Gab es in der DDR wirklich spionierende Prostituierte?

tsch

10.1.2021 - 21:45

So war das Jubiläum im Kölner «Tatort: Der Tod der Anderen»: Ballauf und Schenk zelebrierten ihren 80. Fall als furiose Entführungsgeschichte – und zugleich als Wirtschaftskrimi mit hochinteressantem DDR-Bezug. Doch wie historisch korrekt war das Ganze?

1997 trafen die Kölner «Tatort»-Kommissare Freddy Schenk und Max Ballauf erstmals aufeinander. Seit der Premiere des beliebten Zoff-Duos ist viel Wasser den Rhein hinabgeflossen: Bereits zum 80. Mal ermittelten Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt im aktuellen Krimi. Wobei «Der Tod der Anderen» auch anderweitig als Jubiläumsfolge gelten durfte: Zwar kamen die filmischen Feierlichkeiten ein paar Wochen zu spät – doch waren die Anspielungen auf das 50-Jahre-Jubiläum des «Tatort» so wenig zu übersehen wie die nachträglichen Glückwünsche zu 30 Jahren deutscher Wiedervereinigung. In einem furiosen Fall wurde die DDR-Vergangenheit aufgerollt – und die Beziehung der Ermittler auf die Probe gestellt.

Worum ging es?

Die Folge begann mit dem schockierenden Tod einer Frau in einem Luxushotel: Hatte sie kurz zuvor noch mit einem Mann an der Bar geflirtet, wurde die 60-Jährige plötzlich erhängt in ihrem Zimmer aufgefunden. Was auf den ersten Blick wie ein Suizid aussah, betrachteten Schenk und Ballauf bald als grausamen Mord – schliesslich hatte man Kathrin Kampe (Eva Weissenborn), so der Name des Opfers, an Füssen und Händen mit Klebeband gefesselt.



Zeugen und ein ominöser Brief machen die Inhaberin des exklusiven Hotels «Rheinpalais», Bettina Mai (Ulrike Krumbiegel), zur Hauptverdächtigen – die obendrein noch Kommissar Schenk bedrohte und entführte. Aber weit gefehlt: Dass sich der Todesfall am Ende doch als Suizid herausstellte, den die Tote nach Mord aussehen lassen wollte, war in diesem Jubiläumsfall nur eine von vielen Aussergewöhnlichkeiten.

Worum ging es wirklich?

Um das gegenseitige Vertrauen der beiden langjährigen Kommissare – vor allem aber um einen Skandal historischen Ausmasses: Zum einen entwickelte Schenk als ungewöhnliche Geisel ein veritables Stockholm-Syndrom und liess zugleich Ballauf über seinen Verbleib völlig im Unklaren. Zum anderen kam die gesamte Dimension der eigenartigen Affäre ans Tageslicht: Die Spur führte in den Osten – und in die DDR-Vergangenheit.



Damals verdingten sich Kampe und Mai als Prostituierte im «grössten Bordell Europas», als welches die Stadt Leipzig zu Messezeiten galt – und hörten dabei für die Stasi ihre Freier ab. Von dort schlug der «Tatort» einen Bogen zu windigen Wessis und den schädlichen Arbeitsbedingungen in den quecksilberverseuchten Buna-Werken in Schkopau («Plaste und Elaste»).

Gab es in der DDR wirklich spionierende Prostituierte?

Vor allem westdeutsche (Geschäfts-)Männer vergnügten sich damals hinter dem Eisernen Vorhang – so wie die Figuren Peter Wagner alias «Porno-Peter» (Bernhard Schütz) und Frank Heldt (Rolf Kanies) im «Tatort». Insbesondere zu Messezeiten sollen sich damals Frauen aus der gesamten Republik nach Leipzig begeben haben, um Sex gegen Westmark zu tauschen. Und das, obwohl Prostitution in der DDR offiziell verboten war.

Dass sie dennoch geduldet wurde, mag nicht nur an den Devisen gelegen haben, sondern auch daran, dass die Stasi mitmischte: Über 100 Frauen soll der Geheimdienst rekrutiert haben, die als Spitzel von ihren Freiern Informationen herausbekommen sollten. Bekannt wurde unter anderem der Fall der inoffiziellen Mitarbeiterin «Petra Meyer». Der «Tatort» brachte diese IM-Tätigkeiten der «Romeos und Julias» hübsch auf den Punkt: «Ficken fürs Vaterland.»

50 Jahre «Tatort»: Interview mit Regisseur Florian Froschmayer

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Wie historisch korrekt war der «Tatort» sonst?

Die historisch informierte «Tatort»-Handlung konnte ihre komplexen Themenbereiche in anderthalb Stunden natürlich nur anschneiden: Von den «legalen und weniger legalen» Devisen-Geschäften über die westdeutschen Nutzniesser, «die wie in einen Selbstbedienungsladen bei uns eingefallen sind» bis zu den Ostlern, «die das Scheissspiel mitgespielt haben», wurden zahlreiche unbequeme Zusammenhänge kritisch betrachtet.

Dazu gehörten auch die Arbeitsbedingungen in vielen Fabriken im Osten, von denen der Westen profitierte – und in denen die Arbeiter unter widrigen Umständen schuften mussten. Auf historischen Tatsachen basiert etwa die im «Tatort» thematisierte Gefährdung der Gesundheit der Arbeiter in den Chlor-Werken in Schkopau durch krebserregende Chemikalien. Da brachten die Ossi-Plattitüden («Wir hatten alle Arbeit») und Ossi-Witze («Der ist ins Ausland gegangen – ins Sauerland») zumindest ein wenig Erheiterung.



Und wie begingen nun Ballauf und Schenk ihr Jubiläum?

Bisweilen sehr herzlich, bisweilen echt unterkühlt: Bauchpinselten sich beide anfangs noch ironisch («Schon wieder einer Meinung. Wir sollten öfter zusammen arbeiten»), log Schenk seinen zu Recht stinksauren Kollegen Ballauf («Ich bin beschissen scheisse drauf!») über seinen Verbleib absichtlich an. Selten stand die hart-herzliche Beziehung beider mehr auf der Probe – besser feiern konnte man den runden Fall der Kölner allerdings auch kaum.

Zugleich wurde mit der Anspielung auf die erste «Tatort»-Folge «Taxi nach Leipzig» auch das Jubiläum der Krimireihe geehrt, während passend Ossi-Kollegin Natalie Förster (Tinka Fürst) ihren Einstand feierte. Einem tat das Ganze indes gar nicht gut: Der bemitleidenswerte Norbert Jütte (Roland Riebeling) wurde gekidnappt und in ein Kellerverlies gesperrt, wo er jämmerlich zu sterben drohte, was der «Tatort» in oft harten Szenen begleitete.

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