Verena Altenberger in «Sturm kommt auf» «Im Dorf hat Faschismus noch einmal eine andere Grausamkeit»

Bruno Bötschi

9.11.2025

Verena Altenberger spielt eine der Hauptrollen im ZDF-Historiendrama «Sturm kommt auf» nach Oskar Maria Grafs pazifistischem Roman «Unruhe um einen Friedfertigen».
Verena Altenberger spielt eine der Hauptrollen im ZDF-Historiendrama «Sturm kommt auf» nach Oskar Maria Grafs pazifistischem Roman «Unruhe um einen Friedfertigen».
Bild: ZDF und Fabio Eppensteiner

Eine alleinstehend Mutter erlebt in einem bayerischen Dorf das Aufkommen des Nationalsozialismus. Schauspielerin Verena Altenberger zeigt im Gespräch ihren persönlichen Zugang zum Faschismus im Dorf. 

Teleschau

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  • Mit Matti Geschonnecks Zweiteiler «Sturm kommt auf» (Montag, 10. November, 20.15 Uhr, ZDF) wird 80 Jahren nach Ende des Zweiten Weltkriegs an den aufkommenden Faschismus in Deutschland erinnert.
  • Verena Altenberger spielt im Historiendrama nach Oskar Maria Grafs pazifistischem Roman «Unruhe um einen Friedfertigen» eine Hauptrolle neben Josef Hader.
  • Im Interview spricht die 37-jährige Österreicherin und ehemalige Münchner «Polizeiruf 110»-Kommissarin über Reiz und Herausforderungen historischer Dreharbeiten sowie die naheliegenden Bezüge des Stoffs zur politischen Situation heute.

Verena Altenberger, im zweiteiligen Historienfilm «Sturm kommt auf» wurde in einem Freilichtmuseum im Salzburger Land gedreht. Die Gegend, aus der Sie selbst kommen ...

Ich komme nicht direkt aus dem Freilichtmuseum (lacht), aber aus Dorfgastein, etwa eine Stunde weiter südlich. Ich kannte das Freilichtmuseum natürlich, denn es ist für alle Grundschülerinnen und Grundschüler im Salzburger Land ein Pflichtausflug. Da stehen Häuser, vor allem Bauernhäuser, aus verschiedenen Jahrhunderten. Sie wurden oft eins zu eins irgendwo abgetragen und dort genauso wieder aufgebaut.

Die Geschichte des Romans von Oskar Maria Graf spielt eigentlich in Bayern. Dort fand man nichts, das nach früher aussah?

Unser Regisseur Matti Geschonneck erzählte, dass man lange gesucht habe. Doch Bayern ist einfach zu modern geworden. Dazu braucht man bei Dreharbeiten bestimmte Features: Strom und einen grossen Parkplatz zum Beispiel.

Dies alles erfüllte das Freilichtmuseum. Im Film sieht man dazu viel vom Innenleben zweier Häuser. Das «Schusterhaus» hat das Filmteam extra gebaut. Das andere Haus, der «Heingeigerhof», ist aber das tatsächliche Innenleben eines der Museumshäuser.

War es seltsam an einem Ort zu drehen, den man als Grundschülerin am Ausflugstag besucht hat?

Seltsam würde ich nicht sagen, weil ich wahnsinnig gern im Salzburger Land drehe. Wir waren auch in der Salzburger Altstadt im Hotel, und ich bin total gern dort. Da habe ich mein Lieblingscafé, dazu viele Freundinnen und Bekannte. Ich bin zwar mit 18 Jahren nach Wien gezogen, aber grundsätzlich ist schon Salzburg «meine Stadt». Ich bin dort ins Gymnasium gegangen, habe danach immer wieder dort gearbeitet und hatte auch lange eine Wohnung in Salzburg.

Wie war es mit den Dialekten im Film? Das fiktive Dorf in Grafs Roman sollte in Niederbayern liegen. Mussten Sie den authentischen Dialekt lernen?

Einige Figuren wie die von Josef Hader sind Zugereiste. Die hatten es natürlich leicht. Ich liebe es aber, mit Dialekten zu spielen und nehme das auch immer ernst. Man muss sich solide vorbereiten, die Technik dann aber auch irgendwann vergessen. Beim Spielen darf man nicht über Aussprache nachdenken müssen. Das sah Regisseur Matti Geschonneck zum Glück ganz genauso.

Man sagt, dass in England oder Amerika beim Schauspiel deutlich mehr auf Dialekte und Sprache geachtet wird. Haben wir da ein Defizit in der deutschen Filmkultur?

Ich glaube nicht, dass im angloamerikanischen Raum mehr darauf geachtet wird. Eher schon, dass den Schauspielenden dort mehr zugetraut wird. In England und den USA wird es als selbstverständlich angenommen, dass die Verwandlung – also auch die der Sprache – Teil des Jobs ist. Bei uns gibt es immer noch ein bisschen die Tradition oder Überzeugung: Leute können nur das spielen, was sie sind. Das finde ich total bescheuert.

Früher habe ich manchmal gehört, wenn ich abgelehnt wurde: Dafür suchen wir eine Blonde! Dabei war ich selbstverständlich schon immer bereit, mich zu verwandeln. Man darf dazu nicht vergessen: Im angelsächsischen Raum wird mehr Geld zur Vorbereitung einer Rolle bezahlt. Dazu gehört zum Beispiel auch das Sprachtraining.

