17.05.2017 - 13:30, tsch

Julia Koschitz: «Der Film zeigt, wie abhängig wir sind»

 

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In «Gift» spielt Julia Koschitz eine Interpol-Ermittlerin auf der Jagd nach Medikamenten-Fälschern. Ein öffentlich kaum bekanntes, aber selbst in Deutschland gravierendes Problem.

Kaum jemandem wird mehr vertraut als Ärzten und Apothekern. Ein langes Studium nebst weissem Kittel schützen jedoch nicht vor einem globalen Betrugssystem. Etwa zehn Prozent der Medikamente weltweit gelten als Fälschungen. Manche von ihnen sind einfach wirkungslos, was für schwer Kranke auch tödlich enden kann. Andere enthalten gefährliche Giftstoffe. Investigativ-Journalist Daniel Harrich («Der blinde Fleck», «Meister des Todes») durchleuchtet in seinem Film «Gift» (Mittwoch, 17. Mai, 20.15 Uhr, ARD) die Praktiken einer weltweit operierenden Medikamenten-Mafia. Schauspielerin Julia Koschitz (42, «Pass gut auf ihn auf»), die eine Interpol-Ermittlerin spielt, ist sein Werkzeug vor der Kamera.

«Bluewin»: Nehmen Sie nach diesem Film Medikamente mit einem mulmigen Gefühl ein?

Julia Koschitz: Nein, ich bin hauptsächlich froh, dass es Medikamente gibt. Aber die Arbeit an dem Film hat mir auf jeden Fall verdeutlicht, wie abhängig wir Konsumenten von der Glaubwürdigkeit der Hersteller – egal welcher Ware – sind. Bei Medikamenten kann der Schaden nur schnell noch grösser sein als zum Beispiel bei Lebensmitteln, wo wir im Grunde auch darauf vertrauen müssen, dass das drin ist, was auf dem Etikett draufsteht.

Wie gross ist das Misstrauen bei Ihnen?

Ich glaube, dass es nicht schaden kann, als Verbraucher auch Verantwortung zu übernehmen. So weit man es eben kann. Ich kann mich über viele Produkte informieren, aber natürlich hat das seine Grenzen. Bei Medikamenten muss ich auf die Urteile von Ärzten und Apothekern vertrauen. Wenn die allerdings wegen mangelnder Transparenz der Hersteller von Fälschern unterwandert werden können, fühlt sich das nicht so gut an. Ich hoffe, dass unser Film und die Dokumentation aufmerksam machen und vielleicht sogar eine öffentliche Diskussion darüber entfachen.

Ist es bezeichnend für den modernen Konsum, dass wir oft die Katze im Sack kaufen?

Naja, sagen wir so: Je komplexer die Produkte werden, desto weniger durchschaubar sind sie für uns. Aber das ist wohl kaum zu verhindern in einer hochtechnologisierten Welt. Deswegen sind wir von der Zuverlässigkeit der Kontrollorgane abhängig. Der Diesel-Abgasskandal ist ein ähnliches Beispiel. Wie soll man als potenzieller Käufer selbst herausfinden, ob die ausgestossenen Abgase der Norm entsprechen oder nicht? Man muss dem Hersteller vertrauen. Schwierig, wenn man belogen wird und der andere daraus Profit schlagen kann.

Glauben Sie, dass der Verbraucher heute mehr an der Nase herumgeführt wird als früher?

Nein. Ich glaube, dass wir Menschen schon immer mit Gier und Skrupellosigkeit zu tun hatten. Diese Abgründe sind so alt wie wir selbst.

Aber hat nicht die Globalisierung das Abgründige im Menschen gefördert? Gerade die Pharmaindustrie, so wie der Film sie zeigt, scheint das doch zu beweisen ...

Nein, das glaube ich nicht. Ich kann mir nur vorstellen, dass sich das Netzwerk in einer globalisierten Welt vergrössert hat. Es ist ja so gut wie unmöglich, den Überblick zu behalten, wer mit wem wie verbandelt ist. Und daran ist ja noch nichts Schlechtes. Das grosse Netz an Verbindungen gibt nur mehr Möglichkeiten der Unterwanderung von Kontrollorganen.

Daniel Harrichs Arbeiten sind besonders, weil seine investigativ-journalistische Fiction tatsächlich schon politische Dinge in Deutschland verändert hat. Spielen Sie auch deshalb mit, weil man mit Filmen wie «Gift» definitiv etwas bewirken kann?

