Ende einer Ära – «Du kannst die Zeit nicht zurückdrehen»

Philipp Dahm

24.3.2020 - 00:00

Eines hat das Finale seiner SRF-Talkshow mit drei Überraschungsgästen gezeigt: Einen kantigen Kauz wie Roger Schawinski wird unsere moderne Medienwelt nicht so schnell wieder hervorbringen.

Da sitzt er nun, der Schawinski. «Es ist die erste Talkshow der Woche – freut mich, dass Sie dabei sind», lauten seine ersten Sätze. Und dann sagt dieser alte Hase des Schweizer Medien- und Showgeschäfts: «Es ist die 338. und letzte Sendung ‹Schawinksi›.»

Das Finale nach neun Jahren SRF-Talk – da darf man schon vom Ende einer Ära sprechen.

«Alles ist anders. Die ganze Welt ist anders», sagt der Zürcher betreffend der Coronakrise, «aber auch die Sendung ist anders.»

Der Moderator, sonst nie um eine Antwort oder Meinung verlegen, weiss nämlich für einmal nicht, was auf ihn zukommt. Drei Gäste schenkt ihm das SRF zu seiner letzten Aufwartung – aber wer genau kommt, das weiss der 74-Jährige nicht.

«Ich konnte es auch nicht recherchieren», erklärt Schawinski – man spürt, dass er es eigentlich nicht gewohnt ist, die Zügel nicht in der Hand zu haben.

«Also: Wer kommt denn da?»

Schawinski drückt einen Knopf und gibt damit den Einspieler frei: Als ein Film mit Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger abspielt, ist die Reaktion des Moderators in einem kleinen Bildschirm zu sehen. Er lächelt: vielsagend.

Früher haben sich der Pressepionier und der Medienminister behakt, heute begrüsst Schawinski Leuenberger mit einem aufgestellten «Boris, wir kennen uns wirklich lang!».

Leuenberger «wieder auf die Anklagebank»

«Wir hatten ziemlichen Streit», resümiert der ein Jahr jüngere Bieler. «Unser Streit – war der nicht im Nachhinein auch ein wenig absurd?», fragt Leuenberger mit Blick auf den technischen Fortschritt, der ihre früheren Differenzen – Stichwort: Medienmarkt-Liberalisierung –, verwischt habe. «Das ist ja überflüssig geworden.» Schawinski kontert typisch – nonchalant: «Eben, das hättest ja du merken müssen als Minister.»

Für Medien zuständig: Moritz Leuenberger 2008 als Bundesrat.
Bild: Keystone

Bald kommen die beiden gestandenen Herren dann aber in der Gegenwart an. «Wann hast du richtig gecheckt, dass wir, unsere Generation, jetzt Teil einer Katastrophe sind?», fragt der Gastgeber.

«Ich habe nicht mehr Informationen, ich bin genauso überrumpelt», gibt der SP-Politiker zu und gesteht, er habe anfangs das Ganze als eine Art rein chinesisches Problem missverstanden.

Und schon muss er den aktuellen Bundesrat verteidigen: «Das konnten sie in dem Mass nicht vorhersehen.»

Ehrlich sei Bundesbern gewesen, als man sagte, man wüsste nicht, was morgen sei – und da kann nicht mal ein Schawinski widersprechen. Aber warum läuft das in Südkorea so viel besser, bohrt der Moderator nach – und Leuenberger beschwert sich irgendwie artig, er sei nicht bereit, sich von Schawinski «wieder auf die Anklagebank» setzen zu lassen, wie es so oft der Fall gewesen sei in ihrer Beziehung.

Coronakrise: «Hast du es denn realisiert?»

Schawinski unbeirrt: «Wieso haben die Regierungen in Europa nicht realisiert … » Leuenberger unterbricht: «Hast du es denn realisiert ...?»

Schawinski: «Nein, ich nicht … Aber ich bin auch nicht in der Regierung.»

So ist er immer aufgetreten, der Schawinski – als die menschgewordene Schweizer Opposition. Leuenberger sagt: «Besser ging es nicht.»

