Serie: Schweizer in L.A. Queen der Modellierer, das wurde diese Luzernerin erst in Hollywood

Von Marlène von Arx

29.2.2020

In der Schweiz wurde ihr Talent nicht erkannt – heute arbeitet die Luzerner 3D-Modelliererin Nadja Bonacina in Hollywood an Hits wie «Sonic the Hedgehog» und «Jumanji: The Next Level». Sicherheit? Gibt es nicht.

Manchmal bekommt Nadja Bonacina auch heute noch Gänsehaut, wenn sie durchs Tor zur Arbeit in die Paramount Studios fährt: Bis sie in ihrem Büro ist, kommt sie an Hallen vorbei, in denen Tom Cruise «Mission Impossible» und Alfred Hitchcock «Vertigo» drehten.

In den letzten Tagen hat sie Limousinen gesichtet, die auf die Anwesenheit von Nicole Kidman und Meryl Streep deuten, die nebenan das Musical «The Prom» filmen: «Manchmal gehen eine Gruppe von Schauspielern und Statisten in 40er-Jahre-Kostüme an einem vorbei oder Leute in Polizeiuniformen aus der Serie ‹Navy CIS: L.A›. Da hat man schon das Gefühl, dass man mitten drin in Hollywood ist.» 

Nadja Bonacina ist schon seit zwanzig Jahren in Hollywood mittendrin. Momentan arbeitet sie in der Visual-Development-Abteilung am Animationsfilm «Tiger’s Apprentice», der 2022 ins Kino kommen soll: «Ich modelliere Figuren, Requisiten und ganze Umwelten im Computer in 3D und mache Previs-Layouts, also Vorvisualisierungen, wie Sequenzen aussehen könnten», erklärt die Luzernerin bei einem Stück Pizza in der Paramount-Kantine.

«Diese grob-gestalteten Avatars stehen am Anfang der Produktion und helfen dem Regisseur, sich vorzustellen, wie eine Sequenz aussehen wird. Darauf basierend wird beispielsweise entschieden, was gebaut werden und wo die Kamera platziert werden soll.»

Erfolgreiche Schweizer in Hollywood

Die Schweizer Filmexpertin Marlène von Arx lebt seit 1991 in Los Angeles. Dort trifft sie die Kinogrössen zum Interview. Für «Bluewin» wirft sie einen Blick hinter die Kulissen und schreibt in loser Folge Reportagen über erfolgreiche Schweizer in Hollywood. Ihre Lieblingsinterview? Jenes mit George Clooney. Gefolgt von Angelina Jolie, Hugh Grant, Emilia Clarke.

Manchmal arbeitet sie nur zwei Wochen an einem Film («Fast and Furious 9»), manchmal drei oder vier Monate wie beim Live-Action-Zeichentrick-Hybriden «Sonic the Hedgehog». Da modellierte sie eine ganze Highway-Sequenz mit Drohnen-Attacke sowie eine Barszene.

«Irgendetwas muss danach falsch gelaufen sein, denn als der erste Trailer herauskam, war unser ganzes Team schockiert, wie komisch Sonic mit seinen vermenschlichten Zähnen und Lippen plötzlich aussah», sagt die Innerschweizerin lachend. Die obersten Bosse nahmen sich die Fan-Kritik zu Herzen und kehrten zum ursprünglichen Design zurück. Der Film wurde schliesslich ein Hit. Happy End.

Keine Job-Sicherheit

Selbst für etablierte Animation/Effekt-Leute wie Nadja Bonacina ist die Arbeitssituation in Hollywood nicht nur rosig: Jobsicherheit gibt es nicht. Selbst die grossen Studios wie DreamWorks, wo Nadja Bonacina acht Jahre angestellt war, leisten sich kaum mehr Dauerangestellte, sondern heuern nur noch für Einzelprojekte an. Zu ungewiss ist, ob Film-Starts eingehalten, aufgeschoben oder gar ganz annulliert werden.

Auch bekannte Effekt-Firmen wie Proof, wo Bonacina Dwayne Johnson & Co. für «Jumanji: The Next Level» modellierte, heuern nur noch befristet an.

«So ist das Leben jetzt halt», sagt die 46-Jährige und zuckt mit den Schultern. Sie hat sich zu DreamWorks-Zeiten ein Haus mit Pool gekauft. Entsprechend ist sie jetzt darauf angewiesen, dass sie nahtlos neue Projekte findet. Bisher hat das recht gut geklappt. Das längste Engagement in letzter Zeit waren zwei Jahre bei Digital Domain.

Dort arbeitete sie an «Sonic the Hedgehog» und einer Virtual Reality Museums-Experience, die Martin Luther King Jr.’s Marsch nach Washington nachempfindet.

«Das war eine besondere Herausforderung, da wir neue Technologien verwendeten und wir auch viel nachforschen mussten, wie das alles 1963 ausgesehen hat – von den Strassen-Markierungen über Sitzbänke bis zu den Abfalleimern. Ausserdem gab es auch kaum Farbfotos aus jener Zeit, die uns bei den Farben helfen konnten.»

Ihr Supervisor dort meinte begeistert, Bonacina sei wie ein Schweizer Sackmesser, man könne sie vielseitig einsetzen.

Ausbildung in der Schweiz verwehrt

Ein Lob des Chefs tut ihr immer gut. Vor allem, wenn Nadja Bonacina an die Neinsager denkt, die ihr zu Beginn in der Schweiz Steine in den Weg legten: «In der Kunsthochschule in Luzern nahmen sie mich nicht, weil sie meinen Stil zu extrem fanden», erinnert sie sich. Sie ist nämlich Fan von gotischen Hexen, Steampunk-Vampiren, schwarzen Katzen (sie hat selber eine), und sie druckt ihren Schmuck auf ihrem 3D-Printer aus.

Nach der Absage in ihrer Heimatstadt wurde sie von ihrer Mutter ermuntert, in Los Angeles eine Ausbildung zu machen. So studierte sie am Los Angeles City College Film und belegte im American Animation Institute erste 3D-Kurse. Bis sie ein Arbeitsvisum für die USA bekam, sollte es aber eine Weile dauern.

Die Zeit überbrückte sie in Deutschland, wo sie an einer TV-Serie arbeitete, die nie ausgestrahlt wurde. Als Bonacina die Green Card endlich hatte, ging es mit «Rugrats»-Filmen und «Sponge Bob Square Pants» los, gefolgt von «Shrek Forever After» und «Puss in Boots». Die Spielzeugfiguren, mit denen sie ihren Arbeitsplatz dekoriert hat, geben eine gute Übersicht über ihre Karriere.

Der Disney-Kindertraum erfüllte sich schliesslich auch: Für «Frozen» («Die Eiskönigin») modellierte sie die Bergwelt mit. Wer genau hinschaut, erkennt vielleicht im Hintergrund ein bekanntes Relief.

«Eigentlich sollten wir uns an der norwegischen Fjord- und Berglandschaft orientieren, aber ich habe mich auch vom zackigeren Pilatus inspirieren lassen», sagt die Voralpen-Schweizerin. Wieder lacht sie, dann fügt sie hinzu: «Ich habe gehört, dass bei ‹Frozen 2› sogar noch Berge von mir verwendet worden sind.»

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