Ich habe für dieses Projekt zugesagt, weil ich das Thema erzählenswert finde. Dass Daniels bisherige Filme tatsächlich eine politische Auswirkung hatten, finde ich beeindruckend. Ich glaube aber, dass fiktive Geschichten einen ebenso tiefen Eindruck beim Zuschauer hinterlassen können wie ein journalistisch gut recherchierter Tatsachenbericht. Insofern betrachte ich rein fiktive Geschichten als nicht weniger interessant. Aber egal wie, ich finde Daniel Harrichs Ansatz toll und wichtig. Ich bin wirklich sehr auf die Reaktionen nach der Ausstrahlung gespannt.

Was würden Sie sich an Effekten wünschen?

Ich kann nicht für Daniel Harrich sprechen, aber es wäre bestimmt schon ein Erfolg, wenn sein Film eine öffentliche Diskussion provoziert. Ich denke, dass es ihm vor allem um mehr Transparenz der Hersteller in Bezug auf ihre Produkte geht. Das Bedürfnis danach kann eigentlich nur von den Verbrauchern kommen. Insofern geht es erstmal darum, Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken.

Sie drehen seit einigen Jahren sehr regelmässig und spielen viele Hauptrollen. Bedeutet dies, dass Sie sich die Rollen mittlerweile auch ein bisschen strategisch aussuchen?

Ich weiss jetzt nicht, ob ich Sie richtig verstehe. Das hört sich für mich sehr berechnend an ... Ich bekomme die Angebote oder Anfragen nicht auf einmal, so dass ich immer nur mit dem hantieren kann, was auf meinem Tisch liegt. Da suche ich in erster Linie nach dem Drehbuch, mit dem ich am meisten anfangen kann. Natürlich kommt es vor allem auf die Qualität eines Buchs an, aber ich entscheide auch sehr aus dem Bauch heraus. Ob mich ein Thema anspricht oder nicht. Natürlich suche ich nach Abwechslung in den Genres und den Rollen, das ist schon ein grosser Teil des Spasses. In der Vielfalt liegt auch die Herausforderung. Auch als Zuschauer interessieren mich sehr verschiedene Genres und Erzählformen. Strategisch würde ich das aber nicht nennen. Das würde bedeuten, dass ich die Wirkung meiner Arbeit schon vorwegnehme. Ich versuche, auf mein Urteil und mein Gefühl zu hören, statt zu viel darüber nachzudenken, was andere sagen würden. Schliesslich muss ich am Ende zu dem stehen, was ich da fabriziert habe.

Sie sind mit zwei TV-Filmen bekannt geworden, in denen Sie aus dem Leben scheiden. In «Der letzte schöne Tag» durch Selbstmord und in «Pass gut auf ihn auf» durch ein Krebsleiden. Beide Filme haben die Zuschauer sehr bewegt. Aber muss man nicht aufpassen, dass man durch weitere Filme dieser Art in eine hyperdramatische Ecke gerät?

Wenn ich nur solche Filme drehen würde, bestimmt. Ich habe aber von Anfang an bei vielen Komödien mitgewirkt und habe auch nicht vor, das zu ändern – weshalb ich mir da keine Sorgen mache. Wenn ich zwei Dramen hintereinander angeboten bekomme, die richtig gut geschrieben sind, würde ich sie trotzdem machen. Warum? Weil es einfach nicht so viele gute Bücher gibt. Ein gutes Drehbuch hat in meiner Entscheidung immer Priorität.

Gibt es Rollen, die man Ihnen nicht anbietet, weil Sie nicht der Typ dafür sind?

Die gibt es sicher, aber Gott sei Dank ist das Angebot doch so vielseitig, dass ich momentan nichts vermisse.

Sie vermissen also nichts als Schauspielerin?

Ich würde es lieber positiv formulieren: Es gibt noch Vieles zu entdecken und auszuprobieren. Und ich hoffe, dass ich weiter die Gelegenheit dazu bekomme, meine Bandbreite vergrössern kann und dabei immer genauer werde. Da gibt es auf jeden Fall noch viel zu lernen. Das Menschsein hat so viele Facetten und ist eigentlich alles in allem so rätselhaft, dass mir bisher nie langweilig geworden ist. Und ich vermute fast, dass mir das auch nicht mehr passieren wird.

«Gift» läuft am Mittwoch, 17. Mai, um 20.15 Uhr auf ARD. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

Julia Koschitz

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