eine Bindung, und meistens ist die stärker als eine positive. Als Kind konnte ich das nicht verstehen und fühlte mich oft einsam, weil ich als das, was ich war und wie ich war, nicht gesehen wurde. Heute bin ich umso dankbarer, wenn ich realisiere, dass ich in meinem Wesen wirklich wahrgenommen werde – auch bei meiner Tätigkeit als Schauspielerin.
Zum Autor: Bruno Bötschi
Bild: blue News
blue News-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland. Er stellt ihnen ganz viele Fragen – immer direkt, oft lustig und manchmal auch tiefsinnig. Dabei bleibt bis zur allerletzten Frage immer offen, wo das rasante Pingpong hinführt.
Rückblickend auf dein bisheriges Leben: Wie ist es mit dir gekommen?
Manchmal bin ich sogar stolz auf mich, dass ich all das geschafft habe. Trotz aller Struggles bin ich immer wieder aufgestanden und weitergegangen.
Was hast du zuletzt bereut?
Ich bereue höchstens Dinge, die ich nicht ausprobiert habe. Alles, was ich getan habe, bereue ich hingegen nicht. Denn ich will mich nicht mit Tatsachen belasten, die ich nicht ändern kann. Das Leben hat mich gelehrt zu lernen. Das klingt jetzt vielleicht altklug, aber in Wahrheit hat es mit harter Arbeit und Selbstreflexion zu tun. Und aus Erfahrung weiss ich: Das ist meistens alles andere als lustig.
Was ist der anstrengendste Teil deiner Arbeit als Schauspielerin?
Ich liebe wirklich alles an der Arbeit als Schauspielerin und deshalb: weiter.
Was empfindest du als den inspirierendsten Teil deiner Arbeit?
Ich liebe den Austausch und die Auseinandersetzung mit Menschen – sowohl mit ihren Biografien, die ich für eine Rolle erforsche, als auch mit meinen Kolleginnen und Kollegen am Set.
«Ich bereue höchstens Dinge, die ich nicht ausprobiert habe»: Esther Gemsch.
Bild:Dan Cermak
Du spielst in Theaterstücken, Filmen und TV-Serien die unterschiedlichsten Charaktere. Gab es Rollen, von denen du eine Art Entzugsphase brauchtest oder bei denen du Angst hattest, dass sie dich nachhaltig verändern werden?
Jede Rolle prägt mich auf die eine oder andere Weise. Bisher ist es aber nie vorgekommen, dass mich eine Rolle noch zu Hause verfolgt hätte. Wie gesagt: Ich bin Mutter von drei Kindern und hatte immer viel Verantwortung zu tragen. Ich konnte nicht auch noch zu Hause das Gretchen sein oder was weiss ich welche Rolle ausleben. Für mich war das immer eine absurde Vorstellung.
Demnach sagten deine Kinder nie: «Mami, kannst du wieder einmal normal tun?»
Nein, nicht wirklich.
Wie gehst du mit dem Gefühl um, als Schauspielerin davon abhängig zu sein, dass jemand etwas in einem sieht und einen besetzt?
Das kann sehr frustrierend sein, besonders wenn man jung und neu im Beruf ist. Als Schauspielerin bleibt dir nichts anderes übrig, als irgendwann zu lernen, damit umzugehen. Ich biss jeweils die Zähne zusammen und machte weiter. Natürlich gibt es auch heute noch Enttäuschungen, die schmerzen. In solchen Momenten mache ich mir bewusst: Die Ablehnung hat nichts mit mir zu tun und ist niemals persönlich gemeint. Resilienz hilft einem in solchen Situationen ungemein – also die Fähigkeit, nach Krisen wieder aufzustehen und sie sogar als Chance zu sehen.
Was gefällt dir am Schweizer Filmschaffen ganz besonders?
Ich arbeite gerne mit Filmemachenden in der Schweiz zusammen. Die Crews hierzulande sind stets hochprofessionell. Ausserdem gibt es – entgegen anderslautender Behauptungen – eine grosse Anzahl talentierter Schauspielerinnen und Schauspieler. Was in der Schweiz aber leider oft fehlt, sind gute Drehbücher.
Wieso das?
Da kann ich nur Regisseur Billy Wilder zitieren: Es gibt drei Gründe, warum ein Film erfolgreich wird: 1. ein gutes Buch, 2. ein gutes Buch, 3. ein gutes Buch. Und ja, genau hier wünsche ich mir, dass wir in der Schweiz mutiger, frecher und humorvoller werden. Also, liebe Leute, seid doch mutig! Wir können nur gewinnen. Bewundernd über das grossartige, dänische Filmschaffen reden und den britischen Humor rühmen, reicht nicht. Wir können nur auf unserem eigenen Weg mit Mut zur Ehrlichkeit unsere Geschichten erzählen und so Authentizität gewinnen.