Vielleicht hat er recht damit, vielleicht auch nicht.

Die Herren diskutieren noch kurz darüber, ob und was man hätte besser machen können. Das wenig überraschende Ergebnis: Die chinesische Diktatur hat Vorteile gegenüber der europäischen Demokratie – wenn es um Pandemien geht.



Entlarvend ist, als der Gastgeber fragt, ob es seinen Gast nicht auch nervt, dass er plötzlich zu einer «schwächlichen» Risikogruppe gehört: Schawinski war schon immer ein stolzer Kerl – und das wird er auch bleiben, wenn er «nur» noch im Radio zu hören sein wird.

Dabei wäre seine Sendung gar nicht verkehrt, wenn die Älteren fortan vielleicht über Monate zuhause bleiben müssen, findet Leuenberger.

«Ach, ja… », grinst Schawinski vielsagend.

Nun aber wolle er das Radio neu erfinden. Schon wieder, muss man sagen. Schawinski verabschiedet Leuenberger – wieder typisch: «Du bist viel ein viel netterer Mensch als früher!»

Stauber: «Wahnsinnig schwieriger Chef»

Katja Stauber, der zweite Gast, kennt den Talkshow-Finalisten seit dem «1. November 1984», das weiss die Tagesschau-Sprecherin noch ganz genau.

«Da habe ich bei dir angefangen.»

22 Jahre alt war die Journalistin damals.

Sie sagt: «Du bist ein wahnsinnig schwieriger Chef gewesen.»

«Schwierig???», fragt Schawinski, als würde ihn das überraschen. Natürlich war er fordernd, antwortet die künftige SRF-Produzentin – aber dadurch habe sie auch viel gelernt, lässt sie durchblicken. «Ich bin ein Schawinski-Kind!»

Katja Stauber wird die Tagesschau im April letztmals morderieren und dann Produzentin der SRF-Nachrichtenendung werden.
Bild: Keystone

Er habe beeindrucken können mit seinen Predigten, sind sich beide einig. Schawinski sagt dazu: «Auch wenn ich es natürlich nicht mehr weiss.»

Und Stauber ergänzt, dass er natürlich auch Alpträume bereitet habe. Staubers Alptraum sei es etwa gewesen, im Studio von «Radio 24» zu sitzen, ohne Platten zu haben, und immer reden zu müssen.

«Und du stehst hinter der Glasscheibe und regst dich auf.»

Die beiden plaudern über alte Shows und vergangene Formate. Stauber sagt: «Du hast das natürlich entdeckt – und mich auch.»



Die beiden reden noch über «Tagesschau»-Pannen und Erfahrung, die bei diesen hilft, über Digitalisierung und die Massnahmen des Bundesrats in Sachen Coronakrise.

«Die richtig grossen Stars gibt es eigentlich nicht mehr, oder?», fragt Schawinksi mit Blick auf das Image des modernen SRF-Moderators.

«Hast du das Gefühl, es kommen noch so Persönlichkeiten nach?»

Stauber verteidigt die jungen Leute: Sie seien ebenso professionell. «Die Zeit ändert sich, und auch die Medienwelt hat sich verändert. Du kannst die Zeit nicht zurückdrehen», hält ihm die 57-Jährige nüchtern entgegen.

Rohners «letzte Chance»

Als der dritte Gast Urs Rohner vorgestellt wird, lacht Schwawinski frei heraus.

«Wie oft habe ich versucht, dich in die Sendung zu kriegen?», fragt er den Mann, der ihn seinerzeit zum deutschen Sender «Sat.1» gelotst hat.

«Ich habe gesagt, ich komme irgendwann einmal in deine Sendung, und jetzt war die letzte Chance», pariert der Credit-Suisse-Verwaltungsratspräsident.

«Das finde ich fantastisch», freut sich Schawinski.

Urs Rohner lotste Schawinski einst nach Berlin.
Bild: Keystone

Natürlich muss der Banker zur Coronakrise Auskunft geben.

