Münchner Kommissare lästern über Schweizer «Tatort»-Experiment

1.12.2018 - 18:00, tsha

Nach 80 Fällen nicht mehr die Jüngsten: Batic (Miroslav Nemec, links) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) im aktuellen Fall «Wir kriegen euch alle».
Bild: BR / Hendrik Heiden / Tellux-Film
Batic (Miroslav Nemec, links) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) in Aktion: In «Wir kriegen euch alle» jagen die beiden Münchner Kommissare einen Hightech-Mörder.
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In Würde ergraut: Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, links) und Ivo Batic (Miroslav Nemec), die «Tatort»-Kommissare aus München.
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«Einer Münchner, einer mit Migrationshintergrund. Das hatte es zuvor auch nicht gegeben.» – Miroslav Nemec über die Anfänge des Münchner «Tatort».
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Hat keine Lust auf «verschwiemelten Obskurantenmist»: Udo Wachtveitl.
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Zeitreise: Udo Wachtveitl (links, mit Barbara-Magdalena Ahren) und Miroslav Nemec im Dominik-Graf-«Tatort: Frau Bu lacht» aus dem Jahr 1995.
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Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl sprechen im Interview über 80 Ausgaben des Münchner «Tatort» und einen Schweizer Sonntagskrimi, der ihnen gar nicht gefallen hat.

Kein «Tatort»-Team hat sich durch mehr Sonntagskrimis ermittelt als das Münchner Duo Batic/Leitmayr: Seit 1991 drehen Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl an der Isar, nur Ulrike Folkerts als Lena Odenthal ist schon länger dabei. Doch während die Ludwigshafener Kommissarin in «nur» 67 Filmen zu sehen war, zeigt SRF am Sonntag, 2. Dezember, 20.05 Uhr, den bereits 80. Film der in Würde ergrauten Münchner Kommissarsdarsteller: «Wir kriegen euch alle». Im Interview erzählen Nemec (64) und Wachtveitl (60), warum sie keine grossen Freunde von Experimenten sind, warum sie vom BR keine kostenlosen Schnitzel erwarten dürfen und welche Folgen des «Tatort» sie am liebsten nie gedreht hätten.

80 Mal Münchner «Tatort» – wie spiegelt sich in diesen Filmen die Entwicklung der Stadt wider?

Udo Wachtveitl: Es gibt die Metapher für den «Tatort» als «Bilderbuch der Bundesrepublik». Das finde ich nicht schlecht. Es lässt sich gar nicht vermeiden, dass alles – das Strassenbild, die Mode, bis hin zu den Komparsen – die Stadt so abbildet, wie sie ist. Wenn man unsere Filme in 20 oder 30 Jahren anschaut, wird man viel über die heutige Zeit erfahren.

Miroslav Nemec: Wir thematisieren den Wandel der Stadt immer wieder. In «Aus der Tiefe der Zeit» von Dominik Graf ging es etwa um Wohnungsnot und Bauspekulanten.

Es fällt auf, dass in den letzten Jahren im «Tatort» immer wieder dieselben Themen behandelt werden: die Flüchtlingskrise, Künstliche Intelligenz, zuletzt das Reichsbürger-Milieu ...

Wachtveitl: Es ist ja nicht so, dass der «Tatort» die Themen gesetzt hat, die dann im Land diskutiert werden. Eher umgekehrt. Es liegt in den Genen des «Tatort», dass er versucht, das abzubilden, was die Menschen bewegt.

Nemec: Das war nie anders. Die Themen, die wir behandelt haben, waren immer aktuell. Mal waren es gesellschaftlich-relevante Themen, mal spezifische München-Themen wie das Oktoberfest oder die Eisbachwelle, die im nächsten Jahr im «Tatort» zu sehen sein wird.

Wachtveitl: Unabhängig von der thematischen Ausrichtung hat der «Tatort» aber manch andere Marken gesetzt. Denken Sie daran, was es für einen Aufschrei gab, als Schimanski erstmals aufgetreten ist. Ein Gongschlag für eine neue Generation von Fernsehkommissaren! Das hat das Bild vom etwas drögen, pflichtbewussten deutschen Polizeibeamten erweitert.

Welche Akzente haben Sie selbst gesetzt?

Nemec: Der BR hat zwei junge Hauptkommissare besetzt, was zu dieser Zeit nicht üblich war. Ausserdem waren wir gleichberechtigt, einer Münchner, einer mit Migrationshintergrund. Das hatte es zuvor auch nicht gegeben. Und der Humor – die Dialoge waren anders als zuvor.

Wachtveitl: Bis dahin sah das übliche Schema so aus, dass ein würdiger, älterer Kommissar im Vordergrund steht und um ihn herum die Assistenten arbeiten. Inzwischen ist unser Konzept oft kopiert worden. Weil es zwischen uns keine Rangfolge gibt, prallen die Charaktere in anderer Schärfe aufeinander, als wenn einer der Boss ist.

