Die Menschheit kennt nur 36 Geschichten

Von Fabian Tschamper

27.2.2021

Jedes Buch, jede Serie, jeder Film, einfach jede Geschichte, die jemals geschrieben wurde, folgt laut dem französischen Schriftsteller Georges Polti 36 Mustern. Bis heute trifft dies zu. Hier ist Teil zwei der 36 dramatischen Situationen.

Georges Polti verfasste 1895 eine detaillierte Liste von 36 Grundplots, die alle Geschichten der Menschheit abdecken. Sein Buch erschien 1916 auf Englisch und wird bis zum heutigen Tag gedruckt. Unzählige Schreiber*innen, Autor*innen, Geschichtenerzähler*innen brauchen dieses Stück Literatur, um in ihren Branchen voranzukommen.

Nach Teil eins folgen nun die sechs nächsten Muster, nach denen Erzählungen geformt werden. Als Beispiele werden klassische wie auch moderne Geschichten genannt. Einen kurzen Überblick verschafft Ihnen obige Bildergalerie.



7
Schicksalsschlag

Figuren:

  • der Unglückliche/der Pechvogel
  • der Meister oder das Unglück

Der Pechvogel – also der Held der Geschichte – erleidet in diesem Szenario ein Unglück oder wird von einer ihm überlegenen Person geprüft.

Hier bietet sich das biblische Beispiel von Hiob an. Gott prüft dabei Hiobs Treue mit schwerem Leiden. Der Schicksalsschlag ist oftmals eine Story, die mit einem bittersüssen Ende versehen ist – ähnlich dem Märtyrertum. Das Publikum fiebert mit der Hauptfigur mit, wünscht ihr, aus dem Schlamassel herauszukommen.

Der Film «Seven Pounds» (zu Deutsch: «Sieben Leben») handelt von Tim Thomas (Will Smith), der einen Autounfall verschuldet, bei dem insgesamt sieben Menschen sterben. Darunter befindet sich auch Tims Freundin. Der Protagonist versucht mit der Schuld umzugehen, doch verzweifelt schier. Als sein Bruder Ben eine Lungenkrebs-Diagnose erhält, spendet ihm Tim einen Lungenflügel. Weil er seinem Leben wieder einen Sinn geben will, beschliesst Tim, seinen schicksalshaften Fehler wieder gutzumachen. Er will sieben Menschen helfen, die es seiner Meinung nach verdient haben, ein besseres Leben zu führen – auch wenn er sich dafür selbst opfern muss.

8
Revolte

Figuren:

  • der Tyrann
  • der Verschwörer

Der Verschwörer heckt einen Plan aus, um gegen eine grausame Macht, den Tyrannen, vorzugehen. Das klassische Beispiel liefert hierbei William Shakespeare. In seinem Theaterstück «Julius Caesar» erzählt er die Geschichte von Brutus, der sich zusammen mit Cassius gegen den römischen Kaiser verbündet.

Wahrscheinlich sind Sie schon selbst auf die moderne Interpretation gekommen: In «Der Herr der Ringe» verbünden sich die stärksten Mitglieder verschiedener Familien und Völker, um dem gemeinsamen Feind und Tyrannen Sauron den Garaus zu machen.

9
Mission/Herausforderung

Figuren:

  • der mutige Anführer
  • das Ziel
  • der Gegenspieler

Wiederum eine selbsterklärende Situation: Der Held versucht tapfer, etwas Unmögliches zu erreichen, während der Gegenspieler dies zu verhindern versucht.

Oftmals wird hier der Gegenspieler ein wenig vernachlässigt oder die Geschichte so gedreht, dass der Weg zum genannten Ziel die Funktion des Gegenspielers hat. Viele Adventure-Filme folgen diesem Muster. Das klassische Beispiel hierfür kommt vom Erfinder der Science-Fiction Jules Verne: «Die Reise zum Mittelpunkt der Erde» beschreibt genau diese Art von Situation, eine fantastische Reise mit unzähligen Hindernissen.

Auch zählen die Abenteuer von Indiana Jones dazu. Sogar Super-Schauspieler Nicholas Cage war schon Teil einer solchen Geschichte in «Das Vermächtnis der Tempelritter». Und um die Beispiele abzuschliessen, nenne ich hier noch die alten «Die Mumie»-Filme mit Brendan Fraser.

10
Entführung

Figuren:

  • der Entführte
  • der Entführer
  • der Beschützer/Retter

Wie liebt doch Hollywood eine gute Hetzjagd, einen grantigen Protagonisten, der kompromisslos einen geliebten Menschen aus den Fängen der Bösen rettet.

