17.06.2017 - 00:00, tsch

Natalia Wörner: Nach dem Nackttanz

 

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Vor 100 Jahren starb Mata Hari. Ein Fernsehspiel mit Natalia Wörner zeigt die letzte Lebensphase der Nackttänzerin und Spionin so realistisch wie nie zuvor.

Vor 100 Jahren, im Oktober 1917, wurde die Nackttänzerin und Spionin Mata Hari von einem französischen Militärgericht zum Tode verurteilt und erschossen. Kaum eine Frauenbiografie des 20. Jahrhunderts ist schillernder. Mindestens ein Dutzend Verfilmungen erzählen davon. Kaum eine zeigte Mata Hari jedoch so, wie sie wirklich war. Im von Sandra Maischberger produzierten Fernsehspiel «Mata Hari - Tanz mit dem Tod» (Sonntag, 18. Juni, 21.45 Uhr, ARD) spielt Natalia Wörner (49) die Diva am Ende ihrer Karriere. Als intime Kennerin einflussreicher Pariser Kreise lässt sie sich von Kriegsgegner Deutschland anwerben, auch weil die eigene Kasse leer ist. Mata Haris doppelbödiges Spiel wird ihr zum Verhängnis - auch wenn sie bis zum Ende ihr Geheimnis wie auch Haltung bewahrt. Natalia Wörner über eine der rätselhaftesten Frauen der Weltgeschichte.

«Bluewin»: Asta Nielsen, Greta Garbo oder Jeanne Moreau haben Mata Hari gespielt. Die grössten Film-Diven ihrer Zeit. Haben Sie sich etwas von denen abgeschaut?

Natalia Wörner: Tatsächlich habe ich mir die alten Filme nicht wieder angeschaut. Sie waren für den Ansatz unseres Filmes nicht relevant. Die früheren Verfilmungen setzten allesamt auf den Doppelpack Spionage und Schleiertanz. In unserem Film hingegen begegnen wir einer Mata Hari, die eher nostalgisch auf ihr Leben zurückblickt. Die Tanzkarriere ist vorbei, sie benötigt Geld und eine neue Bühne. In dieser Situation treffen sich die Deutschen mit der vermeintlichen Paris-Insiderin Mata Hari. Sie bieten ihr Geld gegen Informationen. Wahrscheinlich war das ganze Projekt ein grosses Missverständnis.

Der Film verzichtet bewusst auf typische Mata-Hari-Bilder.

Mata Hari war in den Jahren 1905 bis 1908 der berühmteste und bestbezahlte Showstar der Welt. Vielleicht kann man sie mit Madonna zu ihrer Glanzzeit vergleichen.

Welche Mata Hari wollten Sie stattdessen zeigen?

Wir erzählen eine Frau, die Pioniergeist hatte, die sehr abenteuerlustig und eigensinnig war. Bis hin zu einem mysteriösen Nichtverstehen der Spionageumstände. Sie konnte sich sicher nicht vorstellen, dass sie am Ende einen so hohen Preis bezahlen würde.

Die Legende stellt Mata Hari als Meisterspionin dar. Tatschlich, so heisst es in Ihrem Film, lieferte sie keinerlei kriegsrelevante Informationen an die Deutschen.

Es ist sogar noch drastischer. Nach unserer Recherche lieferte sie den Deutschen überhaupt keine Informationen. Ob sie nicht konnte oder wollte, weiss man nicht bis ins Detail. Die Diskrepanz zwischen Mata-Hari-Sage und der historischen Realität ist enorm. Im Prinzip sind es zwei Geschichten, die fast nichts miteinander zu tun haben.

Wie sehen Sie Ihren Tod?

Ganz bitter. Sie sass vor ihrer Hinrichtung ein halbes Jahr lang in französischer Haft. Der Prozess gegen Mata Hari lieferte kein einziges Beweisstück. Das deutsche Militär hatte allerdings bewusst zu den Franzosen durchsickern lassen, dass sie als Spionin für Deutschland arbeitete. Die Franzosen brauchten damals dringend einen Kriegserfolg, Mata Hari war ein Bauernopfer. In ihrer Zeit als Agentin und Häftling hat sie selbst nie jemanden verraten. Das zeugt schon von einer echten Grösse und Haltung.

