Liebe Heidi Abel ...

12.2.2019 - 00:01, Bruno Bötschi

Am 21. Februar würde Heidi Abel, bis anhin der grösste Schweizer TV-Star, den 90. Geburtstag feiern. Aus diesem Grund zeigt das Schweizer Fernsehen ein Porträt – und «Bluewin»-Redaktor Bruno Bötschi schreibt dem Star seiner Kindheit einen Brief.

Heidi Abel prägte das Schweizer Fernsehen bis in die 1980er-Jahre wie kaum eine andere. Sie präsentierte Strassenfeger-Formate wie «Musik & Gäste», aber auch Kinder- und Talksendungen. Ganz besonders beliebt war ihre Sendung «Ein Platz für die Tiere».

Als sie 1954 erstmals als Ansagerin vor der Kamera stand, hatte das Fernsehen erst 4'000 Abonnenten. Ein TV-Gerät kostete damals bis zu 2'000 Franken, was drei Monatslöhnen entsprach. Heîdi Abel war «eine Mischung aus Perfektion und Chaos – bis heute ist sie unerreicht», schrieb der «Blick» einmal treffend.

Viele Schweizerinnen und Schweizer standen unter Schock, als Heidi Abel 1986 im Alter von 57 Jahren an Krebs starb. Der bis anhin grösste Fernsehstar war plötzlich tot.

Am 21. Februar würde sie ihren 90. Geburtstag feiern. Ein idealer Zeitpunkt für ein filmisches Porträt: Im Dok-Film «Heidi Abel – Licht und Schatten einer TV-Pionierin» von Felice Zenoni wird an die verstorbene «First Lady» des Schweizer Fernsehens erinnert – mit unveröffentlichtem Material und Statements von Freundinnen, Berufskollegen und ihrem einstigen Lebenspartner.

Ein guter Moment aber auch für «Bluewin»-Redaktor Bruno Bötschi, 51, einen Brief an Heidi Abel zu schreiben – den grossen Star seiner Kindheit.

Unvergessen und unerreicht

Liebe Heidi Abel

Ich hätte nicht gedacht, dass Sie mich – 33 Jahre nach Ihrem Tod – noch einmal zu Tränen rühren könnten.

Jesses, ich weiss noch, als am 23. Dezember 1986 das Fernsehen die Nachricht «Heidi Abel ist tot» vermeldete, schossen mir die Tränen in die Augen. Ich war fassungslos, total traurig. Es fühlte sich so an, als hätte ich mit 19 eine gute Freundin, eine nahe Verwandte verloren.

Sie gehörten zu meiner Kindheit wie kaum jemand anders vom Fernsehen. Natürlich guckte ich als Teenager auch «Drei Nüsse für Aschenbrödel» oder schaute Tim Thaler zu, wie er um sein Lachen kämpfte. Aber das waren Filme, Ihre Herzlichkeit hingegen war real.

Heidi Abel sucht in der Vorabend-Sendung «Karrussell» Plätze für Tiere (1982).

Video: YouTube

Liebe Heidi Abel, Sie begleiteten mich durch meine Kindheit. Und ich rede jetzt nicht nur von Ihren TV-Auftritten. Als ich ganz klein war, traf ich Sie einmal persönlich in der Waro in Rickenbach TG. Sie verteilten Autogramme. Ich kenne sonst niemanden hierzulande, der in den 1970er-Jahren bereits Autogramm verteilte – ausser unsere Skistars Maite Nadig und Bernhard Russi vielleicht.

Mit grünem Filzstift schrieben Sie auf die Autogrammkarte (ein weisses Stück Halbkarton, Format A5, ohne Porträtbild): «Für Bruno, in Liebe Heidi Abel». Und wissen Sie was? Die Karte hing danach jahrelang in meinem Kinderzimmer an der Wand, direkt neben dem Kopfkissen.

Ach, Frau Abel, Sie wollen endlich wissen, warum Sie mich 33 Jahre nach Ihrem Tod nochmals zu Tränen rühren konnten?

Es passierte vor wenigen Tagen. Ich durfte den Dok-Film «Heidi Abel – Licht und Schatten einer TV-Pionierin» vorab schauen. Während der anderthalb Stunden wurden Erinnerungen wach, viele schöne. Ich erfuhr aber auch einiges über die dunklen Seiten Ihres Lebens – bis ich irgendwann ganz aufgewühlt auf dem Sofa sass und die Tränen über mein Gesicht liefen.

In der ersten «Karambuli»-Sendung war der damalige Bundespräsident Leon Schlumpf zu Gast bei Heidi Abel (1984).

Video: YouTube

Aber keine Angst, ich weinte nicht nur. Ich lachte auch ganz oft, während ich den Film schaute. Etwa, als die Rede war von der Vorabend-Sendung «Karussell». Da suchten Sie Mitte der 1970er-Jahre Plätze für herrenlose Hunde und Katzen. Mal sassen Sie auf dem Stuhl, mal beim Tier auf dem Boden. Sie waren ein Wirbelwind. Sie waren wunderbar. Momoll.

Sie sprachen abwechslungsweise zu den TV-Zuschauern und mit dem Hund: «Wollen wir mit der Kamera zeigen, was für eine lange Wurst du bist?» – «Bärli, jetzt bin ich dir auf den Schwanz getreten, das war im Programm nicht vorgesehen.» Sie waren eine Meisterin der Improvisation und verloren selbst dann die Fassung nicht, als Ihnen der Vierbeiner auf den Rock pinkelte.

Und Ihre Kleider erst! Der Hammer! Total bunt und mit grossen Puffärmeln. Ich musste immer wieder an Lady Diana denken. Die englische Prinzessin war wie Sie ein Objekt der Begierde, wurde gefeiert und verfolgt wie ein Popstar. In der Dokumentation erzählt eine Freundin von Ihnen, wie sehr Sie darunter gelitten haben.

Die Ohren ganz besonders gespitzt habe ich, als Sie über Nachfolger Kurt «Aeschbi» Aeschbacher redeten und darüber, wie die Zusammenarbeit mit ihm schwierig gewesen sei und wie Sie sich oft von ihm übergangen fühlten und ...

Stopp, ich will nicht alles verraten. Nur so viel noch: Ich bin ganz sicher, liebe Heidi Abel, Ihnen würde der Film von Felice Zenoni auch gefallen.

Und jetzt bleibt mir nur noch zu sagen: Danke für die vielen wunderbaren Fernsehstunden. Diese bleiben mir unvergesslich, so wie Sie selbst, Frau Abel.

In Liebe

Bruno Bötschi

«Heidi Abel – Licht und Schatten einer TV-Pionierin» läuft am Donnerstag, 21. Februar, um 20.05 Uhr auf SRF 1. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

Coco – der Engel aus Bern, den die Welt nicht verstand
Performance-Künstlerin, selbstbekennende transsexuelle Anarchistin, Macho-Frau, seelisch Heimatlose, Model, Lieblings-Zielscheibe der Schweizer Boulevardpresse – Coco.
Olivier G. Fatton begegnete Coco im November 1989 zum ersten Mal. Dieser<b> «</b>lichte und doch so schwermütige Engel» faszinierte den Fotografen vom ersten Moment an.
Bei einem Kaffee in einem Berner Schwulenlokal schliessen sie einen fotografischen Vertrag: Coco posiert für ihn und dafür dokumentiert Fatton ihre Geschlechtsanpassung.
Aus dem Pakt wurde eine Liebesbeziehung, in deren Verlauf Fatton zahlreiche Aufnahmen von Coco machte. Intime Porträts, ...
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