«Im Dorf hat Faschismus noch einmal eine andere Grausamkeit. Weil sich dort plötzlich Nachbarn als Feinde gegenüberstehen oder sich diffamieren, die sich gut kennen»: Verena Altenberger.
«Im Dorf hat Faschismus noch einmal eine andere Grausamkeit. Weil sich dort plötzlich Nachbarn als Feinde gegenüberstehen oder sich diffamieren, die sich gut kennen»: Verena Altenberger.
Bild: ZDF / Fabio Eppensteiner

Oskar Maria Graf gilt als scharfer Beobachter des aufkommenden Faschismus in der Provinz. Würden Sie sagen, dass es beim Faschismus einen Unterschied zwischen Land und Stadt gibt?

Ich würde spontan «ja» sagen, stelle aber beim Nachdenken fest, dass die Sache nicht ganz einfach ist. Ich kenne beide Welten, weil ich schon lange in Wien lebe, aber aus einem 2000-Seelen-Dorf stamme. Mein Freundeskreis aus echten Wienern versteht oft Dinge nicht, die ich verstehe, weil ich vom Land komme.

Im Dorf hat Faschismus noch einmal eine andere Grausamkeit. Weil sich dort plötzlich Nachbarn als Feinde gegenüberstehen oder sich diffamieren, die sich gut kennen. Viele sind sogar verwandt. Es ist etwas anderes, als wenn Überzeugungen in der anonymen Grossstadt aufeinanderprallen. Wenn dort der Nachbar über mir ein Nazi ist, bekomme ich es vielleicht noch nicht mal mit. Und wenn ich es mitkriege, erschreckt es mich nicht, weil ich keinen Bezug zu dem Typen habe.

Ganz anders ist es auf dem Dorf. Wenn dort dein Nachbar, Bruder, Cousin oder Onkel zum Nazi wird, verstehst du die Welt nicht mehr. Es ist gruselig, wenn so etwas passiert. Vor allem dann, wenn sich Überzeugungen zu Gewalt ausformen. Dann schiessen plötzlich Nachbarn auf Nachbarn. So etwas ist zutiefst irritierend.

Hat Wertewandel in der Provinz ein hässlicheres Gesicht?

Ja, die Möglichkeit besteht. Ich finde es zum Beispiel erstaunlich, wie lange sich Feindschaften zwischen «Schwarzen» und «Roten» beispielsweise in Österreich auf dem Land halten. Und da reden wir noch nicht mal über die extremen Ränder der Gesellschaft.

Wie gross ist Ihre Sorge, dass der Faschismus als politische Realität zurückkommt?

Ich habe mehr Hoffnung als Sorge, weil ich eine stabile Optimistin bin. Allein das Beispiel USA zeigt jedoch, wie schnell es passieren kann, dass der Faschismus zurückkommt und übernimmt. Ich gehöre ja immer so ein bisschen zur Fraktion, die glaubt, dass wir das Ruder noch im letzten Moment rumreissen.

Doch vielleicht ist das auch naiv. Wir leben in einer Zeit, die uns überdeutlich zeigt, dass Faschismus überall und sehr schnell passieren kann. Wir Österreicherinnen und Österreicher leben in Nachbarschaft zu Ungarn. Und wir standen selbst mehrfach kurz vor der Machtübernahme der Rechten. Gegenwärtig steht die FPÖ wieder bei etwa 30 Prozent Zustimmung.

Was kann man gegen diese Entwicklung tun?

Das Problem ist, dass beide Seiten sehr genau wissen, was sie nicht wollen: Die einen wollen den Faschismus nicht. Und die anderen keine Ausländer oder Menschen, die anders sind. Leider fehlt uns allen wie auch der Politik die Vision, was wir eigentlich wollen.

Dabei gäbe es so viele tolle Ansätze: Was ist mit dem europäischen Gedanken, der mal so gross war? Warum schätzen wir unseren Sozialstaat so wenig, der uns so viel menschenwürdiger macht als die USA oder die meisten anderen Teile der Welt? Wie wäre es, wenn wir ganz gross in Bildung und Integration investieren würden?

Das alles könnten tolle Visionen einer besseren Zukunft und auch gewinnbringende Projekte sein. Aber wir reden kaum über so etwas, sondern nur über Ängste und Katastrophen.

Warum schaffen wir es nicht, eine solche Vision zu entwickeln?

Das ist eine schwierige Frage, die es verdient, dass man länger darüber nachdenkt. Was uns auf jeden Fall fehlt, ist eine gute Streitkultur oder auch eine öffentliche Fehlerkultur. Ich finde, wir sind zu einer Gesellschaft geworden, in der man es lieber nicht hört, dass jemand eine andere Meinung hat. Man blendet es lieber aus. Deshalb bleibt vieles unausgesprochen und gärt vor sich hin. Dazu kommt, dass das Image der Politikerinnen und Politiker sehr negativ ist. Ich selbst würde niemals in die Politik gehen, wo man sich das Leben zur Hölle macht. Man lebt da in einer Intensität der Dauerbeobachtung, die man niemanden wünscht. Eigentlich kann man heute in der Politik nur scheitern.

Was ist – für die kleinen Leute – das Verführerische am Faschismus?

Faschismus ist verführerisch, weil er suggeriert, dass es einfach Lösungen für komplexe Probleme gibt. Die gibt es aber nicht, weshalb faschistische Argumente immer Lügen sind. Es gibt genug Studien, die nachweisen, dass das Leben der Menschen durch die massive Einschränkung von Zuzug keineswegs besser, sondern eher schlechter werden würde. Doch behaupten kann man es ja mal, dass dies die Lösung wäre. Angst vor dem Fremden haben ja viele. Die erfolgreichsten Gesellschaften sind jene, in denen es allen oder zumindest den allermeisten Menschen gut geht. Ausgrenzung und Menschen gegeneinander auszuspielen hat dagegen noch nie als Erfolgsmodell für eine Gesellschaft funktioniert. Eine gespaltene Gesellschaft bringt niemanden etwas. Noch nicht mal jenen, die spalten.


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