18.06.2017 - 00:00, tsch

Mata Hari: Ende, Legende

 

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Das von Sandra Maischberger produzierte Dokuspiel räumt mit einem Mythos auf: Was hat die berühmteste Agentin der Welt tatsächlich getan, welche Motive trieben diese Frau an?

Vor 100 Jahren, am 15. Oktober 1917, wurde eine Holländerin, die den Künstlernamen Mata Hari trug, vom französischen Militär wegen Spionage erschossen. Jene Frau, die wegen ihres Nackttanzes Anfang des 20. Jahrhunderts als grösste Show-Attraktion Europas galt. Das ARD-Dokuspiel «Mata Hari - Tanz mit dem Tod» dekonstruiert eine oft verfilmte, aber diffuse Legende. Es bemüht sich, das Drama einer Ur-Femme-fatale sachlich auszuleuchten. Das Drehbuch Kai Christiansens (auch Regie) erzählt die Jahre 1916 und 1917, als die deutsche Nachrichten-Offizierin Elsbeth Schragmüllser (Nora Waldstätten) die am Karriereende stehende Mata Hari (Natalia Wörner) zur Agentin ausbildet. Beide Frauen werden mit ihrer Mission scheitern.

Eine unglaubliche Geschichte voll komplexer Wahrheit

Asta Nielsen, Greta Garbo und Jeanne Moreau. Drei der grössten Filmdiven ihrer Zeit spielten - neben vielen anderen Stars und Sternchen - Mata Hari. Doch die Verfilmungen ihres Lebens, die erste stammt von 1920, waren so bunt wie die Legende der Tänzerin selbst. Oft spiegelten sich darin die Projektionen jener, die von der grossen Leidenschaft, aber auch der Bestrafung einer Frau träumten, die ihren Körper ausstellte, um sich dafür Ruhm und ein mondänes Leben zu kaufen. Klar, auch der Konservative sah gerne hin, aber trotzdem: Strafe muss sein. Doppelspionage, sozusagen die logische Fortführung des verruchten Tanzes abseits der Bühne, führte zum Absturz einer Legende, die sich im Herbst ihrer Karriere den alten, jedoch stark bröckelnden Lebens-Standard sichern wollte.

Mit der wahren Geschichte der späten Mata Hari gruben die Produzenten Sandra Maischberger und Matthias Martens nach ihrem ähnlich angelegten Dokuspiel «Der gute Göring» ein weiteres historisches Thema aus, dem eine unglaubliche Geschichte voll komplexer Wahrheit innewohnt. Die Erzählung ist eigentlich die zweier gegensätzlicher Frauen: zum einen Mata Hari, deren verblühende Karriere durch eine ungelenke Spionage-Tätigkeit gerettet werden soll, die über ihr gesamtes Wirken jedoch kein einziges kriegsrelevantes Geheimnis lüften konnte. Soviel zum Attribut «berühmteste Agentin der Welt». Und auf der anderen Seite: die 28-jährige Dr. Elsbeth Schragmüller, einzige deutsche Frau jener Zeit im Offiziersrang, Leiterin der «Sektion Frankreich» des Geheimdienstes. Eine ebenso schillernde Figur.

Das gemeinsame Projekt der beiden auf unterschiedliche Art früh emanzipierten Frauen war der im Film aufgedröselte Spionage-Coup. Er sollte die Karriere beider befördern. Wie das Unterfangen scheitert, wie vor allem männliche Offiziere, Geheimagenten und Liebhaber die Frauen fallen liessen, ist eine grosse, traurige Geschichte.

Ein Mythos bröckelt: Vor 100 Jahren wurde Mata Hari verhaftet

  • Mythos Mata Hari
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Vom Scheitern zweier Frauen in der Männerwelt des Krieges

Natalia Wörner als Diva, die ihre gefährliche Mission mit einem Bühnenstück verwechselt, und Nora Waldstätten, die mit harter Schale um Anerkennung in einer von Männern dominierten Welt kämpft, machen ihre Sache gut. Das Drehbuch Kai Christiansens bemüht sich, vom Anwerben Mata Haris bis zu ihrer Exekution viele Gespräche und Treffen sowohl der deutschen wie der französischen Kriegsparteien zu rekonstruieren. Vom Konzept her ist das aufregend. Leider entsteht dabei aber kaum eine spannende Dramaturgie. So mäandert das lehrreiche Projekt ein bisschen vor sich hin. Der Zuschauer muss schon sehr genau hinhören, um sich an den Feinheiten des Agentenspiels, das gleichzeitig der Passionsweg einer Frau ist, zu erfreuen.

Den erzählerischen Sog des Vorgänger-Projekts «Der gute Göring» entfacht «Mata Hari» nicht. Dennoch verdient sich die sachlich gehaltene Dekonstruktion einer Legende ein Sonderlob. Selten wurde ein von Gefühlen triefender Mythos so nachhaltig zerlegt und in eine ganz andere, wohl realistische Erzählung vom Scheitern zweier Frauen in der Männerwelt des Krieges überführt.

«Mata Hari - Tanz mit dem Tod» mit Natalia Wörner läuft am Sonntagabend, 18. Juni, um 21.45 Uhr auf ARD. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

Natalia Wörner: Nach dem Nackttanz

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