Einst ein alternatives Festival Alle kennen Coachella – aber kaum jemand seine wahre Geschichte

Lea Oetiker

17.4.2026

Hier werden am Coachella die meisten Fotos geschossen: vor dem Riesenrad (rechts) und dem sogenannten «Spectra» (rechts). Sie gelten quasi als Wahrzeichen.
Hier werden am Coachella die meisten Fotos geschossen: vor dem Riesenrad (rechts) und dem sogenannten «Spectra» (rechts). Sie gelten quasi als Wahrzeichen.
KEYSTONE

Einmal im Jahr verwandelt sich die Wüste von Indio in Kalifornien für zwei Wochenenden in eine riesige Bühne für Musik, Kunst und Popkultur: das Coachella-Festival zieht Tausende von überall her an. Doch was steckt hinter diesem Mega‑Event?

Lea Oetiker

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Das Coachella-Festival entstand 1999 aus einer Idee von Paul Tollet und Rick Van Santen, die nach einem erfolgreichen Pearl-Jam-Konzert in Indio ihr eigenes Musikfestival gründeten.
  • Aus dem alternativen Rock-Event entwickelte sich über die Jahre ein globales Kulturphänomen mit Fokus auf Musik, Kunst und Mode, das stark von sozialen Medien und Influencer-Ästhetik geprägt ist.
  • Heute steht Coachella wegen seiner Kommerzialisierung, hoher Preise, Umweltproblemen und des umstrittenen Milliardärs Philip Anschutz zunehmend in der Kritik.

Jeden April zieht es Promis, Influencer und Musikliebhaber*innen in die sonnendurchflutete kalifornische Wüste zum legendären Coachella-Festival. Was einst als alternatives Rock-Event begann, zählt heute zu den grössten und bekanntesten Musikfestivals der Welt.

Wie konnte aus einer Nischenveranstaltung ein globales Kulturphänomen werden? blue News erklärt es dir:

Die Entstehung

Um zu verstehen, warum das Coachella-Festival so ist, wie es ist und einst war, müssen wir ganz am Anfang beginnen – und zwar bei der Gründung. Das geschah durch Paul Tollet und Rick Van Santen. Sie organisierten das Festival erstmals 1999 in Indio, Kalifornien, unter dem Musikveranstalter Goldenvoice. Diese stehen bis heute hinter dem Coachella.

Doch warum organisiert man ein solch grosses Musikfestival in Indio und nicht in den grösseren Metropolen rundum? Der Grund dafür war ein Konzert der Rockband Pearl Jam.

Das Coachella-Festival im Jahr 2004. Hier waren noch deutlich weniger Menschen vor Ort.
Das Coachella-Festival im Jahr 2004. Hier waren noch deutlich weniger Menschen vor Ort.
IMAGO/Avalon.red

Am 5. November 1993 spielten sie während ihrer Tour vor fast 25'000 Fans im Empire Polo Club in Indio. Gebucht wurde die Location damals von Paul Tollet, heutiger CEO bei Goldenvoice. Das Gelände wurde ausgewählt, weil die Band sich weigerte, in Los Angeles aufzutreten. Sie hatten nämlich Streit mit dem Ticketanbieter Ticketmaster wegen zusätzlichen Gebühren. Das Konzert war ein voller Erfolg und zeigte, dass ein Konzert oder Festival nicht in der Stadt abgehalten werden muss, um gut zu laufen.

Schliesslich wurde das Coachella Valley Music and Arts Festival am 28. Juli 1999 offiziell mit einem vorläufigen Line-up von 40 Acts angekündigt, der Ticketverkauf begann am 7. August. Das erste Festival fand am 9. und 10. Oktober 1999 statt. Rund 25'000 Besucher*innen sahen Auftritte von Bands wie Beck, The Chemical Brothers, Morrissey und Rage Against the Machine.

@consequence

Coachella’s first festival in 1999 headlined by Rage Against the Machine. #coachella #rageagainstthemachine

♬ original sound - consequence

Im Jahr 2000 legte das Coachella wegen finanzieller Schwierigkeiten eine kurze Pause ein, wurde jedoch bereits 2001 wieder aufgenommen.

Die Entwicklung

2001 kehrte das Coachella in kompakterer Form zurück. Diesmal mit einem klareren Konzept und optimierter Organisation. Das Festival konzentrierte sich fortan stärker auf das Gesamterlebnis: nicht nur Musik, sondern auch Kunstinstallationen, Lichtshows und ein bewusst kuratiertes Line-up sollten das Publikum anziehen.

