19.06.2017 - 09:00, tsch

«Man will eine saubere Schweiz - ohne so Typen wie mich»

 

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Der Dokumentarfilmer Beat Bieri besucht ein ganz besonderes Hospice im Jura und begleitet seine Bewohner.

Wer scheitert, der gibt dies meist nicht zu. Erst wenn wieder alles im Reinen ist, dann berichtet man vielleicht darüber, wie man das Schicksal besiegt hat. Wer den Schritt zurück beispielsweise wegen Alkoholproblemen oder ähnlichem nicht schafft, der bekommt Hilfe in Form von Therapien. Aber was ist mit den Menschen, bei denen auch das nicht fruchtet? Die Geschichten des endgültigen Scheiterns findet man meist nicht auf Titelblättern, denn sie würden ja nicht ermutigen, sondern nur frustrieren. Umso wichtiger, dass der Filmemacher Beat Bieri seine Dokumentation «Ganz unten - Ein Ort im Jura, wo Scheitern erlaubt ist» (2015), die 3sat nun im Nachtprogramm zeigt, den «Hoffnungslosen» widmet.

Leute, die nicht mehr ins normale Leben zurückgefunden haben

Über Jahre hinweg ist der Filmemacher an einen besonderen Ort gereist: nach Sonvilier im Juratal, wo in dem versteckten Örtchen das Hospice Le Pré-aux-Boeufs liegt. Dort leben Leute, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr in ihr normales Leben zurückgefunden haben. Ein Grossteil der Bewohner der Einrichtung ist hier nicht freiwillig, sondern als Folge eines Behördenentscheids.

Es sind triste Bilder, wenn man einen älteren Herren sieht, der den Hof des Anwesens reinigt. Das ist seine Tagesaufgabe. Noch trauriger ist es aber, wenn man hört, dass er einmal ein erfolgreicher Unternehmer in Kolumbien war und sich keine Sorgen um Geld machen musste. Doch dann betrogen und bedrohten ihn seine Geschäftspartner, und er verlor alles. Mittellos und alkoholkrank schob man ihn ab, zurück in die Schweiz. Von dieser Wendung konnte er sich nicht erholen und lebt nun in Sonvilier.

Die unterschiedlichsten Menschen wohnen und arbeiten hier. Es gilt, einen Hof zu bewirtschaften, Aufgaben im Haushalt zu übernehmen oder andere handwerkliche Tätigkeiten. Vonseiten der Betreuer wird nicht mehr versucht, die Leute zu ändern, sondern man akzeptiert ihre Probleme und Schicksale. Sogar Alkohol wird in Massen ausgeschenkt. Es scheint, als wolle man den Menschen trotz ihres Scheiterns ein lebenswertes Dasein ermöglichen - und immer wieder sieht man in dem Beitrag auch lachende Bewohner, die miteinander Spass haben.

Der Dokumentarfilmer Beat Bieri hat die Einrichtung über einen längeren Zeitraum beobachtet, und es gelang ihm, intime Bilder, aber auch ehrliche Statements einzufangen. «Man will eine saubere Schweiz - ohne so Typen wie mich», erzählt ein Bewohner vor der Kamera.

Auch die Dorfbewohner und die Angestellten kommen zu Wort. «Euch muss es wohl sein mit uns, aber uns muss es auch wohl sein mit euch», erklärt eine Frau, die im Hospice arbeitet. Denn das Konfliktpotential ist gross und Reibungspunkte sind unumgänglich.

Die Dokumentation «Ganz unten - Ein Ort im Jura, wo Scheitern erlaubt ist» läuft am Montagabend, 19. Juni, um 23.40 Uhr auf 3sat. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

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