«Als Teenager hatte ich Angst, auf einen Baum zu klettern»

Von Marlène von Arx

13.6.2021

Bertrand Piccards Solar Impulse Foundation hat sich zum Ziel gesetzt, der Wirtschaft 1000 jetzt anwendbare und profitable Lösungen zum Klimaschutz schmackhaft zu machen. Wie er das angeht, wieso er sich auf Events mit Greta Thunberg freut und wie seine Familie mit «Star Trek» verbunden ist, erklärt der Romand hier im Interview.

Von Marlène von Arx

13.6.2021

Betrand Piccard, sind Wirtschaft und Umweltschutz kompatibel?

Das waren sie lange nicht. Umweltschutz bedeutete Subventionen und Opfer bringen. Ich wollte mit unserer «1000 Solutions Challenge» beweisen, dass das nicht mehr so ist. Wir haben nun 1000 Beweise, dass wir die Umwelt schützen, Jobs kreieren und Gewinn erwirtschaften können.

Können Sie einige Beispiele nennen?

Es gibt beispielsweise ein Start-up-Unternehmen, das die Hitze einer Fabrik auffängt und wieder ins Energie-System der Fabrik zurückführt, was viel Energie spart. Wir haben ein Modul für Automotoren, das nur 500 Dollar kostet, 80 Prozent der giftigen Partikel eliminiert und 20 Prozent Treibstoff spart. Im Weiteren ist bei den 1000 Lösungen ein System vertreten, das das Methan aus den Abfall-Deponien in Energie verwandelt. Wir haben zudem viele Smart-Grid-Projekte zum effizienteren Nutzen von Energie und Wasser.

Tönt toll. Wo liegen die Probleme?

Oft bei den Gesetzen. Wenn man beispielsweise an einem Automotor etwas abändert, muss das Auto neu zertifiziert werden. Es gibt auch Autohersteller, die dann ihre Garantie zurückziehen. Kurz: Für gewisse Lösungen muss der gesetzliche Rahmen geändert werden, um sie auf den Markt zu bringen. Da setzen wir auch an.

Das Video zum Betrand Piccards 1000 Lösungen.

Youtube/Solar Impulse

Wie machen Sie das?

Ich werde zum Beispiel den 1000 Solutions Guide Staatsoberhäuptern unterbreiten, um zu sehen, wie sie sie in ihren Ländern umsetzen können. Ich habe Joe Biden einmal am World Economic Forum getroffen. Ich hoffe, es gibt ein Wiedersehen – ebenso mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping, dem russischen Präsidenten Putin, dem Premierminister Modi aus Indien sowie natürlich dem französischen Präsidenten, dem Prinzen von Monaco und den Königen von Marokko und Belgien.

Wie gehen Sie auf Klimawandel-Leugner zu?

Ich sage ihnen: Es gibt 1000 Lösungen, die Jobs kreieren und Geld einbringen. Und nebenbei schützen sie die Umwelt, was andere Leute happy macht. Also nutzen wir das doch.

Was halten Sie von Greta Thunberg als Umwelt-Aktivistin?

Sie ist sicher nützlich. Bei Events referiere ich gern nach ihr, denn sie jagt allen Angst ein. Und dann komme ich und sage: Ich habe viele profitable Lösungen! Dank Greta sind die Leute dann viel empfänglicher für sofortiges Handeln, als wenn ich allein einen Vortrag halte.

Was hat Ihnen der Lockdown gezeigt, was in Sachen Eindämmung von Umweltverschmutzung möglich ist?

Der Lockdown hat uns den Stopp des wirtschaftlichen Systems vor Augen geführt. Das ist keine Option für mich, denn es bringt viele Arbeitslose, Konkurse und gesamtgesellschaftliches Leid mit sich. Das geht nicht. Andererseits können wir auch nicht immer mehr produzieren und konsumieren. Aber es gibt einen dritten Weg: das qualitative Wachstum. Das wird der Wirtschaftsmarkt dieses Jahrhunderts.



