Nella Martinetti und ihr Leben zwischen grandios und verletzlich

Von Gabriella Baumann-von Arx

29.7.2021

Nella Martinetti war jahrzehntelang eine der ganz grossen Entertainerinnen der Schweiz – vielerorts beliebt und geschätzt. Heute vor zehn Jahren starb sie im Alter von 65 Jahren. Eine Würdigung.

Von Gabriella Baumann-von Arx

29.7.2021

«Könntest du dir vorstellen, ein Buch über Nella Martinetti zu schreiben?» Die Frage kam vom Zytglogge Verlag. Ich war etwas vor den Kopf gestossen – ein Buch schreiben? Kann ich das? Man traute es mir offensichtlich zu.

Und ich sagte nicht Nein.

Die Chance, diese schillernde Persönlichkeit näher kennenzulernen, das wusste ich nach der einen Nacht, in der ich über die Idee geschlafen hatte, würde ich mir nicht entgehen lassen. Und es war eine gute Entscheidung, denn ich lernte eine Frau kennen, die tausendfach vielschichtiger war als die Entertainerin, die Nella ihrem Publikum zeigte.

Zur Autorin: Gabriella Baumann-von Arx
Bild: zVg

Gabriella Baumann-von Arx ist Verlegerin. Diesen Umstand hat sie der Tatsache zu verdanken, dass sie das Buch über Nella Martinetti damals tatsächlich geschrieben hatte. Es folgte schnell ein zweites. Das über Evelyne Binsack, die erste Schweizerin auf dem Mount Everest. Danach schrieb sie ihr erstes Buch über Lotti Latrous, die Schweizerin des Jahres 2004. Und da ihr damaliger Verlag keinen Folgeband über die Entwicklungshelferin haben wollte, gründete sie ihren eigenen Verlag, den Wörterseh.

Die Gespräche, die ich mit ihr führen durfte, waren differenziert; sie wusste exakt darum, dass sie in der Öffentlichkeit eine Rolle spielte. Und sie wusste auch, wie gut sie dies tat.

Die andere Nella

Es war ein Geschenk, dass sie mich die andere Nella sehen liess und mich zu ihren Wurzeln, ins Tessin führte.

Dort stand ich mit ihr im Garten vor dem Haus, in dem sie aufgewachsen war. Dort sah ich sie lächelnd mit dem Finger auf eines der vielen Fenster deuten.

Dort, hörte ich sie sagen, dass sie auf diesem Sims als Teenager gesessen, Gitarre gespielt und gesungen habe.

Magischer Moment

Etwas später zeigte sie mir die Kirche im Ort. Sie war leer. Ich setzte mich in eine der mittleren Bankreihen. Nella schritt in Richtung Altar weiter, stellte sich in Positur, holte tief Luft und schloss die Augen. Dann breitete sie ihre Arme aus. Und dann, dann schmetterte sie – ich kann es nicht anders sagen – das Ave Maria durch den Raum. Ihre Stimme erfüllte das ganze grosse Gotteshaus.

Die Erinnerung an diesen magischen Moment bereitet mir noch heute Gänsehaut.

«Warum», fragte ich, «stehst du auf Volks- und nicht auf Opernbühnen?» Sie lächelte nur und meinte: «Du überschätzt mich masslos.» Aber – das tat ich nicht. Sie unterschätzte sich. Und damit auch ihr Potenzial. Und es ist vielleicht genau das, was sie so grandios und gleichzeitig so verletzlich machte. Und ja, verletzt wurde sie viel zu oft.

Ihr Fels in der Brandung war Marianne, die Frau, die sie vor ihrem Tod noch heiratete. Und damit etwas tat, was sie glücklich sterben liess.