Bötschi fragt Yvonne Eisenring «Mich nervt, dass viele Schweizer tunlichst vermeiden wollen, aufzufallen»

Bruno Bötschi

30.11.2025

«Kurz nach dem Tod meines Vaters war es für mich unvorstellbar, dass die Zeit Wunden heilen kann»: Yvonne Eisenring.
«Kurz nach dem Tod meines Vaters war es für mich unvorstellbar, dass die Zeit Wunden heilen kann»: Yvonne Eisenring.
Bild: Mirjam Kluka

Yvonne Eisenring ist Bestsellerautorin, erfolgreiche Podcasterin – und jetzt auch Schauspielerin. Am Donnerstag kommt ihr erster Film ins Kino. Ein Gespräch über offene Beziehungen, starke Frauen und den frühen Tod ihres Vaters.

Bruno Bötschi

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Sie schreibt Bestseller und ist eine der erfolgreichsten Podcasterinnen des Landes – und ab kommendem Donnerstag, 4.  Dezember, ist Yvonne Eisenring erstmals als Schauspielerin im Kino zu sehen.
  • Zum Start ihres Liebesfilmes «Love Roulette» spricht die 38-Jährige über offene Beziehungen, weibliche Stärke und darüber, warum der frühe Verlust ihres Vaters zu einem Motor ihres Schaffens wurde.
  • «In einer offenen Beziehung wird mehr diskutiert, weil es im Gegensatz zu einer monogamen Partnerschaft weniger unausgesprochene Regeln gibt», sagt Eisenring im Gespräch mit blue News.
  • Und weiter: «Mich nervt es, dass viele Schweizerinnen und Schweizer tunlichst vermeiden wollen, aufzufallen. Im Wunsch ein neutrales Land zu sein, wird leider oft vermieden oder verpasst, gross zu denken.»

Yvonne Eisenring, ich stelle dir in den nächsten 40 Minuten möglichst viele Fragen. Und du antwortest bitte möglichst kurz und schnell. Wenn dir eine Frage nicht passt, kannst du auch einmal «weiter» sagen.

Alles klar.

Herbst oder Winter?

Herbst. Ich liebe es, durch buntes Laub zu gehen. Aber den Winter schätze ich auch. Ich war früher Snowboard-Lehrerin. Kann ich beides auswählen?

Das überlasse ich dir. Coiffeur oder Dentalhygiene?

Ich gehe einmal jährlich zur Dentalhygiene und alle drei Jahre zum Coiffeur.

Kalte Dusche oder doppelter Espresso?

Doppelter Espresso – obwohl ich weiss, dass kalt duschen gesund sein soll.

Zum Autor: Bruno Bötschi
Bild: blue News

blue News-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland. Er stellt ihnen ganz viele Fragen – immer direkt, oft lustig und manchmal auch tiefsinnig. Dabei bleibt bis zur allerletzten Frage immer offen, wo das rasante Pingpong hinführt.

Wie siehst du auf die Welt?

Wohlwollend und neugierig.

Die bisher riskanteste und mutigste Entscheidung in deinem Leben?

Du meinst beruflich? Die Hauptrolle der Charlie im Kinofilm «Love Roulette» zu spielen.

Wenn du auf das Jahr 2025 zurückblickst, wie würdest du es in einem Satz zusammenfassen?

Es war das bisher krasseste Jahr meines Lebens – im positiven Sinn.

Wie glücklich bist du im Moment?

Zehn von zehn.

Wie glücklich warst du am Sonntag, 26. Oktober, nachdem du zusammen mit Gülsha Adilji und Maja Zivadinovic und eurem Podcast «Zivadiliring» einen Abend lang das ausverkaufte Hallenstadion in Zürich gerockt hast?

100 von zehn.

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Was war es für ein Gefühl, als du und Gülsha Adilji vor 10'000 Menschen im Hallenstadion auf der Bühne geküsst habt?

