Michel Haddis Bildwelten
Kultfotograf der 1990er-Jahre, Michel Haddi verewigte unter anderem David Bowie, Kate Moss, Tupac Shakur und Jennifer Lopez. Heute richtet er sein Objektiv auf eine neue Generation. Begegnung mit einem Mythos-Handwerker, der über seine Legenden, die
06.11.2025
Michel Haddi ist der Mann, der David Bowie, Kate Moss, Tupac Shakur oder Jennifer Lopez verewigt hat. Nun richtet der zeitlose Kult-Fotograf seine Kamera auf eine neue Generation. Eine Begegnung mit einem Meister der Bilder, der mit entwaffnender Offenheit über seine Legenden, Mode und Künstliche Intelligenz spricht.
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
- Der Starfotograf Michel Haddi hat mit seiner Kamera die Aura von David Bowie, Kate Moss, Tupac Shakur oder Cameron Diaz eingefangen.
- Drei Jahrzehnte später richtet er sein Interesse auf die neue Szene und spricht ohne Umschweife über seine Ikonen, Mode und KI
- blue News traf Michel Haddi bei der Couture Fashion Night in Zürich.
An der Couture Fashion Night in Zürich bekam die Mode einen französischen Akzent. Aus der Romandie: Der Designer Jean-Luc Amsler, der eine vor zwanzig Jahren entstandene Haute-Couture-Kollektion neu interpretierte sowie die junge Marke Pardessus19, die Kimono-Mäntel zeigte – mit Boxhandschuhen als Accessoire.
Neben diesen Schweizer Talenten brachte der franco-algerische Starfotograf Michel Haddi seine ikonische Handschrift ein – er, der seit Jahrzehnten die Seele seiner Sujets einfängt. Zwischen zwei Shows sprach blue News mit ihm.
Du hast Ikonen wie David Bowie, Kate Moss oder Tupac Shakur fotografiert. Gibt es ein Fotoshooting oder eine Anekdote, die du niemals vergessen wirst?
Michel Haddi: Ja, ich habe viele Anekdoten. Ich habe die Bilder von Bowie gemacht, weil ich mit Iman befreundet war. Sie war es, die mir von ihrer Liebe zu ihm erzählte. Das New-Yorker «Interview Magazine» bat mich darum, Fotos zu machen. Und da ich schon immer von Bowie fasziniert war… Nun, er hat ein blaues Auge, das andere ist ein wenig grün, manchmal gelb – es war unmöglich, die Schärfe einzustellen! (Lacht) Ich sagte zu ihm: «David, das geht so nicht!» Und mit seiner Ausstrahlung war es, als käme er direkt aus einem Film von Visconti. Ich sagte zu ihm: «Du erinnerst mich wirklich an eine Figur von Visconti.» Er antwortete: «Du bist der Erste, der mir das sagt!»
«Bowie, eine Figur von Visconti»
Wie war dein erstes Shooting mit Kate Moss?
Bei der ersten Begegnung mit ihr hat sie eines meiner Shootings ruiniert – ohne es zu merken! (Lacht) Sie war lieb, ganz unschuldig. Ich fotografierte gerade eine sehr bekannte Schauspielerin, und Kate kam herein, um mir ihr Book zu zeigen. Ich sagte: «Nein, ich arbeite gerade.» Sie fragte: «Darf ich in BH und Slip zur Pool-Landschaft gehen?» Ich antwortete: «Ja, mach, was du willst.» Aber die Schauspielerin ist verrückt geworden, weil Kate hübscher war. Jahre später, als ich diese Schauspielerin erneut fotografierte, weinte sie: «Was hast du mir an dem Tag angetan?» Ich sagte: «Komm schon, sie war sechzehneinhalb – da war doch gar nichts!»
Und wie endete die Geschichte?
Ich habe natürlich weiter mit der Schauspielerin gearbeitet. Aber Kate… sie war unmöglich! Damals hatte niemand auch nur geahnt, dass sie Model werden würde. Sie war nicht sehr gross, hatte leicht gekrümmte Beine – sie war nicht typisch, aber umwerfend. Später habe ich mehrfach mit ihr gearbeitet, ich liebe sie.
«Kate Moss war nicht typisch, aber umwerfend»
Von all den Prominenten, die du fotografiert hast – bei wem ist der Funke direkt übergesprungen?
Ich kann keinen Namen nennen …
Du darfst nicht?
Nein. Aber ich habe mich unsterblich in sie verliebt, voilà.
Gibt es Stars, die du bedauerst, nicht fotografiert zu haben?
Ja, Brooke Shields. Steffi Graf hatte sie mir vorgestellt, sie war total mein Frauentyp. Damals zu schüchtern, habe ich mich nicht getraut, sie zu treffen.
Weil du Distanz zu deinem Sujet brauchst?
Ganz genau. Ich arbeite auch für «Playboy», und da muss man die Distanz wahren.
