Ringo Starr über die Schweiz: «Ich hatte noch nie solche Klänge gehört»

Marlène von Arx, Los Angeles

6.7.2020 - 08:19

Ringo Starr mit seiner Frau Barbara Bach an Paul McCartneys Hochzeit mit Nancy Shevell in London 2011.
Jonathan Short/Keystone

Der älteste Beatle wird morgen 80. Ringo Starr im «Bluewin»-Interview über seine pandemiegerechte Feier, Peter Jacksons neuer Beatles-Dokumentarfilm und seine Erinnerungen an die Schweiz.

Was schenkt man jemandem, der alles hat? Ringo Starr wünscht sich, dass seine Fans zu seinem 80. Geburtstag am 7. Juli um 12 Uhr mittags, wo sie gerade sind, «Peace & Love» sagen, denken oder auf ihren sozialen Medien teilen. Als Dankeschön lädt er dafür zu einem virtuellen Benefiz-Konzert mit seinen Freunden auf YouTube ein.

Alles Gute zum Geburtstag! Sie werden Ihren runden Geburtstag mit einem virtuellen Konzert feiern?

Ja, ich mache jeweils einen ‹Peace & Love›-Countdown an meinem Geburtstag. Als ich vor ein paar Jahren in einem Interview gefragt wurde, was ich mir denn zum Geburtstag wünsche, sagte ich, dass alle um 12:00 Uhr die Finger zum ‹Peace & Love›-Zeichen in die Luft strecken sollen. So fing es an. Inzwischen hatten wir ‹Peace & Love›-Events in Chicago, Hamburg und letztes Jahr in Nizza. Dieses Jahr hatten wir eine grosse Sache im Capitol Records Gebäude in Los Angeles geplant – mit Brunch und Bands. Aber das geht ja wegen des Virus nicht. Stattdessen schicken mir Freunde jetzt Video-Performances und das Ganze geht online.

Welche Freunde denn?

Raten Sie mal, einen kennen Sie sicher gut.

Paul McCartney?

Bingo!

Die Einladung zu Ringos Geburtstagsparty. 
zVg

Mit 80 darf man ja etwas Rückblende machen. Worauf sind Sie in Ihrem Leben am meisten stolz?

Da gibt es einiges, womit ich gesegnet bin. Meine Familie natürlich, meine Kinder. Meine Frau Barbara. Ich habe jetzt acht Enkel und einen Urenkel. Ich bin ein Einzelkind, deshalb ist es für mich unglaublich, dass all die Leute um den Tisch herum mit mir verwandt sind. Ich wünschte mir immer einen älteren Bruder, aber ich war ja dann in der besten Band der Welt mit drei Typen, die wie Brüder waren. Das Leben meinte es sehr gut mit mir.

Bereuen Sie auch etwas?

Ich denke wohl am meisten über jene Dinge nach, die ich nicht gemacht habe. Was wäre wohl passiert, wenn ich meinem grossen Traum gefolgt und nach Houston gezogen wäre? Ich war ein grosser Fan der Blues-Legende Lightnin’ Hopkins und mein Kumpel John und ich hatten schon Formulare bei der amerikanischen Botschaft zum Auswandern ausgefüllt. Oder was wäre gewesen, wenn ich in der Band Rory Storm and the Hurricans geblieben wäre? Aber ernsthaft befasse ich mich nicht damit. Jetzt bin ich hier, wo ich bin, und es ist gut so.

Sie wollten nach Texas auswandern?

Ja, wir hatten sogar eine Liste von Fabriken gesammelt, wo wir eventuell arbeiten konnten. Ich war damals Fabrikarbeiter und fing in Fabrik-Bands an. Wir brachten die Formulare zurück in die Botschaft, aber da wurden wir mit noch mehr Fragen und noch mehr Formularen bombardiert. Die haben wir dann zerrissen. Das war dann doch zu viel für uns Teenager.