Es war super. Ich fand es zudem spannend zu sehen, welche Wellen ein Kuss von zwei Frauen auf einer Bühne heute noch auslösen kann. Die Reaktionen habe mich aber auch nicht komplett überrascht. Ich kenne die Welt ja ein bisschen und die Schweiz sehr gut.

Wirklich wahr, dass der Kuss zwischen Gülsha Adilji und dir nicht geplant war?

Der Kuss war geplant, aber nicht geprobt.

«In einer offenen Beziehung wird mehr diskutiert, weil es im Gegensatz zu einer monogamen Partnerschaft weniger unausgesprochene Regeln gibt»: Yvonne Eisenring.
«In einer offenen Beziehung wird mehr diskutiert, weil es im Gegensatz zu einer monogamen Partnerschaft weniger unausgesprochene Regeln gibt»: Yvonne Eisenring.
Bild: Mirjam Kluka

Küsst du gerne?

Sehr.

Beruflich hast du in diesem Jahr öfters geküsst – unter anderem auch während der Dreharbeiten zu deinem ersten Kinofilm «Love Roulette». Welche Schauspielerin und welchen Schauspieler hast du dir in den zwei Hauptrollen Charlie und Tom vorgestellt, als du ab 2019 angefangen hast das Drehbuch zu deinem Liebesfilm zu schreiben?

Während dem Drehbuchschreiben habe ich weder Max Hubacher, der im Film meinen Freund spielt, noch mich selber in den Hauptrollen gesehen. Ich stellte mir eine Frau vor, die kurze, braune Haare hat.

Warum konntest du dir Max Hubacher nicht als Tom vorstellen?

«Love Roulette» ist ein humorvoller Liebesfilm. Ich dachte fälschlicherweise, Max habe keine komödiantische Ader. Ich stellte aber schnell fest, dass er ein unglaublich lustiger Mensch ist und darum die perfekte Besetzung für diese Rolle.

Dass Max zum Casting kam und am Ende die Rolle auch bekommen hat, ist aber nicht mir zu verdanken. Ich habe mich sogar dagegen gewehrt, weil ich eben dachte, er passt nicht für diese Rolle – umso glücklicher bin ich heute, dass sich Regisseur Chris Niemeyer und die Produzenten des Filmes durchgesetzt haben.

Du hast für den Film «Love Roulette» nicht nur das Drehbuch geschrieben, sondern auch die Hauptrolle der Charlie übernommen. Wer hat dir geraten, beim Casting mitzumachen?

Chris Niemeyer und die Produzentinnen und Produzenten von Tellfilm haben mich dazu ermutigt. Im Voraus sagte ich ihnen aber mehrmals, dass sie mich nur nehmen sollen, wenn sie glauben, dass ich das spielen kann. Der Film war mir als Gesamtprojekt immer wichtiger, als dass ich die Hauptfigur verkörpere. Aber natürlich freute mich der Zuschlag enorm.

Nachdem du für die Hauptrolle verpflichtet worden bist, wolltest du alle Sexszene aus dem Drehbuch streichen. Warum?

Weil ich realisiert habe, dass wenn ich Charlie spiele, ich mehrfach nackt und in den unterschiedlichsten Stellungen und Positionen im Film zu sehen sein werde.

Wer sorgte dafür, dass die Sexszenen im fertigen Film doch zu sehen sind?

Regisseur Chris Niemeyer und die Produzentinnen und Produzenten konnten mir plausibel erklären, dass die Liebesgeschichte von Charlie und Tom ohne Sexszenen keinen Sinn macht.

Die beiden Hauptfiguren wollen ja ihre Beziehung öffnen und sich ausleben, auf Dates gehen und One-Night-Stands haben. Sie können sich nicht nur zum Teetrinken oder Pasta essen verabreden und darum mussten alle Sexszenen wieder rein …

… wirklich alle?

Es kam sogar noch eine zusätzlich dazu (lacht).

