19.03.2017 - 21:45

Borowski-«Tatort» startet mit einem Comic

von Jens Szameit
 

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TV-Experte Jens Szameit ist bekennender IT-Legastheniker. Zu seinem Glück ist der Kieler «Tatort»-Kommissar Borowski in diesen Dingen ähnlich begriffsstutzig.

Na, googeln Sie noch oder sind Sie schon ins Darknet abgetaucht? Nach allem, was ich mir mühsam über die «dunkle Seite» des Internets angelesen habe, bin ich persönlich zu dem Schluss gekommen, dass ich dort nicht viel verloren habe. Weder muss ich dringend einen Auftragsmörder anheuern noch bin ich politischer Dissident in einer Autokratie. Und ausserdem ist mir das alles ehrlich gesagt viel zu kompliziert.

Den «Tatort»-Kommissaren, die immer öfter mit dem offenkundigen Trendthema zu tun haben, geht es zu meinem Glück nicht anders. Nehmen wir Klaus Borowski, grau melierter Grummler aus Schleswig-Holstein, durch und durch analog sozialisiert. Wenn dem die junge, IT-affine Kollegin Sarah Brandt nicht die Sprachsteuerung einrichtet, könnte er an seinem Smartphone nicht mal die Taschenlampe anschalten. Anders gesagt: Wenn einer wie der Borowski etwas über das Darknet lernt, dann lernt sogar ein Technologie-Legastheniker wie ich daheim vorm Fernseher etwas mit.

Fast wie bei den Kindernachrichten

Höhepunkt der neuen Kieler Episode «Borowski und das dunkle Netz» war ein lustiger Comic-Strip, in dem das Darknet in aller Kürze für Dumme wie mich verständlich gemacht wurde. Borowski tauchte als Zeichentrickmännchen unter einen Eisberg, der das Internet versinnbildlichte. Ganz reizend! Ein «Tatort»-Krimi wie die «Logo!»-Kindernachrichten. Der frontaldidaktische Erklärbär-Anspruch der ARD-Reihe auf die Spitze und ins Komische getrieben. Warum auch nicht?

Sollten Sie die hübsche Szene allerdings gar nicht gesehen haben, weil Sie zuvor schon angewidert den Fernseher ausgeschaltet haben: Ich hätte ein bisschen Verständnis. Ziemlich anstrengend und angestrengt begann diese Cyber-Horror-Groteske über den Auftragsmord an einem LKA-Ermittler. Erst die hibbelige Ego-Shooter-Perspektive, dann die für die Primetime ziemlich dick aufgetragenen Szenen im Hotel. Was die dralle Rezeptionistin mit dem ohnmächtig gewordenen Darknet-Killer und seinem abgetrennten Finger anstellte: Es trifft nicht ganz mein Humorzentrum.

Sibel Kekilli hört beim «Tatort» auf

  • Sibel Kekilli
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Wer hilft dem armen Borowski durch die digitale Welt?

Mit der Zeit aber entwickelte der von Regie-Shootingstar David Wnendt («Kriegerin», «Feuchtgebiete») verantwortete IT-Exkurs immer mehr Sogkraft. Skurrile Charaktere fanden sich in bizarren Situationen, und die Kamera fand starke Bilder für den dunklen Web-Schlund, der uns alle irgendwann mit Haut und Haaren verputzen wird. Sarah Brandt auf Tauchstation in der Badezimmerlüftung – spooky! Und wie dann am Ende die Darknet-Kanäle am Motiv labyrinthischer Tierfallen gespiegelt wurden! Fast ein bisschen Filmkunst.

Sorgen machen muss man sich indes um den von Axel Milberg gespielten Kieler Kommissar. Nachdem die Schauspielerin Sibel Kekilli ihren baldigen Ausstieg ankündigte, wird der Bauchmensch Borowski nur noch ein weiteres Mal auf die Unterstützung der taffen Sarah Brandt zählen können («Borowski und das Fest des Nordens», 21. Mai). Wer hilft dem armen Mann dann durch die Wirren der digitalen Welt? Ich frage das aus vollem Mitgefühl.

Der neuste «Tatort» lief am Sonntag, 19. März, um 20.05 Uhr auf SRF 1. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach Ausstrahlung anschauen.

Das sind die dienstältesten «Tatort»-Kommissare

  • Die Liste: Geballte Erfahrung: Das sind die dienstältesten «Tatort»-Kommissare
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Jens Szameit wuchs am Westzipfel Deutschlands mit nur drei TV-Programmen auf, in denen vornehmlich die Herren Derrick und Schimanski für Recht und Ordnung sorgten. Heute lebt er in München und schreibt beruflich über die Höhe- und Tiefpunkte schrecklich vieler Fernsehprogramme. Am liebsten über Krimis.
Bild: ZVG

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