Schlagzeuger wurden Sie ja eigentlich auch nur zufällig, oder?

Ja. Ich war als Dreizehnjähriger im Spital mit Tuberkulose. Ein Musiklehrer kam vorbei, um uns Kids zu unterhalten. Er gab mir eine kleine Trommel. Von da an wollte ich nichts anderes mehr sein als ein Schlagzeuger. Und wer hätte das gedacht: Heute bin ich es immer noch!

Sie sind über die Jahre auch mehrmals in der Schweiz aufgetreten. Was ist Ihnen von der Schweiz in Erinnerung geblieben?

Am Jazz Festival von Montreux wollte ich eine Jazz-Version von ‹Yellow Submarine› spielen [lacht]. Ich war als Musiker in der Schweiz und an einer Kunstausstellung eines Freundes. Es ist ganz nett in der Schweiz. Die Berge sind schön und die Städte, so wie anderswo auch. Es nahm mich mal jemand in die Berge mit – es war Alp-Abzug oder -Aufzug. Ich kann mich nicht mehr erinnern. Die Sennen waren jedenfalls alle in dieser Kneipe und jodelten – aber tief wie ein gregorianischer Chor. Das gefiel mir sehr, ich hatte noch nie solche Klänge gehört.

Abgesehen von Jodlern: Gibt es MusikerInnen, die Sie beeindrucken, von denen Sie glauben, dass man sie in vielen Jahren auch noch hören will, wie die Beatles?

Mir gefällt Miley Cyrus [grinst]. Aber ich weiss nicht, wer überdauern wird. Wir wussten es ja auch nicht. Ich habe auch keine Ahnung, wie die Jungen heute anfangen. Mit Streaming wohl, denn es gibt ja viel weniger Clubs. Die Veranstalter müssen heute Arenen füllen, um Geld zu verdienen.

Inwiefern sind die Beatles heute noch relevant?

Wer sich von den Jungen für Musik interessiert, hört sich unsere Songs an. Auch dank des Produzenten Giles Martin, der alles re-mastert. Ich spiele die Musik selber auch noch gern. Ich habe gerade eine Show für den Sirius Beatles Channel gemacht.

Dieses Jahr sollte ‹The Beatles: Get Back›, ein Dokumentarfilm über das letzte Jahr der Beatles von Peter Jackson, in die Kinos kommen. Was können Sie darüber verraten?

1964: Die Beatles Ringo Starr, John Lennon, Paul McCartney and George Harrison (v.l.n.r) bei der Ankunft in New York am John F. Kennedy Airport.
Keystone

Wir haben ja damals schon einen Dokumentarfilm gemacht [‹Let It Be›, 1970 von Michael Lindsay-Hogg, Anm. d. Red.]. Aber da war nicht viel Freude drin. Michael hat vor allem die negativen Momente herausgepickt und darum herum einen Film gebaut. Klar waren wir manchmal down, aber wir hatten auch gute Zeiten. Da wir noch 56 Stunden nicht verwendetes Film-Material hatten, fragten wir Peter Jackson, ob er uns damit helfen könnte. Jetzt sieht man uns auch lachen und Spass haben. Das Konzert auf dem Apple-Gebäude – als wir noch ‹Apple› waren –, war im ersten Dokumentarfilm 12 Minuten lang. Jetzt ist es 46 Minuten. Ich weiss nicht, wann der Film zu sehen sein wird. Nicht mal der Bond-Film kommt in die Kinos! Es muss also die Hölle sein da draussen!

Und nach der Pandemie? Was möchten Sie noch erreichen?

Ich möchte einfach weiter spielen. Ich wäre ja jetzt normal auf Tournee. Ich mache immer noch wahnsinnig gerne Musik. Das Tolle an diesem Business ist, dass wir nicht in Rente gehen müssen. Solange man noch kann, kann man! Und ich habe jedenfalls vor, noch lange weiter zu machen.

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