Ab wann war klar, dass deine beiden Freundinnen und Podcast-Gspändlis Gülsha Adilji und Maja Zivadinovic kleine Rollen im Film «Love Roulette» übernehmen werden?

An einen Auftritt von Gülsha dachte ich bereits während des Drehbuchschreibens. Ich wusste, dass sie sich über einen Auftritt in «Love Roulette» freuen würde.

Dass Maja auftaucht im Film, haben wir kurzfristig während des Drehs entschieden. Sie wollte das Set besuchen und war an dem Tag als Statistin eingeplant. Irgendwann haben wir entschieden, es wäre cool, wenn sie länger zu sehen ist – als sogenanntes Featured Extra.

Wie unterscheidet sich ein Filmkuss von einem richtigen Kuss – also neben den fehlenden Schmetterlingen im Bauch?

Viel weniger, als man denkt.

Es soll Tricks geben, die dafür sorgen, dass ein Filmkuss echter wirkt. Kennst du die jetzt alle?

Ein Filmkuss ist echt. Der Unterschied zu einem normalen Kuss ist, dass du eine Kamera neben deinem Gesicht hast und viele Menschen um dich herumstehen und zuschauen.

Ich dachte immer, im Film wird ohne Zunge geküsst?

Das stimmt nicht – je nach Spielpartner und Szene wird mit Zunge geküsst. Ich bin allerdings kein Fan davon, dass man im Film die Zunge sieht. Ich finde das nicht ästhetisch.

Haben Max Hubacher und du mit Zunge geküsst?

Weiter.

Ist Max Hubacher ein guter Küsser?

Ein sehr guter.

In deinem Film «Love Roulette» gewährt sich das Liebespaar Charlie und Tom eine halbjährige Pause vor der Hochzeit, um sich sexuell ausleben zu können. Charlie und Tom sind seit dem Teenageralter zusammen. Es ist also für beide die erste richtige Beziehung. Was möchtest du den Kinobesucher*innen mit deinem Film mitgeben?

Ich möchte mit meinem Film die Menschen während 100 Minuten gut unterhalten – und dass die Kinobesucherinnen und -besucher während dieser Zeit eine Pause von den negativen News haben, die uns ständig um die Ohren fliegen. Gleichzeitig enthält mein Film auch gesellschaftskritische, feministische Botschaften.

Für Frauen genauso wie Männer?

Für alle Geschlechter.

Was denkst du, sollten sich Menschen innerhalb einer Beziehung mehr trauen? Sprich, auch einmal Ungewöhnliches ausprobieren, wenn es sich gut anfühlt?

Ich bin davon überzeugt, dass ein Mensch nicht immer jedem Impuls folgen sollte. Nur weil mich ein Mensch in einer Bar nervt, gebe ich ihm ja auch nicht sofort eine Ohrfeige, nur weil ich für einen Moment diesen Impuls habe. Ich finde aber, dass es durchaus gewisse Beziehungsmuster in unserer Gesellschaft gibt und Rollenbilder gelebt werden, die es lohnt zu hinterfragen.

«Dass Max Hubacher zum Casting kam und am Ende die Rolle auch bekommen hat, ist nicht mir zu verdanken. Ich habe mich sogar dagegen gewehrt, weil ich dachte, er passt nicht für diese Rolle:» Yvonne Eisenring über ihren Filmpartner Max Hubacher.
«Dass Max Hubacher zum Casting kam und am Ende die Rolle auch bekommen hat, ist nicht mir zu verdanken. Ich habe mich sogar dagegen gewehrt, weil ich dachte, er passt nicht für diese Rolle:» Yvonne Eisenring über ihren Filmpartner Max Hubacher.
Bild: Mirjam Kluka

Leben die Menschen in deinem Umfeld heute öfters in offenen Beziehungen, als noch vor zehn Jahren?

Ja.

Du selber hast auch schon eine offene Beziehung gelebt. Wie war es?