Hier könnte ich jetzt simple Beispiele nennen, doch fangen wir mit einem nicht so offensichtlichen an: «Der Exorzist» handelt von der Gefangennahme einer 12-Jährigen, bei welcher dann eine Teufelsaustreibung versucht wird. Starker Tobak zwar, doch definitiv ein Schocker der alten Schule.

Eine wichtige Randnotiz: Der Beschützer oder Retter muss nicht zwangsläufig eine eigene Figur und der Held der Geschichte sein. In «Hänsel und Gretel» sind die entführten Kinder selbst ihre Retter und fliehen vor der bösen Hexe.

Moderne Beispiele wären hier die «Taken»-Serie, in der Liam Neeson seine Tochter aus den Händen ihrer Entführer rettet. Oder auch Spider-Man, der von seinem Gegenspieler Venom in einen Hinterhalt gelockt wird, nachdem er Spideys Freundin Mary-Jane entführt hatte.

11
Rätsel

Figuren:

  • das Problem
  • der Vernehmer/Fragesteller
  • der Sucher/Verfolger

Diese Geschichten sind immer Spannungsgaranten. Der Fragesteller hinterlässt dem Suchenden oft Hinweise, die ihn näher an die Lösung des Problems bringen. Der Riddler beispielsweise, ein Gegenspieler von Batman, macht ein Spiel daraus, die Fledermaus herumzuscheuchen und ihn schliesslich zu finden. Ein Machtspiel, wer der Cleverere der beiden Protagonisten ist.

Übrigens: Der echte Name des Riddlers ist Edward Nygma oder E. Nygma, so lautet der englische Begriff für diese Situation. Er leitet sich vom griechischen Wort für Rätsel ab: Enigma.

Der Fragesteller muss aber nicht immer in die Geschichte eingebunden sein. Oder er wird so eingebunden, dass es nicht offensichtlich ist, wer denn nun der Allwissende ist. So etwa in Agatha Christies Meisterwerk «Mord im Orient-Express», wo eine Leiche in einem fahrenden Zug entdeckt wird. Jene Leiche gibt Rätsel auf, die gelöst werden wollen. Auch Arthur Conan Doyles «Sherlock Holmes» watet durch unzählige Rätsel, bis er bei der richtigen Lösung angekommen ist.

12
Erwerb

Figuren:

  • der Interessent
  • der Eigentümer
  • der regelnde Dritte

Hier versucht ein Interessent – möglicherweise aus Not –, etwas vom Eigentümer zu erwerben. Dieser ist jedoch abgeneigt – womöglich aus guten Gründen. Die dritte Instanz ist nun dafür verantwortlich, diese Auseinandersetzung zu schlichten. Und zwar indem sie die Waage in die eine oder andere Richtung gewichtet.

Zugegeben, es ist schwierig, ein anschauliches Beispiel hierfür zu finden. Aus der griechischen Mythologie findet sich allerdings ein perfektes: Der Zankapfel, der Apfel der Zwietracht, auch Erisapfel genannt.

Das ist ein detaillierter Diskurs, da die Situation einen längeren Vorlauf braucht. Nun, bei der Hochzeit von Peleus und Thetis (den Eltern von Achilles) wirft die Göttin Eris (die Eigentümerin) einen goldenen Apfel zwischen die anwesenden Göttinnen. Auf dem Apfel steht: «Für die Schönste». Dies tat sie aus Ärger, denn sie war nicht zur Trauung eingeladen.

Daraufhin bricht ein Streit aus zwischen Hera, Athene und Aphrodite (die Interessentinnen), Zeus beauftragt darauf Paris (der regelnde Dritte) eine Entscheidung zu fällen, welche dieser Göttinnen denn nun die Schönste sei. Paris übergibt den Apfel Aphrodite, weil ihm diese die Liebe von Helena von Troja versprach, der schönsten der irdischen Frauen.

Helena, die Ehefrau von Menelaos, dem König von Sparta, wird daraufhin entführt und Paris löste mit seiner Entscheidung den Trojanischen Krieg aus. Was mich natürlich im weitesten Sinne zum Film «Troja» bringt.

Dies war Teil zwei einer sechsteiligen Serie über die verschiedenen dramaturgischen Situationen, die jeder Geschichte seit Anbeginn der Menschheit zugrundeliegen. Teil drei folgt heute in einer Woche.

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