Schweizer Klima-Experte Stocker: Forschen bei minus 40 Grad

Von Carlotta Henggeler

7.7.2019

Thomas Stocker gehört zu den weltweit renommiertesten Klimaforschern. SRF-Filmemacher Simon Christen hat ihn nach Grönland begleitet, wo sein Team Eisbohrkerne für Klimaveränderungsmodelle gewinnt. 

War der heisse Sommer 2018 nicht einfach schön, und ist jener in 2019 nicht auch bloss ein Grund zur Freude mit Schwimmbadbesuchen und Grillabenden? Oder ist es vielmehr jeweils ein Weckruf, der nicht ungehört verhallen darf, ein Vorbote, was in Zukunft vermehrt auf uns zukommen könnte – Stichwort Klimaerwärmung?

Auf der Suche nach Antworten

Solche Fragen sollen Klimaforscher beantworten. Wissenschaftler wie Thomas Stocker, Professor am Physikalischen Institut der Universität Bern – er leitet dort die Abteilung für Klima- und Umweltphysik.

SRF-Reporter Simon Christen hat Stocker nach Grönland begleitet, wo dessen Team Eisbohrkerne gewinnt. «Das ist ein einmaliges Klimaarchiv», sagt Stocker und doppelt nach: «So können wir die Zusammensetzung der Atmosphäre, die Konzentration der Treibhausgase, sogar die natürlichen Klimaschwankungen der letzten 100'000 Jahre messen». Das alles helfe, vergangene und zukünftige Klimaveränderungen zu modellieren.

«Bluewin» hat mit SRF-Reporter Simon Christen über die gefährliche Dokumentarfilm-Mission in Grönland gesprochen.

Haben Sie diese Reportage gedreht, weil Ihnen das Thema so am Herzen liegt?

Meine persönlichen Interessen und Präferenzen spielen bei der Themenwahl eine untergeordnete Rolle. Ich fand das Thema Klimawandel aktuell und relevant. Und Thomas Stocker ist zweifellos einer der weltweit renommiertesten Klimaforscher. Eine aktuelle und relevante Geschichte mit einem hochkarätigen Protagonisten – das ist eine ideale Mischung für uns.

Sie haben Thomas Stocker nach Grönland begleitet. Was hat Sie vor Ort am meisten verblüfft?

Es war mein erster Dreh bei minus 40 Grad. Diese Art von Kälte war eine ganz neue Erfahrung für mich. Aber die karge, menschenabweisende Landschaft hat mich fasziniert: Diese endlosen, wüstenähnlichen Schnee- und Eislandschaften. Und die Wissenschaftler aus aller Welt, die dort monatelang isoliert in einer kleinen Forschungsstation arbeiten, haben mich beeindruckt.

Bei diesen Bedingungen ist ein Dreh ist kein Zuckerschlecken. Und dann die herumstreunenden Eisbären …

Ja, es ist eine Herausforderung, eine Kamera zu bedienen, wenn man Handschuhe tragen muss, damit einem die Finger nicht abfrieren. Gleichzeitig musste ich die Kamera mit Tüchern einwickeln, damit der Akku vor der Kälte geschützt ist. Sonst besteht die Gefahr, dass er sich sehr schnell entlädt. Dazu kommt die Frage der Sicherheit. Eisbären sind eine reale Gefahr. Darum hatten wir immer jemanden mit einer geladenen Waffe dabei.

Thomas Stocker ist Professor am Physikalischen Institut der Universität Bern. Was ist Professor Stockers Meinung: Wie schlimm steht es um unseren Planeten?

Thomas Stocker war mir gegenüber zurückhaltend mit Wertungen. Diese überlasse er Politikern und Bürgern. Er sei Wissenschaftler und erarbeite Grundlagen für Entscheidungen. Dann sei es an unserer Gesellschaft, sich zu fragen: 'Wo wollen wir hin?'

Haben Sie sich nach dieser Reportage mehr Gedanken über die Klimaveränderung gemacht?

Es war interessant, mit Menschen zu reden, die erzählten, ihre Lebensumstände hätten sich in den vergangenen Jahren stark verändert infolge des Klimawandels. Natürlich fragt man sich dann, ob und wie sich das eigene Leben und das Leben unserer Kinder in den kommenden Jahren und Jahrzehnten entwickeln wird.

Thomas Stocker wollte den Vorsitz der IPCC einnehmen (Intergovernmental Panel on Climate Change). Doch dazu kam es nicht. Stocker ist eine umstrittene Person. Hat Sie das zusätzlich gereizt?

Bei uns stehen Menschen und ihre Geschichten im Vordergrund. Thomas Stocker ist nicht nur einer der weltweit renommiertesten Klimaforscher, sondern auch eine interessante Persönlichkeit mit vielen Facetten. Das machte ihn zum idealen Protagonisten für uns.

Sind weitere Reportagen in diese Richtung geplant?

Der Klimawandel und seine Folgen sind und bleiben aktuell und relevant. Darum werden wir sicher weiter Geschichten erzählen, die damit zu tun haben. Konkrete Projekte sind aber momentan nicht in der Pipeline.

Simon Christen war für eine neue Reportage unterwegs. Das Interview wurde schriftlich geführt.

«Der Klimaforscher – Reporter Sélection» läuft Sonntag, 7. Juni, um 21.30 Uhr auf SRF 1. Mit Swisscom Replay TV können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

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