20.04.2017 - 09:47

Russland voll gaga: Wer stirbt, wird zum Star

von Gion Mathias Cavelty
 

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TV-Experte Gion Mathias Cavelty über «Moskau extrem – Party, Skins und Sowjetkult».

«Moskau, Moskau / Wirf die Gläser an die Wand / Russland ist ein schönes Land / Ho ho ho ho ho / HEY!»

So sang die Gruppe Dschings Khan anno 1979. Ich fand das immer wahnsinnig schlimm, das mit dem Die-Gläser-an-die-Wand-Werfen. Ehrlich gesagt das Schlimmste, was ich mir überhaupt vorstellen konnte. Das gibt doch Scherben und Flecken auf der Tapete! Und auch die Typen aus der Band mit ihren stechenden Blicken und riesigen Schnurrbärten – absolut derbe Gesellen (wiewohl keiner aus Russland stammte, aber egal).

Treiben es die Russen immer noch so wild? Der «Russland»-Schwerpunkttag vom 19. April auf ZDFinfo sollte mir die Antwort liefern. «Russland-Schwerpunkttag», das heisst: Dokus über Russland bis zum Umfallen. «Moskau extrem – Party, Skins und Sowjetkult», «Nachtwölfe – Russlands Rockerbanden», «Russische Neo-Nazis», «Putins geheimes Netzwerk – Wie Russland den Westen spaltet».

Krass bis zum Tod

Nun: In «Moskau extrem – Party, Skins und Sowjetkult» wurden schon ziemlich rasch Homosexuelle von Rechtsradikalen schikaniert. 15-, 16-jährige Neonazis machten Jagd auf illegale Einwanderer und ethnische Minderheiten. Zwei vermeintliche Drogendealer wurden vor laufender Kamera fast zu Tode geprügelt. Ein Autorowdy raste mit einem Polizisten auf der Kühlerhaube mit 90 Stundenkilometer durch Moskau. «Oha!», dachte ich mir. Da hatte ich doch ein bisschen andere Vorstellungen von extremen Russen (siehe oben).

Aber zurück zur Doku. Ist das denn alles, was die Leute in Moskau heutzutage machen – mit (handwerklich höchst zweifelhaften) SS-Tattoos vor dem Spiegel posieren und Leute verprügeln? Antwort: Nein! Lebenssinn liegt offenbar auch darin, ungesichert auf die höchsten Türme der Stadt zu klettern und sich dabei zu filmen. Oder sich am Dach von Zügen festzuhalten, die mit 200 Stundenkilometern unterwegs sind, und sich dabei zu filmen. «Wenn einer beim Zugsurfen oder woanders draufgeht, wird er zum Helden. Er hat was Krasses gemacht und stirbt dabei. Dann ist er ein Star. So läuft das», formuliert es ein Jugendlicher nüchtern.

Todessehnsucht pur. Auch in den Benimmkursen der unvorstellbar reichen High-Society, die in der Doku noch thematisiert werden. Wie hält man ein Champagnerglas richtig? Wie gibt man einen formvollendeten Handkuss? Wie lächelt man? Jawohl, das Lächeln muss die neue Elite hart erlernen. «Die Russen lachen nie. Wenn man früher gelacht hat, hatte man etwas zu verbergen. Heute wissen die Russen, dass man lachen sollte», doziert die Benimmexpertin. Die Wiederbelebungsversuche der Aristokratie sind jedoch zum Scheitern verurteilt. Das alte, zaristische Russland ist und bleibt tot. Neonazis und Nachtwölfe streifen jetzt überall herum.

Absurd ist nur der Vorname

Die Nachtwölfe: mit 5000 Mitgliedern Russlands grösster Bikerclub. Der russische Patriarch findet sie toll und segnet den Ober-Nachtwolf vor laufender Kamera. Putin findet sie auch toll und verleiht dem Ober-Nachtwolf einen Orden für «die patriotische Erziehung der russischen Jugend». «Dort, wo Gott und die Kirche sind, gibt es nichts Schlechtes. Wir sind sicher, dass Gott seine schützende Hand über uns hält», faselt einer der Ober-Nachtwölfe. Eine ungute ideologische Mixtur, die der Russlandexperte Wilfried Jilge als «radikal antiwestlich, antiliberal, orthodox-grossrussisch-machtstaatlich» bezeichnet.

Die russischen Neonazis sieht man in Kampfmontur auf einer Waldlichtung mit Messern herumfuchteln. Es sieht aus wie in einem Sketch von Monty Python. Wieso bloss die Verehrung für die verdammten Nazis? Im Zweiten Weltkrieg gab es doch 27 Millionen Tote auf russischer Seite! Die bizarre Erklärung eines Neonazis: «Die Deutschen töteten die Ideologie, die Bolschewisten. Sie kämpften für das Blut aller Europäer, also auch unser Blut.» Was schlicht und einfach falsch ist, denn die Slawen wurden von den Nazis als minderwertig erachtet.

Fazit: Mir waren die falschen extremen Russen von Dschinghis Khan lieber. Trotz aller Flecken auf der Tapete.

Die Dokumentationen «Moskau extrem» und «Nachtwölfe – Russlands Rockerbanden» liefen am Mittwoch, 19. April, auf ZDFinfo (um 15.40 Uhr respektive 21 Uhr). Mit Swisscom TV Replay können Sie alle Sendungen bis zu sieben Tage nach Ausstrahlung anschauen.

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Gion Mathias Cavelty ist der Schwarzseher. Er wagt sich in die grottenschlechten Untiefen des Fernsehprogramms und schaut, was niemand hätte sehen sollen.
Bild: Bild: Paolo Dutto

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