In den folgenden Jahren begann Coachella, sich von einem reinen Indie- und Rockfestival zu einem Schmelztiegel verschiedenster Genres zu entwickeln. Um 2003 und 2004 kamen vermehrt elektronische Acts hinzu, etwa The Chemical Brothers oder Massive Attack, die das Klangspektrum erweiterten. Parallel dazu stieg die Zahl der Besucher jedes Jahr deutlich an – von einer überschaubaren Fangemeinde zu einer Menschenmenge, die bald das gesamte Gelände des Empire Polo Club füllte.

Menschen vor der Hauptbühne am Coachella 2004.
Menschen vor der Hauptbühne am Coachella 2004.
IMAGO/Avalon.red

Einen entscheidenden Wendepunkt markierte das Jahr 2004, als die legendäre Reunion von The Pixies und der Auftritt von Radiohead für internationales Medienecho sorgten. Von da an wurde Coachella endgültig zu einem Pflichttermin für Musik-, Mode- und Kulturliebhaber aus aller Welt. Auch der visuelle Aspekt gewann an Bedeutung: Installationen, Skulpturen und Kunstprojekte prägten zunehmend das Erscheinungsbild des Festivals. Künstlerische Leitung und Ästhetik wurden zu Markenzeichen.

Ab Mitte der 2000er-Jahre öffnete sich das Festival auch kommerzielleren Strömungen. Popstars, Hip-Hop-Grössen und elektronische Headliner wie Kanye West, Daft Punk oder Beyoncé (erste Schwarze Frau als Headlinerin 2018 am Coachella) mischten das Programm auf – ohne den alternativen Kern ganz zu verdrängen. Besonders Daft Punks bahnbrechende Live-Show 2006 gilt bis heute als Wendepunkt für elektronische Musik auf grossen Festivals.

Mit wachsendem Medieninteresse rückte Coachella auch zunehmend in den Fokus der Popkultur. Die sozialen Medien trugen entscheidend dazu bei, dass sich um das Festival ein Lifestyle-Mythos entwickelte. 

Seit dem Jahr 2010 ist das Festival fast immer ausverkauft. 2012 wurde das Festival erstmals auf zwei Wochenenden mit identischem Line-up ausgeweitet, um der enormen Nachfrage gerecht zu werden. Mittlerweile werden an jedem Wochenende über 120'000 Besucher*innen erwartet. 

Die Kleidung

Man muss das Coachella gar nicht gross verfolgen, um zu wissen, dass das Outfit dort eine sehr grosse Rolle spielt. Die Mode des Festivals ist eine Mischung aus Boho-Chic, Western-Vibes, Y2K und Festival-Lässigkeit. Typisch sind luftige Kleider, Häkelteile, Fransen, Denim, Micro-Shorts, transparente Stoffe, Cowboyboots und auffällige Accessoires wie beispielsweise Glitzersteine im Gesicht.

Ein klassisches Coachella-Outfit im Jahr 2026.
Ein klassisches Coachella-Outfit im Jahr 2026.
KEYSTONE

Im Zentrum steht dabei immer die Funktionalität im Wüstenklima: leichte Materialien, fliessende Silhouetten und kurze Schnitte sorgen dafür, dass die Outfits trotz Hitze tragbar bleiben. Ursprünglich war genau das der wichtigste Aspekt: Man kleidete sich schlicht praktisch für lange, heisse Tage in der Wüste.

Zwischen 2012 und 2016 erlebte die Coachella-Mode ihre wohl prägendste Phase. Der Stil war laut, verspielt und stark vom Boho-Chic beeinflusst: Blumenkränze, Häkelkleider, Fransenjacken, Body Chains und zerrissene Denim-Teile dominierten das Bild.

Coachella-Gäste im Jahr 2015. Diese Outfits waren in diesem Zeitraum unglaublich beliebt.
Coachella-Gäste im Jahr 2015. Diese Outfits waren in diesem Zeitraum unglaublich beliebt.
KEYSTONE

Diese Zeit war eng mit der Tumblr-Ästhetik verbunden: sonnengebleicht, leicht verträumt und sehr individuell. Es ging weniger um Perfektion als um Ausdruck. Outfits wirkten oft improvisiert, persönlich und bewusst unperfekt. Genau diese Unbeschwertheit machte den Reiz aus.

