Nachruf auf Rosa von Praunheim«Sex nach dem Tod – ich glaube sehr stark dran»
Bruno Bötschi
18.12.2025 - 12:49
Der deutsche Filmemacher Rosa von Praunheim ist in der Nacht zum Mittwoch gestorben. Der Vorkämpfer der europäischen Schwulenbewegung wurde 83 Jahren alt.
Bild:Keystone
Filmemacher Rosa von Praunheim sorgte für manchen Skandal, etwa als er Hape Kerkeling outete. Jetzt ist der Vorkämpfer der Schwulenbewegung gestorben. Fürs Jenseits hoffte er auf Ungewöhnliches.
Erst vor wenigen Tagen heiratete er seinen Partner. Nun ist Rosa von Praunheim, Vorkämpfer der europäischen Schwulenbewegung, im Alter von 83 Jahren gestorben.
Schrill, schräg und schonungslos: Der deutsche Regisseur war zeit seines Lebens kein Mensch der leisen Töne.
«Ich hatte schon einige witzige Ideen, was nach dem Tod mit mir geschehen soll. Am liebsten würde ich mich ausstopfen und einbalsamieren lassen», sagte Rosa von Praunheim vor sechs Jahren im Interview mit blue News.
Wer Rosa von Praunheim begegnete, vergass das nicht mehr. Der Filmemacher, eine Ikone der Schwulenbewegung, konnte einem tief in die Augen schauen und ohne Zögern Fragen zu stellen: Warst du schon einmal in New York? Hast du eine Zimmerpflanze? Was ist der Sinn des Lebens?
Ich traf ihn 2019 in seiner Wohnung in Berlin zu einem «Bötschi fragt»-Interview für blue News. Ein Altbau. Hohe Wände, bunt und gemütlich zusammengewürfelte Möbelstücke, an den Wänden Plakate der eigenen Filme.
Rosa von Praunheim war sein Leben lang wissbegierig. Er war Künstler, Filmemacher, aber immer auch Aktivist. Er war nie ein Mann der leisen Töne und ein unglaublich fleissiger Mensch. Er hat im Laufe seines Lebens sage und schreibe 150 Filme und Dokumentationen gedreht.
In der Nacht zum Mittwoch ist der Regisseur im Alter von 83 Jahren gestorben – nur wenige Tage, nachdem er seinen langjährigen Partner Oliver Sechting geheiratet hat. Der Künstler starb in Berlin «überraschend, aber völlig friedlich», wie es aus seinem Umfeld heisst.
«Ich bin der produktivste Schwulenfilmer dieser Erde»
«Hallo Freaks, Filmfreunde und Perverse», steht auf seiner Website geschrieben, «ich war weltweit einer der Ersten, der nach dem Zweiten Weltkrieg einen politischen Schwulenfilm gemacht hat und sage in Bescheidenheit, dass ich wohl der produktivste Schwulenfilmer dieser Erde bin.»
Von Praunheim drehte vor drei Jahren den Film «Rex Gildo – Der letzte Tanz» und veröffentlichte zuletzt «Satanische Sau», eine Komödie, in der in einer Szene Blumen in Männerhintern stecken.
Manche Menschen werden sich zudem an von Praunheims glitzernde, plüschige und bunten Kostüme erinnern. Oder an seine oft streitlustigen Auftritte 1990er Jahren in TV-Talkshows.
Bei «Talk im Turm» zum Beispiel sagte er vor Jahren Dinge, die heute selbstverständlich klingen: «Homosexuell zu sein, ist eine genauso gleichberechtigte Form der Sexualität.»
Bei «Talk im Turm» wollte der Moderator wissen, was ihn bewogen habe, andere der Homosexualität zu bezichtigen? Der Filmemacher fragte zurück, was das Wort heissen solle, das klinge so eigenartig: «'Bezichtige' ich Sie der Heterosexualität?»
Schon damals liess sich beobachten, dass von Praunheim geschickt Fragen stellen konnte. In der Sendung erklärte er, es gehe ihm um Verantwortung.
Gerade Leute, die in den Medien präsent seien, hätten eine Verantwortung zu zeigen, dass Homosexualität eine gleichberechtigte Lebensform sei. «Wir müssen sichtbar sein.» Andere kritisierten seine Aktion als übergriffig und menschenfeindlich.
Wahrsagerin sagte Sterbedatum für Oktober 2023 voraus
Mit 73 sagte Rosa von Praunheim in einem Interview: «Ich sehe dem Ableben freudig entgegen, hab eher Angst vor Siechtum, Krankheit und Depressionen.»
Zwei Jahre später kokettierte er mit dem Tod. Er sagte: «Ich würde gerne sterben.» Und weiter: «Kein Mensch will am Ende seines Lebens dahinsiechen oder gar qualvoll sterben müssen. Gleichzeitig ist mein Überlebenswille nach wie vor sehr gross.»
Später behauptete der Filmemacher in einem Interview, eine Wahrsagerin habe sein Sterbedatum vorausgesagt – für Oktober 2023. Er habe auch schon eine Malerei für das Grab entworfen. «Aber ich denke, die Astrologin hat sich um ein Jahr verrechnet.» Es könne natürlich jeden Tag passieren.
Ob das ein schönes Gefühl sei, dass das Leben jederzeit vorbei sein könne? «Ein wunderbares Gefühl. Ich finde, der Tod ist etwas Herrliches. Ewig schlafen. Ruhe. Und man wird intelligentes Wasser – falls du das noch nicht weisst.»
Gibt es nackte Männer und nackte Tiere dort, wo man hingeht? «Ja, natürlich», sagte Rosa von Praunheim. «Sex nach dem Tod – glaube ich sehr stark dran.»
Von Praunheim: «Ich würde mich gerne ausstopfen lassen»
Queerness, Kirche, Depressionen, Sterbehilfe und Sex – es gab kaum etwas, worüber man mit Rosa von Praunheim nicht hätte reden und diskutieren können.
Während meines Besuches beim Filmmacher vor sechs Jahren in Berlin sprachen wir ebenfalls über das Sterben und den Tod. Auf meine Frage «Kremieren oder im Sarg bestatten?» antwortete von Praunheim:
«Ich hatte schon einige witzige Ideen, was nach dem Tod mit mir geschehen soll. Am liebsten würde ich mich ausstopfen und einbalsamieren lassen. Danach könnte man mich im Filmmuseum Berlin ausstellen – mit einem Fernsehgerät im Bauch, damit die Schulkinder meine Filme ansehen könnten.»
Rosa von Praunheim (links) starb nur wenige Tage, nachdem er seinen langjährigen Partner Oliver Sechting geheiratet hatte.
Bild:Jens Kalaene/dpa
Was soll dereinst auf Ihrem Grabstein stehen?
«Ich habe ganz viele Gedichte geschrieben – eines davon soll dann ausgesucht werden.»
Gibt es ein Danach?
«Ich bin allesgläubig, und deshalb denke ich, es ist danach alles möglich, was man sich vorstellen kann. Gleichzeitig bin ich aber ein sehr realistischer Mensch und denke, dass danach nichts kommen wird.»
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