Neue Wege

Fernseh-Shows ohne Publikum – ist das wirklich so schlimm?

Von Lukas Rüttimann

2.5.2020

«Let's Dance» war auch ohne Publikum ein Spektakel – aber längst nicht alle Shows verkraften den Wegfall gleich gut.
Bild: zVg/RTL

Wegen der Corona-Krise finden derzeit fast alle TV-Shows vor leeren Zuschauerrängen statt. Bei einigen Sendungen geht das ziemlich in die Hose – bei anderen jedoch funktioniert es erstaunlich gut.

Kein Publikum: Daran muss man sich in diesen Tagen leider in vielen Bereichen gewöhnen. Im Sport etwa wird schon seit Wochen diskutiert, ob man die Meisterschaften zu Ende führen soll, weil Geisterspiele, also Spiele ohne Zuschauer, letzten Endes doch besser sein könnten als gar nichts.

Beim Fernsehen hingegen hatte man keine grosse Wahl. Die Sendeplätze müssen gefüllt werden, zur Not mit Shows ohne Publikum. Und so moderieren, singen, tanzen, albern oder raten Menschen am Bildschirm seit Wochen ohne Applaus oder sonstige emotionale Feedbacks von den Zuschauerrängen durch die Shows der Stationen.

Dabei fällt auf, dass die vermeintlichen Notlösungen bei gewissen Formaten besser, bei anderen eher weniger gut funktionieren. Und das durchaus auch in Fällen, denen man das im Vorfeld vielleicht nicht gedacht hätte. Wer zum Beispiel hätte voraussagen können, dass das RTL-Spektakel «Let’s Dance» auch ohne Publikum beste Freitagabendunterhaltung bietet? Immerhin sollte man meinen, dass eine sterile Atmosphäre bei etwas so Emotionalem wie dem Tanzen fatal für eine Show sein würde.

Es geht auch ohne Zuschauer

Dass «Let’s Dance» auch ohne Zuschauer funktioniert, hat seine Gründe. Zum einen liegt es daran, dass die Tänzer und ihre Darbietungen zwar wichtig sind, aber nicht allein. Jeder Fan der Show weiss: Das eigentliche Highlight ist die Jury um Joachim Llambi, Motsi Mabuse und Jorge González, die nicht nur durch ihre Kompetenz, sondern auch mit viel Humor, Schlagfertigkeit und generell einem immensen Unterhaltungswert zum eigentlichen Herzstück des Formats avanciert ist. Genau jene Merkmale also, die man beim Schweizer Gegenstück «Darf ich bitten?» so schmerzlich vermisst; weshalb die aktuelle Staffel der SRF-Show nach einem tristen Versuch ohne Zuschauer konsequenterweise gestrichen, respektive auf den Herbst verschoben wurde.

Corona-Krise: Konsequenzen fürs TV- und Film-Programm

Freilich hilft der RTL-Show, dass dort mit Daniel Hartwich einen der lustigsten Moderatoren im deutschsprachigen Raum auf im Sold steht. Denn der Mann beherrscht das selbstironische Zusammenspiel mit Co-Moderatorin, Jury sowie den Prominenten samt Prof-Tanzpartnern absolut meisterhaft. Zudem spielt RTL während der Tanzaufführungen jeweils den passenden Applaus ab Band ein und bleibt mit der Kamera immer ganz nah am Tanzpaar dran. So gelingt es der mehrstündigen Marathonshow, trotz leeren Rängen für volle Unterhaltung zu sorgen. Respekt.

Mehr schlecht als recht

Bei anderen Shows helfen solche Tricks eher wenig. Die kürzlich zu Ende gegangene Staffel von «Deutschland sucht den Superstar» etwa fällt klar unter das Kapitel «mehr schlecht als recht zu Ende gebracht». Denn obwohl auch bei «DSDS» die Jury um Dieter Bohlen ein wichtiger Faktor ist, funktioniert die Show ohne Emotionen aus dem Publikum nicht.