Einen grossen Einfluss auf die Entwicklung des heutigen Coachella-Looks hatte Schauspielerin Vanessa Hudgens. Sie galt über Jahre hinweg als die inoffizielle «Queen of Coachella». Mit Blumenkränzen, Crop-Tops, Fransen-Details und stark vom Boho-Stil inspirierten Vintage-Outfits prägte sie eine ganze Ästhetik.

Viele Elemente, die später als typisch für Festivalmode gelten sollten, wurden durch ihre Auftritte populär. Ihr Look stand für Freiheit, Verspieltheit und eine gewisse Ungezwungenheit, die perfekt zur damaligen Coachella-Atmosphäre passte.

Die Outfits sorgten jedoch oft für scharfe Kritik wegen kultureller Aneignung: Viele Teilnehmer*innen trugen Native-American-Federkopfschmuck oder südasiatische Bindis auf der Stirn, häufig sogar beides kombiniert. Auch Vanessa Hudgens geriet wiederholt in die Schusslinie dafür. Das Tragen heiliger Symbole marginalisierter Gruppen als modischen Gag, oft durch weisse Personen, gilt als extrem respektlos.

@quietlovepriv

2016 Coachella outfits were peak but this years outfits were cute toooo #coachella #2016coachella #festivalfashion #nostalgia #fyp

♬ original sound - .

Ab etwa 2017 begann sich der Stil deutlich zu verändern. Mit dem Auftreten der Kardashians kam eine neue Ästhetik ins Spiel: glatter, luxuriöser und deutlich inszenierter. Statt Boho-Lässigkeit dominierten nun figurbetonte Silhouetten, neutrale Farbpaletten und Looks, die eher an Editorial-Shootings oder Fashion Weeks erinnerten als an ein Wüstenfestival. Coachella wurde damit zunehmend zu einer Bühne für perfekt kuratierte Influencer-Mode.

Zwischen 2018 und 2019 entwickelte sich das Festival endgültig zur Social-Media-Show. Influencer und Content Creators nutzten Coachella zunehmend als Plattform für auffällige, medienwirksame Looks. Make-up Influencer James Charles erschien beispielsweise in auffälligen, glitzernden Outfits mit starkem Make-up und einer klaren High-Fashion-Inszenierung. Auch Influencerin Tana Mongeau sorgte mit provokanten und überdrehten Festival-Looks für Aufmerksamkeit.

Die Kritik

Hat etwas grossen Erfolg, verliert es häufig seinen Charme. So war es auch beim Coachella. Mit dem wachsenden Erfolg hat sich das Festival stark verändert.

Kritisiert wird vor allem die Kommerzialisierung. Das Festivalgelände ist heute geprägt von grossen Marken, Sponsorinstallationen und exklusiven VIP-Bereichen. Werbekampagnen nehmen teilweise mehr Raum ein als die eigentliche Musik.

Ein weiterer häufig genannter Kritikpunkt ist die starke Selbstinszenierung «Gesehen und gesehen werden», lautet das unausgesprochene Motto vor Ort. Viele besuchen das Coachella für neue Bilder auf Instagram. Influencer*innen und grosse Marken haben stark zu dieser Entwicklung beigetragen. 

Am Festival selbst werden hunderte Videos gedreht und veröffentlicht. Doch bereits Wochen zuvor wird Content über das Festival gepostet. Und wer es nicht schafft hinzugehen, postet halt Bilder von den Outfits vom letzten Jahr.

Aufwendig inszenierte Outfits, gesponserte Luxusunterkünfte und sorgfältig geplante Fotoshootings gehören längst zum Standard. Influencer reisen oft im Auftrag von Marken an, um Reichweite zu generieren und Produkte subtil zu platzieren. 

Das Festival gilt ausserdem als extrem teuer, von Tickets über Camping bis zum Essen. Wer die volle Coachella-Erfahrung sucht, muss tief in die Tasche greifen: Die Gesamtkosten pro Person liegen meist zwischen 800 und 2000 US-Dollar. Ein kurzer Überblick über die Preise: 

Preise am Coachella

  • General Admission (3-Tages-Pass): 549–649 US-Dollar
  • VIP-Pass: 1'199–1'399 US-Dollar
  • Shuttle-Pass: 130–180 US-Dollar
  • Camping vor Ort: 150–400 US-Dollar und mehr
  • Servicegebühren: 50–100 US-Dollar

Nicht im Preis dabei: Flugtickets oder Auto, um überhaupt nach Indio zu gelangen, Unterkunft, wenn man nicht Campen möchte, Essen und Trinken. Auch letzteres ist enorm teuer vor Ort. Alleine für ein Bier oder Kaffe bezahlt man 20 US-Dollar.

