Wie gefährlich sind Fake News?

tsch

21.2.2021

Im «Tatort» schlugen sich Abgehängte, Migranten und Wutbürger in einem Dortmunder Brennpunkt die Köpfe ein. Als Brandbeschleuniger dienten soziale Netzwerke, deren Nutzer Öl ins Feuer der Auseinandersetzung gossen. Hat unsere reale Welt die virtuelle überhaupt noch unter Kontrolle?

Dass der Dortmunder «Tatort» gern extreme Welten zeichnet, ist bekannt. In «Heile Welt» diente der Mord an einer jungen Hochhaus-Bewohnerin als Fanal, das Konflikte im sozialen Brennpunkt in Gewalt überschwappen liess: Rechte gegen Linke, Migranten gegen die Polizei, Arme und Abgehängte gegen das System an sich. Früher hätte man bis zu den Demos mit Ausschreitungen wohl wenig von diesen Wutbürgern mitbekommen, doch seit es soziale Netzwerke gibt, kann man sich «emotional» in der Gruppe organisieren.

Leider beruhen immer wieder im Netz weitergegebene «Fakten» auf Fake News und Fehlinterpretationen. Wo schlugen Falschmeldungen aus der virtuellen Welt in der Realität in Gewalt um?

Worum ging es?

Im Gerberzentrum, einer tristen Dortmunder Hochhaus-Siedlung, findet sich eine verkohlte Leiche im Abstellraum. Erwischt hat es eine junge Bewohnerin, im vierten Monat schwanger. Umgekommen ist sie aber nicht durchs Feuer, die Frau wurde erschlagen. Die Neue in der Dortmunder Mordkommission, Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger), untersucht den Fall mit ihren Kollegen Faber (Jörg Hartmann), Bönisch (Anna Schudt) und Pawlak (Rick Okon).



Die Verdächtigen stehen stellvertretend für den Mikrokosmos jener Hochhaus-Siedlung, in dem der Fall spielt: ein junger Drogendealer, ein kontrollwütiger Hausmeister sowie ein provozierter Abgehängter, der nach der Pleite seines Ladenlokals (wegen Corona) illegal in einem mit alten Zeitungen verklebten Glaskasten lebte, der früher sein Geschäft war ...

Worum ging es wirklich?

Um den Zerfall der Gesellschaft, und wie er durch Social Media sowie Fake News begünstigt wird. Das Personal in «Heile Welt» (Drehbuch: Dortmund-Stammautor Jürgen Werner) bestand aus Sozialfällen, Migranten ohne Chance sowie rechten und linken Demagogen. Wutbürger waren sie alle auf ihre Art.

Jedes Ereignis im Gerberzentrum wurde per Handy aufgenommen, in soziale Netze gepostet und umgehend hundertfach kommentiert. Um das «Lauffeuer» von Social-Media-Kommentaren plastisch zu machen, verwendete Regisseur Sebastian Ko das Stilmittel Dutzender aufpoppender Nachrichten auf dem TV-Bildschirm. Wurde ein Migrant verhaftet, zückten dessen Kumpel sofort ihre Smartphones und stellten das Ereignis ins Netz. Das Ergebnis: tausendfach geteilte Wut.

Wo lösen Fake News faktisch Gewalt aus?

Fake News sind kein neues Phänomen. Früher nannte man sie Gerüchte. Eine der bekanntesten Falschmeldungen, betreffend die sofortige Grenzöffnung in Berlin am 9. November 1989, führte zum Fall der Mauer und dem Ende des Ostblocks. Besonders drastisch und greifbar wirken sich virtuell verbreitete Gerüchte heute im Cybermobbing aus. Rund 15 Prozent der Jugendlichen in Deutschland im Alter von 14 bis 15 Jahren haben schon Erfahrungen mit Cybermobbing als Opfer gemacht. Mehr als jedes zehnte Opfer hatte sogar Selbstmordgedanken.

Acht Prozent der Internet-User gaben bei derselben Umfrage 2018 an, im Netz sexuell belästigt worden zu sein. Auch politisch motivierte Gewalt durch «Netztäuschungen» ist sehr wahrscheinlich. Im Zuge der deutschen Flüchtlingsdebatte wurde ein Foto auf Facebook 13'000-fach geteilt, das sechs dunkelhäutige Männer beim Urinieren gegen eine Kirchenwand zeigte. Tatsächlich eine Fake-Interpretation. Die Leute beteten einfach nur.

Wie lässt sich das «Hater»-Problem lösen?

Jürgen Werner, Stammautor der Dortmunder «Tatorte», rät zu weniger Hysterie und mehr Gelassenheit in der politischen Streitkultur: «Man kann gern darüber diskutieren, ob ein Indianerkostüm zum Karneval noch zeitgemäss ist. Aber jeden, der so ein Kostüm trägt, gleich als Rassisten abzustempeln, ist genau das Mass an Hysterie, das die ‹Hater› so lieben. Es gibt ihnen die Macht über die Moral, und es öffnet den ‹Fake News› Tür und Tor, weil wir zunehmend unsere Diskussions- und Streitkultur verlieren.»

Auch eine Zukunftsprognose wagt Werner: «Ich fürchte, ‹Fake News› sind ein Virus, das sich nicht mehr einfangen lässt. Wir müssen lernen, damit umzugehen. Wir dürfen das Vertrauen in die Stärken unserer Demokratie nicht verlieren. Das Vertrauen in uns als Gesellschaft. In unseren gesunden Menschenverstand. Wenn wir zulassen, dass nur noch Misstrauen herrscht, ist das, was gerade in Amerika geschieht, erst der Anfang.»

In der Schweiz gibt es spezielle Initiativen, die gegen Hass und Fake News im Netz kämpfen, etwa «NetzCourage» und «Stop Hate Speech».

Kann man vom Pop-Hit «Sunshine Reggae» leben?

Eine tröstliche Szene gab es in diesem eher trostlosen «Tatort». Der um die 50 Jahre alte Kommissar Faber holt seine zur selben Generation zählende Kollegin Bönisch mit einem frisch erworbenen Retro-Opel-Manta und dem alten Welthit «Sunshine Reggae» zu Hause ab. Das Lied des dänischen Popduos Laid Back hielt sich im Sommer 1983 sechs Wochen an der Spitze der deutschen Charts, war aber fast überall auf der Welt ein grosser Hit.

Hinter Laid Back stehen die bescheidenen Kopenhagener Musiker Tim Stahl und John Guldenberg. In über 40 Jahren Karriere hatten sie ausser «Sunshine Reggae» mit «Bakerman» und «White Horse» nur noch zwei weitere, deutlich kleinere Hits. Dennoch sagten die Musiker 2005 in einem Interview mit der Agentur Teleschau: «Wir führen ein gutes Leben, uns fehlt nichts. Wir haben Millionen mit diesem Lied verdient. Wir besitzen die Rechte, so etwas darf man niemals weggeben. Um ehrlich zu sein: Ein Hit ist genug.»

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