Es ist nun mal so: Wenn sich ein junger Mensch auf der Bühne die Seele aus dem Leib singt, will man die Reaktionen der Angehörigen im Publikum sehen. So aber war dieses Jahr selbst das grosse Finale eine überaus sterile Sache, an dem auch der fliegende Jury-Wechsel von Xavier Naidoo zu Florian Silbereisen wenig änderte.

Show-Profis am Anschlag

Tröstlich ist: Die Corona-Krise trifft alle gleich. Ganz egal ob in der SRF-«Arena», beim «Aktuellen Sportstudio» auf ZDF, bei «Stern TV» (RTL) oder «Markus Lanz» (ZDF) – überall wird derzeit ohne Publikum, mit dem empfohlenen Abstand von mindestens zwei Metern und mit Plexiglaswänden moderiert. Bei Talksendungen stört das generell weniger als bei Unterhaltungsshows. Das zeigt etwa die Samstagabendkiste «Denn sie wissen nicht, was passiert» auf RTL, bei der die altgedienten Show-Profis Thomas Gottschalk, Barbara Schöneberger und Günther Jauch jeweils am Samstagabend das Kalb machen – was ohne Reaktionen aus dem Publikum irgendwie nicht recht zünden will. Auch die Pro7-Show «Schlag den Star» war ohne Fans vor allem ein Schlag ins Wasser.

Tatsächlich müssen sich die TV-Macher derzeit etwas einfallen lassen, wenn sie ihre Shows nicht wie beispielsweise das Kerner-Quiz «Da kommst du nie drauf» wie eine bessere Hauptprobe über den Bildschirm laufen lassen wollen. Ziemlich clever hat man das beispielsweise beim Quiz-Klassiker «Wer wird Millionär?» mit Günther Jauch gemacht.

Nachdem die noch vor vollen Rängen aufgezeichneten Sendungen ausgestrahlt waren, lud man statt Publikum einfach drei frühere Millionengewinner ein. Diese sitzen nun jeweils regelkonform zwei Meter auseinander, und amten nicht nur als Publikumsersatz, sondern auch gleich als Publikumsjoker – was bei Menschen, die dank der Quizshow zu Millionären wurden, durchaus einen gewissen Reiz hat.

Option für die Zukunft?

Auch Award-Shows sind derzeit ein Thema für sich. Denn was macht man, wenn man eine Ehrung ohne Publikum vornehmen soll? Ein Blick in die aktuelle Kulturagenda macht klar: Fast alles wird abgesagt oder in den Herbst verschoben. Umso erstaunlicher deshalb, wie man im Fall des «Deutschen Filmpreis» mit der Situation umgegangen ist. Vor Wochenfrist sollte die grosse Gala des deutschen Films stattfinden. Doch statt den Event wie alle anderen einfach abzusagen, entschied man sich für ein neues Konzept.

Statt dem üblichen Abspulen von Trophäenübergaben und Danksagungen führte der deutsche Schauspieler Edin Hasanovic vor einem stimmigen Dekor aus goldenen Lichtkegeln und riesigen LED-Wänden durch einen atmosphärischen Abend, der statt Glamour und Champagner-Glückseligkeit das Filmschaffen ins Zentrum stellte.

Als TV-Zuschauer erhielt man so einen vertieften Einblick in die nominierten Werke, die per Einspielungen vorgestellt wurden. Statt Kameraschwenker ins gelangweilte VIP-Publikum wurde man Zeuge von echten Emotionen der Preisträger, die jeweils per Live-Stream zugeschaltet waren – und deren Freudentränen aus den eigenen vier Wänden besonders authentisch in den heimische Stuben des TV-Publikums ankamen.

Dazu gab es Gesangseinlagen, Reden und ein bisschen Corona-Comedy – alles ohne Höflichkeitsapplaus oder Alibi-Lacher und deshalb sehr erfrischend. Tatsächlich sogar war der «Deutsche Filmpreis» dieses Jahr so wohltuend anders, dass man sich die eine oder andere Show auch für die Zeit nach Corona ohne Publikum vorstellen könnte. Der Swiss Music Award ohne Gäste? Eine Überlegung wäre das auf jeden Fall wert.

Chronologie der Coronakrise
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