07.12.2017 - 00:00

Marc Forster: «Erotikthriller? Nein, aber Sex spielt eine grosse Rolle in meinem Film»

von Lukas Rüttimann
 

11 Bewertungen


Der Schweizer Hollywood-Regisseur Marc Forster über seinen neuen Film «All I See Is You», Sexszenen vor der Kamera und seinen Rat an junge Schweizer Filmemacher.

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«Bluewin»: Marc, Ihre Filme haben oft eine klare Botschaft. Was ist es bei «All I See Is You»?

Marc Forster: Liebe macht blind? (lacht) Im Grunde genommen geht es darum, dass man die Liebe kaputt macht, wenn man ihr die Luft und den Freiraum nimmt.

Im Zentrum steht die Wahrnehmung einer blinden jungen Frau, gespielt von Blake Lively. Es geht im Film aber auch darum, was man alles nicht mehr sieht.

Genau. Je älter man wird, desto weniger sieht man. Man entwickelt ein Bild der Welt und sieht viele Dinge nicht mehr. Man schaut nicht mehr hin. Als kleines Kind saugt man alles mit neugierigen Augen auf. Das legt man mit dem Alter ab. Auch bei Beziehungen: Wenn man sich an jemanden gewöhnt hat, nimmt man vieles nicht mehr wahr. Das hat mich beschäftigt.

Blake Lively

  • Blake Lively
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Kann man das vermeiden?

Man sollte einfach versuchen, so wach wie möglich zu bleiben. Indem man Menschen zuhört und mit offenen Augen durchs Leben geht. Das hört sich simpel an, wird in einer zunehmend medialen Welt aber immer schwieriger.  

Der englische «Guardian» hat Sie als Wundertüte beschrieben. Sie seien unzuverlässig, weil man nie wisse, was man bei Ihren Filmen kriegt. Ein Kompliment?

Für mich schon. Man kann das gleiche auch über Leute wie Howard Hawks oder Billy Wilder sagen. Hitchcock dagegen war zwar ein Meister seines Fachs, aber vor allem in einem Genre. Ich möchte verhindern, dass ich unter einer Art Branding laufe – auch wenn das für die Leute einfacher wäre. Aber das bin nicht ich. Ich möchte mich immer wieder neu herausfordern.

«World War Z» war Ihr Zombiefilm – ist «All I See Is You» Ihr Erotikthriller?

Ich sehe den Film nicht als Thriller, eher als Drama und als Liebesgeschichte. Es stimmt zwar: Sexualität spielt eine grosse Rolle in diesem Film, aber das ist in jeder Beziehung so. Es geht in «All I See Is You» um die Veränderung der körperlichen und geistigen-seelischen Verbindung eines Liebespaares. Beide sind miteinander verbunden.

Trotzdem – mehr Sex gab es bei Ihnen noch nie.

Das mag sein. Aber ich habe das Gefühl, dass die Sexszene in «Monster’s Ball» stärker ist als die vielen erotischen Szenen in diesem Film. Hier läuft alles meist harmonisch und sinnlich ab. Bei Halle Berry damals war das für das Publikum eine ziemlich schockierende Szene.

Wie schwierig waren diese erotischen Szenen zu filmen? Man hört immer wieder, dass Bettszenen für Darsteller sehr mühsam sein können.

Es war sehr einfach. Das war einigermassen erstaunlich, weil Blake drei Monate zuvor ihr Kind bekommen hat. Aber sie hat das ganz locker angenommen und war sehr unkompliziert.

Inwiefern unkompliziert? Wie muss man sich das vorstellen?

(lacht) Also es ist so: Beide Schauspieler tragen etwas untenrum, selbst bei Sexszenen. Aber das zeigt man im Film natürlich nicht.

Sie spielen mit grossartigen technischen Effekten im Film. Wie gross ist die Gefahr, dass man sich als Geschichtenerzähler und Regisseur darin verliert?

Es ist eine Balance. Ich wusste, dass mir die Technik Spass machen würde. Wir zeigen Dinge, die man so noch nicht im Kino sehen konnte. Es war mir aber auch bewusst, dass ich damit Leute abweisen kann. Nicht alles, was das Publikum nicht kennt, kommt gut an. Ich rechne also damit, dass der Film stark polarisiert. Ich hoffe aber auch, dass die emotionale Bindung zur Figur von Blake Lively stärker ist als die Faszination oder Ablehnung der technischen Spielereien.

Warum haben Sie in Bangkok gedreht?

Für die Geschichte war es wichtig, dass die beiden Hauptdarsteller Expats sind, wo die blinde Frau die Sprache nicht spricht und ihr Mann dadurch noch mehr Macht über sie hat. Dazu kommt, dass es in Bangkok mit die besten Augenkliniken der Welt gibt. Und nicht zuletzt haben auch die tollen Farben der Stadt ein Argument geliefert.

Sie haben es als einer der wenigen Schweizer geschafft in Hollywood. Welchen Tipp haben Sie für junge Filmer, die Ihnen nacheifern möchten?

Es gibt kein Rezept. Ich hatte nie den Traum, ein erfolgreicher Regisseur zu werden. Ich wollte nur Filme machen und habe mit aller Leidenschaft das getan, woran ich glaube. Nehmen Sie «Monster's Ball»: Man hat mir gesagt, dass nach 9/11 niemand ein Drama sehen will, in dem so viele Figuren schon bis zur Filmmitte sterben. Ich erinnere mich noch gut an die Premiere in Los Angeles. Die Leute kamen raus und wünschten mir mitleidig lächelnd viel Glück. Der Rest ist Geschichte; der Oscar für Halle Berry hat mein Leben verändert. Es hätte aber auch ganz anders kommen können. Dann wäre «Monster's Ball» mein letzter Film gewesen, und wir sässen jetzt nicht hier.

«All I See Is You» vom Schweizer Regisseur Marc Forster läuft ab Donnerstag, 7. Dezember, in den Kinos.

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