(Überlegt lange) In einer offenen Beziehung wird mehr diskutiert, weil es im Gegensatz zu einer monogamen Partnerschaft weniger unausgesprochene Regeln gibt. Menschen, die nicht in einer traditionellen Beziehung leben wollen, müssen alles für sich neu definieren – und das sorgt für Redebedarf.

Macht das die Beziehung komplizierter – oder spannender?

Beides. Es gibt Menschen, die total gut in einer offenen Beziehung leben, derweil andere Schwierigkeiten damit haben.

Ist die Monogamie noch zeitgemäss?

Ja.

Was hast du in deinem bisherigen Leben anderen Menschen öfter geraten: A) sich zu trennen? B) sich nicht zu trennen?

Ich würde sagen 50/50.

Was war es für ein Gefühl, als du dich zum ersten Mal im Film «Love Roulette» auf der Kinoleinwand nackt gesehen hast?

Das ist schon speziell, sich so zu sehen. Aber heute kann ich sagen, dass ich mich an die Sexszene gewöhnt habe. Mich auf einem Bildschirm zu sehen, ist ja nicht neu für mich. Als ehemalige TV-Reporterin stand ich bereits in jungen Jahren vor der Kamera. Ich habe mich bisher aber noch nie weinend oder herumschreiend auf einer Leinwand gesehen.

Am 4. Dezember kommt «Love Roulette» in die Kinos. Wie nervös bist du aktuell?

Sehr nervös.

Wie gehst du mit Kritik um?

Ist die Kritik fair und mit guten Argumenten belegt, finde ich sie spannend. Kritik, die gehässig ist und nur auf Oberflächlichkeiten zielt, finde ich dagegen mühsam.

Warum werden Frauen, die erfolgreich sind, so stark wegen Äusserlichkeiten angegriffen?

Es gibt in unserer Gesellschaft leider immer noch die Idee, dass Frauen nicht auffallen und nicht erfolgreich sein dürfen. Aber zum Glück gibt es heute auch ganz viele Menschen – und nicht zuletzt viele jungen Frauen – die es mega feiern, wenn Frauen Erfolg haben.

Deine Mutter und dein Vater haben in der Schule eine Arbeitsstelle als Lehrpersonen und daheim den Job als Eltern mit einem 50/50-Pensum geteilt hat. Wann hast du realisiert, dass dies in anderen Familien nicht so ist?

Ich checkte das schon früh, weil bei den anderen Kindern die Väter meist während des Tages nicht daheim waren. Dass das Modell meiner Eltern aber derart aussergewöhnlich und modern war und wie schwierig es für sie teilweise war, sich gegen traditionellen Rollenmuster durchsetzen zu müssen, bemerkte ich erst später.

Im Interview mit der «NZZ» sagtest du im vergangenen August: «Wir haben daheim nie über Feminismus oder Gleichberechtigung gesprochen. Unsere Eltern haben das einfach vorgelebt.» Wieso schaffen das die Eisenrings – aber viele andere Familien nicht?

Meine Eltern wollten so leben, dass es für uns als Familie stimmt und nicht um anderen zu gefallen. Ich finde, die Menschen in der Schweiz wollen zu oft anderen gut gefallen und denken ständig darüber nach: Was denken die anderen?

Wenn ich aber ständig darüber nachdenke, was andere denken, dann werde ich kaum aus alten Mustern ausbrechen oder auch einmal neue Ideen umsetzen können.

«Meine Eltern wollten so leben, dass es für uns als Familie stimmt und nicht um anderen zu gefallen»: Yvonne Eisenring.
«Meine Eltern wollten so leben, dass es für uns als Familie stimmt und nicht um anderen zu gefallen»: Yvonne Eisenring.
Bild Mirjam Kluka

Dein Vater starb an einem Herzinfarkt als du 14 Jahre alt warst. Wer hat dir in der ersten Zeit über den Verlust geholfen?

Meine Mutter und meine Schwester. Wir haben oft über meinen Vater und den Tod gesprochen.

