TV-Kritik

«Es geschah am ...»: Postraub des Jahrhunderttausends!

Von Gion Mathias Cavelty

26.4.2020

«Das war jetzt aber wirklich mal aussergewöhnlich spannend!», schwärmt TV-Experte Gion Mathias Cavelty von «Es geschah am ...».

Nach der ersten Ausgabe der Doku-Fiktion-Reihe «Es geschah am ...» hatte ich noch gerätselt: Welches quotenträchtige Thema aus der jüngeren Schweizer Geschichte behandelt SRF wohl als Nächstes? Und hatte auf die mysteriösen Vorkommnisse rund um den Kaiman vom Hallwilersee getippt.

Ich hatte natürlich gehofft, der Kaiman entpuppe sich als grosse Schwester des Loch-Ness-Monsters. Aber es war dann wohl doch eher ein hundskommuner Wels. Blödes Vieh!

Nein – am Samstagabend ging's um den Fraumünster-Postraub am 1. September 1997, gern genannt der «Postraub des Jahrhunderts». Nach Anschauen der 100-minütigen TV-Produktion (wiederum eine Mischung aus Aussagen von echten Beteiligten, nachgestellten Spielfilm-Szenen und aktuellen Beiträgen von Journalisten) möchte ich noch weiter gehen und sagen: Das war der Postraub des Jahrtausends! Nein – der Postraub des Jahrhunderttausends!

Der grosse Coup und haarsträubende Konsequenzen

Denn genau so kam es einem als Zuschauer vor. Man stand mittendrin im Geschehen. Man merkte, wie das eigene Herz höher zu schlagen begann, als die fünf Gangster den Überfall auf dem WC des zwielichtigen Dago Bar Clubs im Zürcherischen Seebach planten. Ja – man war einer von ihnen! Und man betete: Bloss keinen Fehler machen! Bloss keinen Fehler machen!

Und nach dem geglückten Coup kam es einem vor, als hielte man die erbeuteten 53 Millionen Franken selber in der Hand. Man war schweissüberströmt. Und man ertappte sich dabei, wie man sich selbst inständig zuflüsterte: Jetzt nur nicht so dumm sein und das Geld leichtsinnig aus dem Fenster werfen!



Fehler haben die echten Posträuber zuhauf gemacht – haarsträubende! Im Innenhof der Post haben sie etwa die Fotos verloren, die ihr Insider Marcello zuvor vom künftigen Tatort zur Orientierung geschossen hatte. Und kurz vor der Tat tranken die zwei Mitglieder der Bande in einer benachbarten Bar noch einen Kaffee – natürlich nicht, ohne Fingerabdrücke auf den Tassen zu hinterlassen (an dieser Stelle blieb dem Zuschauer das Herz stehen!). Dabei warteten sie auf einen Anruf auf ihr Handy, in dem ihnen Marcello kodiert die Summe in den Geldkoffern mitteilen sollte («Wir hatten vereinbart: ‹5 Uhr› bedeutet ‹50 Millionen›. ‹5 Uhr 30›: ‹55 Millionen›. Und so weiter. Als Marcello endlich anrief, fragte er: ‹Machen wir Café um sieben Uhr?›»).

Sogar ein echter Räuber war dabei

Vor allem der Schauspieler, der Elias Allabdullah, den Kopf der Gang, darstellte, war grossartig: Ivan Georgiev (35, im Alter von sieben Jahren aus Sofia in die Schweiz gekommen). Der echte Allabdullah kam im Film – sensationellerweise, muss man sagen – ebenfalls vor, und zwar mittels von Georgiev nachgesprochenen Original-Interviewpassagen aus einem Telefongespräch, das die TV-Journalistin Andrea Pfalzgraf mit Allabdullah führen konnte (aus dem syrischen Gefängnis, in dem der mittlerweile 54-Jährige aktuell sitzt).

«Ich war ein Teufel damals, ich war hart, aggressiv. Die Leute hatten Angst vor mir, auch die anderen Kriminellen», lässt er Pfalzgraf am Telefon wissen.

Der zweite tonangebende Räuber, Domenico Silano, den die Öffentlichkeit unter anderem durch sein Buch «Silano – Der Jahrhundert-Postraub» kennt, kommt natürlich auch zu Wort: «Ich bereue gar nichts», sagt er ungerührt in die Kamera. Und auf seinen Komplizen Allabdullah angesprochen: «Elias hat Herz gehabt.»

Gar nicht mal so schlecht

Eine der ungeklärten Fragen (nebst dem Verbleib eines beträchtlichen Teils der Beute) betrifft die von den Verbrechern verwendeten Waffen. Während Allabdullah und Silano darauf bestehen, es seien nur Spielzeugwaffen gewesen (Zitat Silano: «E Raubüberfall kasch au mit Finger mache»), ist der ebenfalls zu Wort kommende ehemalige Dienstchef der Zürcher Kriminalpolizei, Arthur Kalberer, nach wie vor überzeugt: «Die Waffe sind ächt gsii!»



Silano, nach Verbüssung seiner Haftstrafe und nach erneuter Planung eines Überfalls ausgewiesen, arbeitet heute als Barmann «in Deutschland», wie man zum Schluss der Produktion sehen konnte. Wobei es auch diesbezüglich Neues zu vermelden gibt: Offenbar soll er, laut jüngsten Berichten, seit drei Monaten als Krankenpfleger in einem Altersheim in Süddeutschland tätig sein. Ich hoffe, die Senioren und Seniorinnen behalten ihre Zahnprothesen etc. gut im Auge.

Also: Eine ganz starke Folge von «Es geschah am ...» war das (und nur ab und zu erinnerte sie leicht an Schulfernsehen). Ich freue mich bereits über die Folge in dreiundzwanzig Jahren, die die Coronavirus-Krise zum Thema haben wird («Es geschah im … März/April/Mai/Juni/Juli/August/September/(...) 2020». Mit Joel Basman als «das Coronavirus» oder so.

Und hier noch die Bilder des Tages

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