«Was in der Schweiz aber leider oft fehlt, sind gute Drehbücher»: Esther Gemsch.
Bild:Dan Cermak
Wer bestimmt in der Schweizer Filmbranche wirklich?
Bruno, was stellst du mir nur für Fragen (lacht schallend)? Wenn du in der Schweiz keine Fördergelder bekommst, ist es praktisch unmöglich, einen Kinofilm zu drehen. Klar, hin und wieder wird ein Low-Budget-Film realisiert – wie wir es 2014 mit «Schweizer Helden» gemacht haben. Und siehe da: Der Film von Regisseur Peter Luisi gewann sogar den Publikumspreis am Filmfestival Locarno. Aber irgendwann stösst man an Grenzen. Dann funktioniert so ein Projekt nicht mehr, weil die Beteiligten entweder gar keinen oder viel zu wenig Lohn für ihre Arbeit bekommen.
Wenn du das Wort «Schweiz» hörst: Woran denkst du?
Sicherheit.
Ist die Schweiz so modern, wie wir gern glauben?
Die Schweiz ist ein sehr modernes Land, wenn auch oft ein eher langsames. Meistens finde ich das aber völlig in Ordnung.
Ich nenne dir vier Sätze von Esther Gemsch, die ich in den Medien gefunden habe, und du sagst mir bitte, was sie bedeuten: «Ich kann fitten, straffen und dingsbumseln, so viel ich will – altern tue ich trotzdem»
Ich liebe es, am Morgen in den Spiegel zu schauen und nach wie vor mein Gesicht zu erkennen und die Geschichten, die mein Leben darin geschrieben hat.
«Freiheit ist für mich eines der schwierigsten Themen im Leben. Ich versuche stets, den richtigen Umgang damit zu finden.»
(Überlegt lang) Freiheit bedeutet nicht, dass ich tun und lassen kann, was ich will. Freiheit hat viel mit Respekt gegenüber meinen Mitmenschen tun.
Du hast gerade feuchte Augen bekommen. Warum?
Viele Menschen, die frei und in Freiheit leben dürfen, wissen nicht, wie sie mit Freiheit umgehen sollen. Sie sind der Meinung, Freiheit bedeute, alles tun und lassen zu können, wie es einem gerade passt – also das Recht zu haben, alles zu erhalten, ohne Gegenleistung, und zwar sofort. Für mich hat das nichts mit wahrer Freiheit zu tun. Meinen Dreck auf den Boden schmeissen oder vor irgendeiner Haustür mein Geschäft erledigen, nur weil es gerade praktisch ist und ich zu faul bin, ein WC zu suchen, hat nichts mit Freiheit zu tun.
Der dritte Satz lautet: «Ginge es um das Leben meiner Familie, würde ich wahrscheinlich Dinge tun, die ich mir zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorstellen kann.»
Für meine Familie würde ich sehr viel tun – aber was heisst schon «alles»? Mein Grundsatz ist, anderen Menschen keinen Schaden zuzufügen. Sagen wir es so: Wenn ich meine Kinder mit meinem eigenen Leben schützen könnte, würde ich es tun. Ohne Zögern.
«Das Allerschönste an meinem Älterwerden ist, ich konnte viele meiner Ängste hinter mir lassen»: Esther Gemsch.
Bild:IMAGO/Everett Collection
Viele Menschen werden mit zunehmendem Alter gelassener – und wie Studien zeigen, auch weiser. Du auch?
Vielleicht bin ich dafür noch nicht alt genug (lacht laut). Aber ich merke, dass ich heute gelassener bin als früher. In vielen Bereichen bin ich – Gott sei Dank – klüger geworden. Und wer weiss: Vielleicht werden andere einmal, wenn ich gegangen bin, sagen, dass ich mit zunehmendem Alter auch weiser geworden bin. Ob das tatsächlich so ist, möchte ich an dieser Stelle lieber nicht selbst beurteilen.
Was ist sonst noch cool am Älterwerden?