Fürchtetest du dich damals davor, dass du nie mehr glücklich sein wirst?

Das ist nun ja schon sehr lange her und die Erinnerung ist etwas verblasst, aber vermutlich Ja. Wenn man so jung einen Elternteil verliert, ist der Schmerz kaum auszuhalten. Gleichzeitig sagt einem das Umfeld immer wieder, dass die Zeit alle Wunden heile.

Und tut sie das?

Kurz nach dem Tod meines Vaters war es für mich unvorstellbar, dass die Zeit Wunden heilen kann. Heute weiss ich, dass die Zeit Wunden heilen kann – wenn auch nicht alle, weil die Person, die gestorben ist, ja nie wieder zurückkommt. Der Schock über den Tod geht aber irgendwann weg und der Schmerz wird kleiner.

Warst du auf irgendjemand und -etwas hässig, als dein Vater gestorben ist?

Ich war hässig aufs Leben. Während sich meinen Mitschülerinnen überlegten, in wen sie sich als nächstes verlieben könnten, habe ich einen Verlust verarbeiten müssen. Das fand ich unfair. Ich wäre auch gerne unbekümmert durchs Leben gegangen.

Was ist nötig, dass wir Menschen einen besseren Umgang mit dem Tod haben?

Wir alle sollten mehr über den Tod reden und ihn nicht mehr tabuisieren. Das ist auch der Grund, warum ich öffentlich darüber spreche. Weil er in der Schweiz immer noch totgeschwiegen wird. Das Einzige, was ich machen kann, um das zu ändern ist: Öffentlich darüber reden und mit gutem Beispiel vorausgehen.

Hast du konkrete Tipps für den Umgang trauernde Menschen?

Ich empfehle immer, dass man etwas sagt, eine Karte oder einen Brief schreibt. Mir fällt das Kondolieren manchmal auch schwer, aber da muss man einfach über den eigenen Schatten springen. Ich finde es wichtig, eine trauernde Person nicht allein zu lassen, sondern direkt zu fragen, was sie gerade braucht – ob sie über ihre Situation sprechen will, zum Lachen gebracht oder irgendwie abgelenkt werden möchte. Da sind die Wünsche ja sehr oft individuell. Jemanden zu verlieren, ist brutal – und wenn sich die Menschen in so einer Situation auch noch von dir abwenden, wird alles nur noch viel schlimmer.

Prägt dich der früher Tod deines Vaters heute noch: Leidest du an Verlustängsten?

Der Tod meines Vaters zeigte mir ganz früh, wie gross ein Schmerz sein kann. Diese Erfahrung sorgt heute dafür, dass ich in manchen Lebensbereichen mutiger bin als andere Menschen.

Wie meinst du das?

Scheitert ein berufliches Projekt von mir, dann tut das zwar weh. Aber es ist kein Vergleich zum Schmerz, der mir der frühe Tod meines Vaters bereitet hat. Sein Tod hat mir auch gezeigt, wie schnell das Leben vorbei sein kann. Deshalb überlege ich mir auch immer wieder sehr bewusst, wofür ich meine Zeit nutzen will. Ich weiss ja nicht, ob ich morgen noch da bin.

«Wir alle sollten mehr über den Tod reden und ihn nicht mehr tabuisieren»: Yvonne Eisenring.
«Wir alle sollten mehr über den Tod reden und ihn nicht mehr tabuisieren»: Yvonne Eisenring.
Bild: Mirjam Kluka

Performancekünstlerin Marina Abramovic sagte in einem «Spiegel»-Gespräch: «Es gibt so wenig grosse Künstlerinnen, weil Frauen zu viel wollen: Kinder und Familie und Liebe und Harmonie und Kunst und Erfolg.»

Diese Aussage ist Quatsch.

Was muss man tun, damit die Gleichstellung zwischen Mann und Frau in der Schweiz Wirklichkeit wird?