Zudem kommt es immer wieder zu Beschwerden über lange Wartezeiten, fehlende Toiletten, Wasser und Schatten beim Caping-Einlass. Letztes Jahr standen Besucher*innen bis zu 12 Stunden im Stau, um überhaupt zum Campingplatz zu gelangen.

Besonders scharf ist die Umweltkritik. Coachella findet mitten in der Wüste statt, wo die gepflegten Grünflächen und der Betrieb als wasserintensiv gelten und deshalb als ökologisch problematisch angesehen werden. Auch der Vorwurf der Wasserverschwendung taucht immer wieder auf, unter anderem weil für das Festival grosse Anlagen in einer ohnehin trockenen Region betrieben werden.

Früher, insbesondere in den 2000er und frühen 2010er Jahren, wurde Coachella oft als ökologisch progressiv dargestellt. Das Festival betrieb Initiativen wie Carpoolchella (Belohnung von Fahrgemeinschaften zur Reduktion von CO₂-Emissionen), RecyclingSunday (Abfalltrennung mit Preisen für recycelte Flaschen) und den Recycling Store, wo Besucher Plastikflaschen gegen Merchandise eintauschen konnten.

Der umstrittene Chef

Nachdem das Coachella-Festival im Jahr 2001 seine Finanzkrise überwunden hatte, war dies vor allem der Übernahme von Goldenvoice durch die Anschutz Entertainment Group (AEG) zu verdanken, jenem Unternehmen, das dem Milliardär Philip Anschutz gehört. Einem Mann, der als höchst umstritten gilt.

2018 veröffentlichten mehrere Musikwebsites Berichte, in denen Anschutz scharf kritisiert wurde. «Freedom For All Americans», eine Organisation, die sich für LGBTQ-Rechte einsetzt, erklärte in einem Artikel in der «Washington Post», Anschutz habe homophoben Gruppierungen Geld gespendet. Zudem bezeichne Greenpeace ihn als Klimawandel-Leugner. Er nutze seine Nachrichtenplattform «The Washington Examiner», um rechtes Gedankengut zu verbreiten.

Anschutz reagierte nach dem «Washington Post»-Bericht mit einem Statement: «Neueste Berichte, die in der Presse veröffentlicht wurden und besagen, ich sei anti-LGBTQ, sind Fake News, es ist alles Müll», sagte er. «Ich unterstütze die Rechte aller Menschen, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung.» Ausserdem achte er bei der Einstellung neuer Mitarbeiter in seinen Firmen gezielt auf Vielfalt.

Philip Anschutz ist sehr umstritten.
Philip Anschutz ist sehr umstritten.
KEYSTONE

Zu den Vorwürfen, er und seine Stiftungen hätten umstrittene Organisationen finanziell unterstützt, erklärte ein Sprecher: «Wir haben die Beiträge sofort eingestellt.»

Trotzdem sind die Diskussionen um Anschutz nie ganz verstummt. Laut dem Magazin «The Fader» soll der Unternehmer insgesamt rund 200'000 Dollar an republikanische Politiker überwiesen haben – darunter Senator Cory Gardner, ein bekennender Waffenfreund und Gegner strengerer Waffengesetze, der selbst Spenden von der «National Rifle Association» (NRA) erhalten hat.

@leaskontext

@Yules das Coachella bleibt problematisch, mein Video von letztem Jahr findet ihr hier: @lea 🍉 #coachella #coachella2026 #aufklärung #boykott #leaskontext

♬ Originalton - lea 🍉

Ebenso profitierte laut Bericht US-Representative Scott Tipton, der gegen gleichgeschlechtliche Ehen und Abtreibungen eintritt. Auch der konservative Politiker Mike Coffman erhielt demnach mehr als 5000 Dollar von Anschutz. Coffman sorgte 2012 für Aufsehen, als er die Staatsbürgerschaft von Barack Obama infrage stellte: «In seinem Herzen ist er kein Amerikaner», sagte er damals.

Diesen letzten Punkt übersehen viele, zu verlockend ist wohl der Anblick des Sonnenuntergangs.


Interview mit Jule X

Interview mit Jule X

Am Mittwochabend hatte Jule X ein Konzert am Gurtenfestival – also quasi Heimspiel. Doch vor seinem Auftritt durfte blue News Moderatorin Bettina Bestgen ihm – und der Vokuhila Mafia – ein paar äusserst spezielle Fragen stellen.

16.07.2025