«Ich würde für kein Geld der Welt in die Musik-Branche zurück»

Von Marlène von Arx

6.3.2021

Die Aargauerin und Ex-beFour-Mitglied Manou Oeschger kam mit Pop-Star-Träumen nach Los Angeles. Als diese platzten, erfand sie sich erfolgreich als Influencerin neu.

Von Marlène von Arx

6.3.2021

Professionelles Make-up, die Haare perfekt gestreckt, ein buntes Kleid: Manou Oeschger hat sich hübsch gemacht, auch wenn heute kein Foto-Shooting und auch sonst kein besonderer Event ansteht. Die Aargauerin ist in der 20. Woche schwanger und ihre Hormone haben sie manchmal etwas gar fest im Griff: «Manchmal heule ich zu Hause rum, und niemand weiss wieso. Deshalb mache ich mich jeden Tag parat, auch wenn ich nirgends hingehe. Wenn ich mir die Haare mache und etwas Nettes anziehe, fühle ich mich besser.»

Tage, an denen Manou Oeschger nicht vor der Kamera steht, sind aber auch in COVID-Zeiten eher selten. Denn sie ist Influencerin, was einen konstanten Strom an visuellem Content für ihre @officialmanou Social-Media-Kanäle erfordert.

Aber davon später, denn ursprünglich trieben sie ganz andere Träume nach Los Angeles: Aufgewachsen im Dörfchen Wil im Fricktal, landete sie 2007 bei einer deutschen Castingshow und dadurch einen Platz in der Pop-Gruppe beFour. Das Quartett hatte mit «Magic Melody» einen Hit und trat eine Weile vor Tausenden kreischenden Fans auf. 2010 war der Zauber vorbei und Manou und beFour-Kollegin Alina wollten ihr Glück als Sängerinnen in Los Angeles versuchen.

«Ich bin eigentlich schon damals mehr wegen der Kleider aufgefallen als wegen der Musik», blickt Oeschger auf die Zeit zurück. Bald war sie solo unterwegs und steckte ihr ganzes Erspartes in ein Package mit einem renommierten Song-Produzenten und einem Top-Video-Clip. Und dann passierte, was sie «die klassische Hollywood-Geschichte» nennt: Der Techniker löschte beim Transferieren ihr ganzes Video! Diese Erfahrung gab ihren Popstar-Träumen den Rest. «Ich war am Boden zerstört. Eine Weile konnte ich nicht mal mehr Musik am Radio hören. Und ich vermisse sie auch jetzt nicht. Ich würde um kein Geld der Welt in die Musik-Branche zurück.»

Von der Fashion- zur Mama-Influencerin

Und nun wie weiter? Klar war ihr vor allem, dass ihr nächstes Kapitel aus Spass machen sollte. Inzwischen hatte Manou online den Rock-Fotografen Chris Rigaut kennengelernt. Der Franzose fotografierte seine Freundin in tollen Klamotten und sie lud das Resultat auf Instagram hoch. Aus dem Hobby der beiden ist mittlerweile ein lukratives Business geworden.

Aber wie wird man eigentlich Influencerin, damit man davon leben kann? Manou Oeschger erklärt ein paar Grundregeln: «Man muss seine Nische finden: Man kann nicht heute Food und morgen Fashion posten, man muss eine Sache repräsentieren. Nur tolle Fotos hochladen reicht auch nicht: Man muss sich mit den Followern in den Kommentaren austauschen. Und mit den Trends gehen: Das Marketing wechselt schnell, früher waren es Fotos, heute sind Stories und Videos wichtiger.» Deren gute Qualität und die Regelmäßigkeit der Posts müssten ebenfalls gewährleistet sein.

Am Anfang nahm sie alle Aufträge an. Jetzt ist sie wählerischer, distanziert sich während der Schwangerschaft von CBD-Öl-Kampagnen und testet die Beauty-Produkte zuerst, bevor sie Werbung dafür macht. Einmal bekam sie von einer ungetesteten Crème im Nachhinein einen Ausschlag und musste schauen, wie sie aus ihrem Vertrag mit dem Hersteller wieder rauskam. Die Verträge handelt sie selber aus.

Zusätzlich hat Manou eine Gruppe für rund 200 Influencer*innen gegründet, in der auf einem Spread-Sheet eingetragen wird, wer wie viel für was verdient: «Es gibt keine Standard-Preise und so unterstützen wir uns, indem wir die Kampagnen-Gelder offen legen und einander zeigen, was man verlangen kann.»

Im Sommer kommt das zweite Kind

Seit 2018 sind Manou und Chris verheiratet. Sohn Liam kam vor 18 Monaten auf die Welt. Da stellte Manou ihre Online-Karriere von Fashion auf Mami-Welt um. «Ich habe jetzt wirklich etwas zu erzählen und kann anderen helfen», so die 37-Jährige.

Was Babybetreuung betrifft, habe sie selber alles aus dem Netz lernen müssen, da die Eltern in Europa leben und in Los Angeles keine Freunde mit Kindern um die Ecke wohnen. Jetzt tauscht sie sich mit Müttern auf der ganzen Welt aus. Dabei musste sie sich auch überlegen, wie sie ihren Sohn inszeniert: «Es gibt ja verschiedene Studien, die behaupten, dass das später aufs Kind zurückkommt. Ich respektiere ihn als Person und würde ihn deshalb weder voll nackt noch bei einem krassen Wutausbruch zeigen.»

Dass Liam nicht immer Lust hat, für sie zu modeln, ist bereits klar: «Manchmal kommt er und schlägt mir einfach das Handy aus der Hand. Das erinnert mich, dass es auch ein Leben jenseits des Handy-Screens gibt. Dann lege ich das Handy auch weg.»

Los Angeles ist für Kinder nichts

Eigentlich wollte die kleine Familie letztes Jahr durch Europa reisen, um ihren Followern zu zeigen, dass man auch mit einem kleinen Kind mobil sein kann. Aber das Coronavirus machte diesen Plänen einen Strich durch die Rechnung. Im Juli kommt das zweite Kind zur Welt. Dann wollen sie vermehrt Zeit bei den Grosseltern in der Schweiz und in Frankreich verbringen. Dass die Kinder ausschliesslich in Los Angeles aufwachsen sollen, kann sich Manou Oeschger im Moment nicht vorstellen. «Los Angeles ist eine Hammer-Stadt, wenn man eine Business-Idee hat und man Connections machen will. Aber für Kinder?»

Als Liam noch nicht durchschlief, wurde ihr bewusst, dass selbst in ihrem eher vornehmen Stadtteil Brentwood praktisch jede Nacht Polizeisirenen zu hören waren. Dazu kommt, dass sie seit Kindheit ein Kidnapping-Trauma hat: «Vielleicht habe ich zu viele Hollywood-Filme geschaut. Aber Kidnappings passieren täglich, Child-Trafficking ist real. Wir sind hier nicht weit von der mexikanischen Grenze weg. Ich könnte Liam nicht guten Gewissens einen Tag lang in eine Kindergruppe bringen oder ihn einfach alleine draussen spielen lassen.»

Und gerade als sie sich als Helikopter-Mama outet, hört man draussen einen Polizeihelikopter. Liam, der inzwischen auf Manous Schoss geklettert ist, bekommt funkelnde Augen. Im Gegensatz zur Mama ist der kleine Junge vom Helikoptergeräusch nämlich hell begeistert.