Spielte Mata Hari auch sich selbst etwas vor - im Sinne einer Selbsttäuschung?

Da bin ich mir nicht sicher. Es kann sein, dass sie sich selbst und anderen ein Stück weit eine Rolle vorspielte. In dem Sinne, dass sie mal Mata Hari war und jetzt so tat, als wäre sie immer noch die berühmte Tänzerin. Auf jeden Fall kann man ihre Kommunikation sehr sprunghaft nennen. Ihre Sprache ist dabei sehr interessant. Die strotzt vor Ironie und Provokation, aber auch vor klugem Nachfragen. An anderen Stellen übergeht sie Fragen oder antwortet auf welche, die nie gestellt wurden. Sie war eine sehr ambivalente, mysteriöse und eigensinnige Persönlichkeit.

Das heisst, Sie spielen Dialoge, die so tatsächlich geführt wurden?

Nein, das meiste ist schon unsere Interpretation der historischen Fakten, die allerdings sehr genau recherchiert wurden. Selbst wenn es hier und da überlieferte Dialoge gibt, kommt es immer darauf an, wie man sie spricht. Dass sie sprunghaft und unberechenbar war, geht auch aus den geheimdienstlichen Protokollen hervor.

Welche Aspekte waren Ihnen schauspielerisch wichtig?

Ich wollte diese Ambivalenz, das Schillernde und Mysteriöse zeigen, ohne es zu bewerten. Mata Hari war zum Zeitpunkt, den der Film erzählt, in einer sehr prekären Situation. Sie war verarmt, der Ruhm war verblasst, das Geld weg. Gelegentlich musste sie sich prostituieren. Dennoch bewahrte sie sich bei allem, was sie tat, eine Würde. Ich fand das anrührend.

Mata Hari gilt als Prototyp der Femme fatale. Haben die Männer des französischen und deutschen Militärs mit ihrer Hinrichtung auch ein neues, selbstbewusstes Frauenbild zerstören wollen?

Ja, ganz sicher. Ihr Todesurteil kann man als männliche Intrige gegen ihre emanzipatorische Kraft betrachten. Ich sehe Mata Hari durchaus als Feministin. Sie ging weg von ihrem Mann, liess sich scheiden und verlor das Sorgerecht für ihr Kind infolge des Prozesses. Alles Dinge, die damals komplett gegen das klassische weibliche Rollenbild schossen. Ihre Erotik und der Schleiertanz kommen noch dazu. So etwas macht Angst, klar. Es macht Männern Angst und es macht vielleicht sogar Frauen Angst.

Sie sagten vorhin, dass Mata Hari während der Jahre 1905 bis 1908 der grösste Unterhaltungs-Star der Welt war. Warum dauerte ihre Karriere nur so kurz?

Sie war die Pionierin jener Art von Show. Allerdings gab es schnell viele Nachahmer. Solo-Nackttanz und ganze Shows mit Frauen, die sich entkleideten, wurden sehr schnell zum Geschäftsmodell. Gerade in Paris.

Aus dem Film könnte man leicht den Eindruck mitnehmen, Mata Hari war eine tragische Figur. Spricht man mit Ihnen, hört es sich eher so an, dass Sie sie als Heldin sehen...

Ich glaube, an beiden Sichtweisen ist etwas dran. Mata Hari handelte nicht strategisch. Krieg und Spionage waren nicht ihre Welt, sie ist eher an dieser Welt zerschellt. Dennoch kommen bei genauer Beschäftigung mit ihrem Leben verblüffende biografische Fakten ans Licht. Die zeigen, dass sie sehr kluge und auch radikal mutige Entscheidungen traf. Insofern ist sie eine tragische Heldin.

War der Weg in die Spionage für die Deutschen, an diesem Punkt steigt der Film ja ein, ein radikal mutiger oder verzweifelter Schritt?

Mata Hari hatte wohl eine sehr romantische Vorstellung von Spionage. Insofern war dieser Schritt vielleicht sogar weder mutig noch verzweifelt. Er war einfach eine fatale Fehlentscheidung, die zum persönlichen Drama wurde. Doch in diesem Drama zeigte sie eben ihre schillernde Grösse.

«Mata Hari - Tanz mit dem Tod» mit Natalia Wörner läuft am Sonntagabend, 18. Juni, um 21.45 Uhr auf ARD. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

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