Wir müssten das System überdenken und ändern, denn wir sind leider noch weit von echter Gleichstellung entfernt. Was übrigens auch viel damit zu tun hat, dass alle, auch Menschen wie ich, die sich seit langem mit diesen Themen auseinandersetzen, noch alte Rollenbilder und Ideologien im Kopf haben, weil wir damit aufgewachsen sind und diese auch immer und immer wieder in Filmen und Büchern reproduziert bekommen.

Brauchen wir gesetzliche Frauenquoten?

Ich finde das eine schwierige Frage … um mich darüber differenziert äussern zu können, bräuchte ich allein für diese Frage vierzig Minuten Zeit. Und darum: weiter bitte.

Wann ist dir zuletzt etwas passiert, das du Sexismus nennen würdest?

(Überlegt lange) Es kommt mir gerade kein aktuelles Beispiel in den Sinn. Klassische Beispiele erlebte ich während meiner Zeit als TV-Reporterin. Dort musste ich als junge Frau mehr kämpfen als meine männlichen Kollegen, um ernst genommen zu werden.

So grundsätzlich: Was hat die Sexismus-Debatte #MeToo in deinem persönlichen Umfeld verändert?

Die Menschen – vor allem auch jüngere Männer – sind sich heute dem Thema viel mehr bewusst. Und das ist gut so.

Deine persönlichen Erfahrungen mit Grüselmännern?

Gott sei Dank habe ich keine solchen Erfahrungen machen müssen.

Ist die Schweiz so modern, wie wir gerne immer glauben?

Leider nein. Die Schweiz ist eher konservativ und rangiert im internationalen Vergleich, was die Rolle der Frau betrifft, weit hinten.

Du bist eine Weltenbummlerin – lebst aktuell, wenn ich korrekt recherchiert habe, in Zürich, Paris und New York. Was treibt dich an?

Neugierde.

Sind die Schweizerinnen und Schweizer jetzt eigentlich eher beliebt oder unbeliebt im Ausland?

Es kommt ganz darauf, wo du unterwegs bist. In Paris und New York ist die Schweiz durchaus beliebt, weil die Menschen denken, es sei so ein hübsches und sauberes Land. Spreche ich aber mit einer Person, die selber schon bei uns gelebt hat, sagen fast alle, dass sie es in der Schweiz nicht geschafft hätten Freundinnen und Freunde zu finden. Es ist mit einer der Gründe, weshalb ich mir wünschen würde, dass wir Schweizerinnen und Schweizer offener wären und nicht ständig in unserem Gärtchendenken verharren würden.

Welcher typische Schweizer Minderwertigkeitskomplex geht dir auf die Nerven?

Mich nervt es, dass viele Schweizerinnen und Schweizer tunlichst vermeiden wollen, aufzufallen. Im Wunsch ein neutrales Land zu sein, wird leider oft vermieden oder verpasst,  gross zu denken.

Zum Schluss kommen wir noch zum Talenttest: Du schätzt dich bitte selber ein – ein Punkt kein Talent, zehn Punkte Supertalent. Dein Talent als Trauerrednerin?

Zehn Punkte. Ich denke, ich wäre eine gute Trauerrednerin, weil in meinem Umfeld leider schon einige Menschen gestorben sind.

Politikerin?

Drei Punkte. Ich könnte meine Mitmenschen wohl gut überzeugen, hätte aber zu wenig Geduld für Projekte, die dann meiner Ansicht nach viel zu langsam vorwärts gehen würden.

Küsserin?

Zehn Punkte – und wer das selbst beurteilen will, soll sich den Film «Love Roulette» im Kino ansehen gehen (lacht).

Werden wir dich auch künftig als Schauspielerin zu sehen bekommen?

Hoffentlich. Das hängt davon ab, ob ich für andere Rollen gecastet werde. Es gibt aber bereits eine Anfrage für ein weiteres Engagement. Das freut mich sehr.


«Love Roulette» läuft ab Donnerstag, 4. Dezember 2025, bei blue Cinema.


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