«Am Schluss will ich eine grosse Party, mit gutem Wodka»

Von Marlène von Arx, Los Angeles

26.9.2021

Was, du kennst Udo Kier nicht? In Hollywood ist der deutsche Charakterschauspieler Kult. Nun spielt der Liebling provokativer Filmemacher mit 76 Jahren erstmals eine englischsprachige Hauptrolle in «Swan Song».

Von Marlène von Arx, Los Angeles

26.9.2021

Udo Kier lässt es sich in seiner kalifornischen Wahlheimat gut gehen: Er hat eine Ranch in der Wüste und ein Haus – besser gesagt, die vom Schweizer Star-Architekten Albert Frey co-entworfene ehemalige Bibliothek – in Palm Springs, zwei Stunden ausserhalb von Los Angeles. «Hier gibt es keine Parkuhren und die Rentner nennen mich ‹junger Mann›», erklärt der 76-Jährige via Zoom lachend.

Er sammelt Kunst und freut sich an Pflanzen. Er liebt den Duft von Erde und redet mit den Bäumen: «Wenn ich nicht Schauspieler geworden wäre, wäre ich Gärtner.» Aber Schauspieler ist er geworden. Ein eigensinniger, provokativer Schauspieler, der von Lars von Trier ebenso verehrt wird wie von Madonna, Gus Van Sant oder Alexander Payne.

Sein Gesicht kennt man aus Nebenrollen in Blockbustern wie «Blade» und «Armageddon», sowie Arthouse-Filmen wie «Dogville», «My Own Private Idaho» und «Downsizing». Oft spielt er den Bösewicht. Nach 50 Jahren im Filmbusiness erhält der geborene Kölner nun seine besten Kritiken für seine erste englischsprachige Hauptrolle in «Swan Song» (zu sehen am ZFF).

Kier spielt darin den pensionierten Coiffeur Pat Pitsenberger, der in einem Altersheim in Sandusky, Ohio, lebt und eine ehemalige, verstorbene Kundin (Linda Evans) für ihre Beerdigung stylen soll. Der Auftrag lässt ihn auf sein eigenes Leben zurückschauen und damit Frieden schliessen.

Filmemacher Todd Stephens widmet die rührende Geschichte allen «vergessenen Floristen und Coiffeuren, die eine Schwulen-Community aufbauten und den Weg für die Rechte ebneten, an denen wir uns heute festhalten.»

Als Kriegskind knapp dem Tod entronnen

Der Film wurde mit Crowdfunding gestartet und in achtzehn Tagen in Stephens' Heimatort Sandusky gedreht. Pat Pitsenberger war da ein Stadtoriginal.

Udo Kier verbrachte Zeit im Altersheim und mischte sich auch nach Drehschluss unter die Leute: «Ich zog den grünen Anzug auch abends nicht aus. Wenn ich in die Bar ging und meinen Pinot Grigio bestellte, grüssten mich alle mit ‹Hallo Pat›. Niemand durfte mich während der Dreharbeiten anders ansprechen.»

Kier ist ein Method-Actor, das heisst, er spielt die Figur nicht, er ist sie. Das hat er von Lars von Trier gelernt: Don't act, habe er bei «Dogville» nicht nur ihm, sondern auch Leinwandlegende Lauren Bacall und Filmstar Nicole Kidman eingetrichtert. Eine Schauspielausbildung sucht man ansonsten bei ihm vergeblich.

Geboren 1944, hat er den Krieg nur durch ein Wunder überlebt: «Die Hebamme im Spital sammelte die Babys ein, aber meine Mutter bat, mich noch etwas länger bei sich behalten zu dürfen, denn mein Vater liess sie sitzen und ich bedeutete ihr alles. Dann schlug eine Bombe ein. Nur meine Mutter im Eckbett mit mir in den Armen überlebte.»

Mit achtzehn ging Udo Kier nach London. Er wollte Englisch lernen und bei einem grossen Konzern anheuern. Aber er sei schon als Junge fotogen gewesen und so wurde er für einen Film entdeckt. Und erfand sogleich einen neuen Schauspiel-Stil: «Sie filmten in Cinemascope mit langen Linsen. Ich hatte keine Ahnung, was das hiess und suchte immer die Kamera, weil die so weit weg war», erklärt er, seinen Kopf zur Veranschaulichung hin und her schwenkend.

«In der Zeitung hiess es dann, ein neues Kino-Zeitalter sei angebrochen.»

Unterwegs mit Trendsettern und Visionären

Bereits mit 16 Jahren hatte er Rainer Werner Fassbinder in einer Kneipe kennengelernt, und als dieser als Filmemacher durchstartete, war Kier an seiner Seite. Das Gleiche mit Lars von Trier und Gus Van Sant, die er an Festivals kennenlernte, bevor sie jemand kannte.

Mit von Trier verbindet ihn eine enge Freundschaft und die Lust an der Provokation: Unterwegs mit Roman Polanski und Freunden in einem Pariser Nachtclub, bot ihm jemand den SM-Schocker «The Story of O» (1975) an.

Kier lehnte zuerst ab: «Ich sagte, ich mache keine Pornos. Aber alle stupsten mich unter dem Tisch. Das Buch sei in Paris verboten, wenn ich den Film mache, sei ich nachher auf allen Titelblättern. So machte ich den Film und liebte die Aufmerksamkeit, die ich erhielt.»

Die bekam er schliesslich auch jenseits des Atlantiks. Pop-Art-Künstler wie Andy Warhol und David Hockney wurden Freunde. Robert Mapplethorpe fotografierte ihn. «Madonna wollte mich für ihr ‹Sex›-Buch und natürlich sagte ich ja», sagt Kier, der auch in Madonnas «Deeper and Deeper»-Video zu sehen ist, stolz.

«Ich werde nicht in einem Altersheim enden»

Und nun schwappt eine neue Aufmerksamkeitswelle auf Kier zu. «Die guten Kritiken zu ‹Swan Song› haben mir jetzt in den Kopf gesetzt, dass ich nur noch Hauptrollen spielen will. Ich habe bereits zwei Nebenrollen in London und Los Angeles abgelehnt», unterstreicht er seine Absicht.

Von Ruhestand will er nichts wissen. Auch nicht von einem Altersheim wie in «Swan Song»: «Ich werde nicht in einem Altersheim enden. Am Schluss will ich eine grosse Party, guten Wodka und nur die nettesten Freunde – vielleicht wird es so wie im Film ‹Sunset Boulevard› und ich werde Kopf nach unten im Swimmingpool gefunden ...»

Aber keine Angst, Udo Kier plant keinen theatralischen Abgang. Er will jetzt nur ein paar Mal tief durchatmen und verabschiedet sich mit seiner Schildkröte Han Solo und seiner Hunde-Dame Liza Minnelli in seinen Garten.