«Es wird sehr grosse Auswirkungen haben», prophezeit der 60-Jährige. «Jetzt geht es vor allem darum, die Liquidität der Unternehmen und der einzelnen Leute sicherzustellen.»

Rohner sagt aus Sicht der Banken, das Geld sei da: «Man kann jetzt ganz kurzfristig und schnell Hilfe leisten. Das wird auch passieren. Wir haben keine Finanzkrise, es ist eine Realwirtschaftskrise.» Der Bankensektor würde funktionieren, verspricht er.

Erst als der Gastgeber – typisch Schawinski ­– frank und frei parliert, man hätte ja nie gedacht, dass so ein CS-Aktienkurs mal unter sieben Franken sinken würde und er sich gefragt habe, ob es bald ein «Fünfliber» werde und er die Boni anspricht, verdunkelt sich Rohners Gesicht für eine Millisekunde. Das stehe bei seinesgleichen jetzt gerade «nun wirklich nicht» im Vordergrund. Die Boni seien aber an den Aktienkurs gebunden, schliesst er den Kreis.

Als «Sat.1» noch Champions League spielte

Was mit der Swiss sei, fragt der Gastgeber: Erst der Lufthansa Millionengewinne einfliegen – und dann plötzlich wird nach Schweizer Staatshilfe gerufen?

Rohner sagt, das Land brauche eine nationale Airline, die funktioniert – ohne jedoch den Grundwiderspruch aufzulösen. Der Rest des Gesprächs plätschert irgendwo zwischen «Arbeitsplätze sichern» (Rohner) und «nicht genug Tests» (Schawinski) dahin.

Schön ist noch, als der Moderator fragt, ob sein Gast auch jenes Video von Bill Gates aus dem Jahr 2015 gesehen habe, als jener eine Pandemiekrise vorhergesagt habe.

«Das stimmt, Roger, aber wann hast du dieses Tape das erste Mal geguckt?»

«Ich habe es erst jetzt geschaut», antwortet der.

«Ich auch», sagt Rohner ehrlich.

War die aktuelle Situation vorhersehbar? Wohl nicht, vielleicht aber doch.

Was bringt die Zukunft?

Schawinski verrät, dass Rohner einst davon träumte, Chef einer grossen US-Filmfirma zu werden.

«Oder eine eigene Firma?»

Rohner lässt sich nicht festnageln. «Alles kann sich in sehr kurzer Zeit verändern.»

Am Ende geht um ihre Gemeinsamkeit: «Sat.1». Rohner sagt, er habe seinen Gegenüber gewinnen können, als er ihm mit dem Job in Deutschland anno 2003 die «Champions League» versprach. Das passt.

Und es passte für den Zürcher, der sich für die fünf Jahre in Berlin bedankt, die ihn «bereichert» hätten.

«Und jetzt gilt es, Abschied zu nehmen», endet Schawinski und bedankt sich bei seinen Produzenten, bei seinem Team, beim Publikum.

Und erst zum Schluss merkt man diesem 74-jährigen TV-Haudegen an, wie nahe ihm dieser Abschied geht, bei aller profihaften Fassade.

«Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, eine gute Woche und ein gutes weiteres Leben – auch in diesen schwierigen Zeiten, die wir gerade haben.»

Der Vorhang fällt, die Show ist vorbei.

Ja, noch einmal, es ist das Ende einer Ära – selbst Schawinsmis Kritiker werden das konstatieren müssen.

Was bleibt?

Der Mann ist eine Hausnummer. Einen wie ihn, so nervig, so eitel, so direkt, so ehrlich, so gross, wird unsere moderne, gestriegelte Schweizer Medienwelt nicht so schnell wieder hervorbringen.

Gut, dass er uns auf anderen Kanälen erhalten bleibt – auch wenn es vielleicht bloss die Challenge League sein wird.

«Schawinski» lief am Montag, 23. März, um 22.55 Uhr auf SRF1. Mit Swisscom Replay TV können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

Roger Schawinski Talkgäste.

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