Das Allerschönste an meinem Älterwerden ist: Ich konnte viele meiner Ängste hinter mir lassen. Und etwas finde ich dabei besonders befreiend: Ich muss nicht mehr die Beste sein. Allein dieser Gedanke wirkt unglaublich beruhigend. Ich kann mit zunehmendem Alter auch auf einen immer reicheren Fundus an Erfahrungen zurückgreifen – das hilft, als Schauspielerin, aber auch im Umgang mit jüngeren Menschen. Ich lebe in einer Mehrgenerationen-WG, und da spüre ich, wie wertvoll dieser Austausch sein kann. Aber wie gesagt: Ich kann nur für mich sprechen. Für mich fühlt sich das Älterwerden auch deshalb gut an, weil ich weiss, dass ich nicht noch einmal 50 Jahre weiterkämpfen muss. Das Wissen, dass irgendwann das Ende kommt, ich also noch etwa 20 Jahre zu leben habe, schenkt mir innere Ruhe und macht mich gelassener – ich schätze und feiere jeden Tag.
Was, liebe Esther, so alt möchtest du werden?
Wie alt bist du denn, Bruno?
59 – und mein Plan ist, nicht viel älter als 75 zu werden.
Ach, du weisst ja, mit dem Wollen und Müssen ist das oft so eine Sache. Und am Ende liegt die Entscheidung meist gar nicht bei uns, wann wir sterben.
Ich habe heute viel mehr Träume als früher – und das Wichtigste: Ich versuche immer wieder, sie auch wirklich zu leben.
Was ist deiner Meinung nach besonders wichtig, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können?
Besonders wichtig ist es, regelmässig über sich selbst nachzudenken und immer wieder neue Wege auszuprobieren.
Was spricht für die Existenz von Gott?
Für die Existenz des christlichen Gottes spricht, dass das Leben der Menschen, die an ihn glauben, oft leichter wird. Und weil dem so ist, ist es für mich völlig in Ordnung, dass sie an ihn glauben.
Jemals den Teufel getroffen?
Mehrfach und in den unterschiedlichsten Formen.
Deine Schnellkritik am Papst?
Ich verstehe es nicht, warum die Missbräuche, die innerhalb der Katholischen Kirche passieren, nicht endlich richtig aufgearbeitet werden.
Mitglied einer Sterbehilfe-Organisation?
Nein. Ich bin hin- und hergerissen, weil ich nicht weiss, ob ich meinen Kindern das eines Tages zumuten möchte. Gleichzeitig will ich ihnen aber auch nicht zumuten, dass ich irgendwann wie ein gekochtes Gemüse in einem Heim vor mich hindämmern werde.
«Ich habe heute viel mehr Träume als früher – und das Wichtigste: Ich versuche immer wieder, sie auch wirklich zu leben»: Esther Gemsch.
Bild:blue News
Fürchtest du dich vor dem Tod?
Nein. Ich denke, irgendwann ist es mit dem Leben auch einmal gut. Mit zunehmendem Alter werden wir Menschen müder und müder. Oder noch schlimmer: Es passiert nur noch die Wiederholung der Wiederholung.
Was erwartest du vom Jenseits?
Nichts.
Welches Haustier wärst du gerne nach deiner Wiedergeburt?
Die werden doch oft schlecht gehalten, total verhätschelt oder als Therapieviecher ausgenützt. Muss es wirklich ein Haustier sein?
Wir kommen langsam zum Schluss und damit zum Self-Rating-Test: Du benotest bitte dein eigenes Talent von null Punkten, kein Talent, bis zehn Punkte, maximales Talent. Gärtnerin?
Fünf Punkte. In unserer WG bin ich für den Räpplibaum zuständig – und der wächst wie wild. Es scheint ihm also gut bei uns zu gefallen. Und sollte ich jemals einen Schrebergarten besitzen, würde ich darin nur Rosen pflanzen. Die liebe ich über alles.
Lügnerin?
(Lacht) Muss ich ehrlich sein? Ich glaube, als Lügerin wäre ich nicht so schlecht. Ich gebe mir acht Punkte.
Politikerin?
Mehr als sechs Punkte kann ich mir da leider nicht geben.
Warum nicht?
Als Politikerin müsste ich meine Emotionen im Zaun halten. Deshalb wäre ich nicht besonders gut in diesem Beruf. Ich mag es nicht, wenn jemand denkfaul ist oder ich realisieren muss, dass es meinem Gegenüber nicht um die Sache geht, sondern nur um das eigene Wohl. Da werde ich total hässig.
Astronautin?
Null Punkte. Ich finde es grossartig, auf der Erde zu leben – und es genügt mir vollkommen, hin und wieder in den Himmel zu schauen.
Den ersten Teil des Interviews mit Schauspielerin Esther Gemsch kannst du hier lesen.
Die TV-Serie «La linea della palma – Das Caravaggio-Komplott» ist auf Play Suisse unter diesem Link verfügbar.
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