Ein grosser Umweltverschmutzer ist ja die Fliegerei. Sie haben mit dem Solarflugzeug Solar Impulse in gestaffelten Etappen die Welt umflogen. Welche Verbesserungen sind für Passagierflugzeuge in Sicht?

Die Software SkyBreathe hilft dem Piloten beispielsweise bei der Treibstoff-Effizienz. Das spart schon mal 5 Prozent bei jedem Flug. Dann könnte man Flugzeuge mit einem elektrischen Traktor auf die Runway ziehen. Während der Rushhour warten Flugzeuge am JFK Airport in New York 45 Minuten, bis sie starten können – mit laufenden Motoren. Mit heutigen Technologien erreicht man jedoch nicht mehr als eine Verbesserung von 20 Prozent. In Amerika gibt es aber jetzt Projekte mit Elektro- und Wasserstoff-Flugzeugen. Das Ziel ist, bis 2035 saubere, klimaneutrale kommerzielle Langstreckenflugzeuge zu haben.

Ist das ein realistisches Ziel?

Ich denke schon. Zwischen dem ersten Flug der Wright Brothers und der Mondlandung sind 66 Jahre vergangen. Das ist eine enorme Entwicklung. In fünfzehn Jahren saubere Flugzeuge zu haben, ist nicht die gleich grosse Herausforderung, wie auf den Mond zu kommen.

Sie stammen aus einer Familie von Entdeckern und Abenteurern und haben selber die Welt im Ballon und im Solarflugzeug umkreist. Wohin treibt es Ihr Entdecker-Herz als Nächstes?

Die Ballon-Fahrt war ein persönlicher Traum und Solar Impulse war eher nützlich, um die erneuerbaren Energien zu promoten. Jetzt konzentriere ich mich voll auf die 1000 Lösungen und darauf, sie Staatsoberhäuptern, grossen Firmen und Institutionen näherzubringen. Das ist weniger abenteuerlich, aber sicher nicht weniger schwierig! Eines Tages würde ich aber noch gern mit einem Wasserstoff-Flugzeug um die Erde fliegen, aber das erfordert noch ein bisschen Rechnerei (lacht).

Frustriert es Sie, wenn die Fortschritte nicht schnell genug passieren oder es Rückschläge gibt?

Es ist deprimierend, dass es der Umwelt jedes Jahr schlechter geht und die Staaten auf internationalem Niveau keinen Konsens finden. Aber die Frustration kreiert nun Taten in Städten und privaten Unternehmen auf dem lokalen Level. Klar: Ich mag Rückschläge nicht und ich scheitere nicht gern.

Aber schlimmer, als zu scheitern, ist es, es nicht zu versuchen. Entdecker wie meine Vorbilder Charles Lindbergh oder Edmund Hillary wussten, dass man keine Angst haben darf, zu scheitern. Als Teenager hatte ich Angst, auf einen Baum zu klettern, wegen der Höhe. Aber dann habe ich zum Glück Hang-Gliding entdeckt, das war die Therapie.



Zum Schluss noch die «Star Trek»-Frage: Welche Verbindung besteht zwischen Captain Jean Luc Picard und Ihrer Familie?

Jean Félix Piccard, der Zwillingsbruder meines Grossvaters Auguste, lebte in den USA und war da bekannt, weil er den ersten Stratosphären-Flug machte und Sauerstoff-Versorgungssysteme für Piloten entwickelte. Der «Star-Trek»-Schöpfer bestätigte meinem Cousin, dass er das Vorbild für Jean Luc Picard war.

Er habe den Namen leicht abgeändert, aus Angst, von unserer Familie sonst verklagt zu werden. Dabei hätten wir uns geehrt gefühlt, wenn sich Jean Luc Picard mit cc schreiben würde. Aber wie dem auch sei: Es ist lustig, dass mein Grossonkel Jean Luc Picard und mein Grossvater die Professor-Bienlein-Figur in den «Tim und Struppi»-Cartoons inspirierte.