Gab es unter den 80 Folgen vom «Tatort» Filme, die Sie hinterher bereut haben?

Wachtveitl: Selten. Dass wir in ein Projekt eingestiegen sind, bei dem wir vorher schon wussten, dass es nichts wird, gab es selten. «Wer zweimal stirbt» von 1991 mochte ich nicht.

Nemec: Ne, ne, du mochtest einen anderen nicht.

Wachtveitl: Welchen denn?

Nemec: «Der Gesang der toten Dinge».

Wachtveitl: Furchtbar!

Nemec: Total esoterisch. Die Irm Hermann spielte damals eine Frau, die seherische Qualitäten hatte. Das wurde als bare Münze verkauft. Wir können ja im «Tatort» auch nicht behaupten, dass Globuli jemanden heilen können.

Wachtveitl: Ein «Tatort» soll ein Projekt der Aufklärung sein, im doppelten Sinne. Nicht so ein verschwiemelter Obskurantenmist.

Wann haben Sie gemerkt, dass der Film nichts wird?

Wachtveitl: Relativ früh. Ich habe mich aber verunsichern lassen. Am Ende musste ich zugeben, dass ich Recht hatte (lacht).

In den letzten Jahren gab es immer wieder experimentelle «Tatort»-Ausgaben, etwa die Impro-Versuche in Ludwigshafen oder den Schweizer «Tatort», der ohne Schnitt gedreht wurde ...

Wachtveitl: Es ist nur gut, wenn es gut ist. Dann darf es auch gern ein Experiment sein.

Nemec: Einen «Tatort» in einem Schnitt zu drehen, ist kein ergiebiges Experiment. Ich komme vom Theater, da spielt man zwei, drei Stunden durch. Aber was hat das in einem Film zu suchen? Es steigert die Qualität nicht unbedingt.

Wachtveitl: Mir kommt es vor wie der falsche Sport. Völlig sinnlos. Wenn da einer in den 90 Minuten Film mal schlecht spielt, muss man das trotzdem zeigen, um die Heiligkeit der Grundidee nicht zu verletzen.

Stimmt es, dass Sie noch immer keinen festen Vertrag mit dem BR haben?

Nemec: Ja. Wir haben nur für den jeweils nächsten Fall einen Vertrag.

Wachtveitl: Wir haben keine bezahlten Urlaubstage und keine bezuschussten Schnitzel in der Kantine.

Haben Sie nach 80 Filmen überhaupt noch Lust, oder treten schon Ermüdungserscheinungen auf?

Wachtveitl: Die Leute kennen uns hauptsächlich aus dem «Tatort» und glauben, wir würden sonst nichts machen. In Wirklichkeit beschäftigt uns der «Tatort» dreieinhalb Monate im Jahr.

Nemec: Und der Rest der Zeit ist wirklich kreativ (lacht).

Wachtveitl: Ich freu mich wirklich jedes Mal, wenn ein neues Drehbuch kommt, und frage mich, was die Autoren sich diesmal wieder für uns ausgedacht haben. Ich fühle mich nicht wie in einer Tretmühle und schleppe mich von Wochenende zu Wochenende!

Sehen Sie sich in der Zeit zwischen den Drehs privat?

Nemec: Ja, wir sehen uns schon hin und wieder. Jetzt, wo ich Frau und Kinder habe, ist das weniger geworden. Wir sind früher oft einen trinken gegangen.

Wachtveitl: Das darf er jetzt nicht mehr (lacht).

Nemec: Wenn ich eine Genehmigung einreiche und du auch unterschreibst, dann schon! Meine Frau und seine Freundin kennen sich natürlich auch. Wir waren schon zusammen im Urlaub, kochen hin und wieder zusammen.

Im neuen Film sieht man, wie Sie laut stöhnend einen Baum hochklettern, um einen Verdächtigen zu beschatten. Braucht es diese Selbstironie, jetzt, da Sie älter werden?

Wachtveitl: Ach, Sie meinen, das war Selbstironie? Das war pure Atem- beziehungsweise Körpernot.

Nemec: Wir hatten in unseren Filmen immer sehr ironische Action-Szenen, da wir uns richtige Action gar nicht leisten können. Das kann keiner zahlen.

Werden Sie den 80. Film feiern – oder warten Sie, bis der 100. abgedreht ist?

Nemec: Ich feiere immer, wenn ich einen Film abgedreht habe. Insofern ist das jetzt kein spezieller Grund. Es überrascht mich aber immer wieder, wie viele Filme wir schon gemacht haben. Ein 100. müsste dann aber schon richtig gefeiert werden, oder hast du da schon einen Termin, Udo?

Wachtveitl: Klar feiern wir das. Ich bastle dir eine Tapferkeitsmedaille aus Kerzenwachs, dass du es so lange mit mir ausgehalten hast.

Der «Tatort: Wir kriegen euch alle» läuft am Sonntag, 2. Dezember, um 20.05 Uhr auf SRF 1. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

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