Du sagst oft, du schüchterst Menschen etwas ein. Wie bringst du sie dazu, sich schnell wohl zu fühlen?
Ich erzähle Blödsinn! Ich bin wie ein Arzt: in ein paar Sekunden muss sich die Person wohlfühlen.
Waren die Stars, die du fotografiert hast, immer einfach zu handhaben?
Es gab da eine, ich erinnere mich nicht einmal mehr an ihren Namen. Sie war unbeherrschbar. Wir waren in New York, ich legte meine Kamera auf die Strasse und sagte zu ihr: «Meine Liebe, du brauchst niemanden, der Fotos von dir macht. Hier, nimm die Kamera und fotografier dich selbst.» Sie lief mir hinterher. Ich sagte: «Entschuldige dich zuerst bei der Stylistin, die du zum Weinen gebracht hast, dann reden wir weiter.»
Du hast auch Stars in extremen Kontexten fotografiert. Welches war das gefährlichste oder eindrücklichste Shooting deiner Karriere?
Das gefährlichste? Ohne Frage: Jenes im Jemen, mit Camilla Rutherford als Model. Wir fotografierten in den Bergen, umgeben von Mudschaheddin, für einen 40-Seiten-Report in der «Cosmopolitan Deutschland». Damals haben wir das Risiko gar nicht wirklich begriffen – diese Rebellen wurden später zu den Huthi. Als wir nach New York zurückkamen, erfuhren wir, dass genau dort zwei Touristen geköpft worden waren … Ein Hoch auf die Mode!
Wenn du an all deine Shootings zurückdenkst – gibt es eines, das du heute anders machen würdest?
Ja, vermutlich. Zum Beispiel war es in den 80er bis 2000er Jahren normal, ein Mädchen halbnackt in einem Modemagazin zu zeigen. Im Jahr 2025 würde man mich dafür anschreien. Das wäre heute nicht mehr akzeptabel, nicht einmal, wenn es ein Mann wäre.
Wenn du die Schönheit der 1990er Jahre mit jener in 2025 vergleichst – sagen wir, Claudia Schiffer versus Kim Kardashian – was hat sich verändert?
Kim Kardashian? Ich kenne sie nicht. Ich weiss nicht, was sie macht.
Aber sie hat es geschafft, oder?
Das ist nicht die Frage. Sondern vielmehr … Worin? Nur weil ich ein Foto von ihr in einer Galerie verkaufe, bedeutet das nicht, dass die Welt automatisch denkt: «Was für eine aussergewöhnliche Frau!»
Welche Persönlichkeiten aus der neuen Generation fallen dir besonders auf?
Miley Cyrus, ohne Zweifel. Sie ist eine echte Künstlerin, sehr modern. Bei den Schauspielerinnen würde ich Sydney Sweeney sagen – sie ist unglaublich. Ich habe kürzlich auch Bella Murphy, die Tochter von Eddie Murphy, für mein Projekt «The Legend: Hollywood» fotografiert, und die Sängerin UPSAHL.
«Die Arroganz der Magazine hat die Lust in mir geweckt, ein eigenes zu schaffen»
Du hast die Modefotografie der 90er-Jahre erlebt, eine ikonische Zeit. Was hat sich am stärksten verändert?
Heute gibt es so viele Menschen, die in sozialen Medien festhängen und überhaupt nichts mehr sagen wollen. Und dann haben 75 % der Modemagazine ihre Seele verloren, wegen der Arroganz mancher Chefredakteurinnen, die sich für überlegener als alle anderen halten. Genau deshalb habe ich meine eigene Ausgabe lanciert: Ich mache, was ich will, ohne Werbung, einfach aus Liebe zur Kunst.
KI dringt zunehmend in die Bilderstellung vor. Neugier, Bedrohung oder Gleichgültigkeit?
Ich bin nicht besorgt. Wenn du Angst hast, ist es dein Problem. Man sollte nicht gegen den Strom schwimmen. Man muss die Werkzeuge nutzen, die man hat. Ich benutze sie: Nach einem Shooting bearbeite ich unter Photoshop – ohne Filter, das kann Stunden dauern –, dann nutze ich KI, um ein Universum zu erschaffen. Es kann ein Mädchen sein, das auf dem Mars angelt, umgeben von Pinguinen! Da wird es dann spektakulär.
Wenn eine KI deinen Stil imitieren würde – wärst du es dann noch?
Nein, wir haben es versucht: Es sieht ein bisschen ähnlich aus – aber es hat nichts mit mir zu tun. Die KI versteht keine Emotionen.
Glaubst du, eine KI könne die «Seele» eines Sujets erfassen?
Nein. Seele ist subjektiv, sie lässt sich nicht imitieren.
Und nun, wo du in der Schweiz bist – gibt es hier Projekte, an denen du arbeitest?
Ja, aber darüber kann ich noch nicht sprechen. Ich liebe die Schweiz.
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