So war das Debüt der Kieler «Tatort»-Kommissarin Almila Bagriacik

tsch

2.9.2018

Es passte nicht alles zusammen im geflickschusterten Kieler «Tatort»-Debüt von Ermittlerin Mila Sahin (Almila Bagriacik). Ob sie mehr als ein Sidekick von Platzhirsch Borowski (Axel Milberg) werden kann, müssen weitere Fälle beweisen.

Man sah es Almila Bagriacik ein wenig an, dass ihr Debüt als «Tatort»-Kommissarin Sahin an der Seite Klaus Borowskis (Axel Milberg) erst spät ins Drehbuch hineingeschrieben wurde. Dann nämlich, als der Plot bereits feststand. So blieb «Borowski und das Haus der Geister» trotz der famosen 28-Jährigen - bekannt aus dem preisgekrönten NSU-Film «Die Opfer - Vergesst mich nicht» - eine weitere skurrile Soloshow des exzentrischen Ostsee-Kommissars. Diesmal hexelte man für ihn das Gothic-Genre, französische Befindlichkeitsfilme und Inspektor Columbo im Milberg-Mixer.

Worum gings?

Kommissar Borowski (Axel Milberg) wurde von seinem fast erwachsenen Patenkind Grete (Emma Mathilde Flossmann) in ein sommerliches Landhaus gerufen. Die Mutter des Mädchens, eine Freundin Borowskis, war dort vor Jahren verschwunden. Des Mordes verdächtig wurde der Ehemann und Vater Gretes sowie ihrer Schwester Sinja (Mercedes Müller). Nachweisen konnte man Bestsellerautor Frank Voigt (Thomas Loibl) jedoch nichts. Stattdessen litt dessen neue Frau Anna (Karoline Schuch) an Gruselvisionen. Inszeniert, eingebildet oder echt? Das war die Frage. Bei einem «Tatort» des Jahres 2018 kann auch Letzteres nicht ausgeschlossen werden.

Was sollte das Ganze wirklich?

Borowski neuer Fall war, vorsichtig formuliert, recht heterogen. Autor Marco Wiersch, der mit Regisseur Kilian Riedhof 2015 den überragenden deutschen Politthriler «Der Fall Barschel» schrieb, versuchte sich an einem Mix aus Gothic (nicht so gelungen, das sah eher nach Mummenschanz aus!), französischen Landhaus-Dialogfilmen der Marke Eric Rohmer (ging so, immerhin wurde ein Chanson im Garten gesungen) und den skurrilen Verhör-Versteckspielen des legendären Inspektor Columbo. Im letzten Bereich punkteten Axel Milberg und der - überzufällig oft als hintergründiger Bösewicht besetzte - Thomas Loibl.

Wie war die neue Kommissarin?

Almila Bagriacik, gerade einmal 28 Jahre alt, ist eine bezaubernde Instinktschauspielerin. Im anrührenden, ja brillanten NSU-Film «Die Opfer - Vergesst mich nicht» gab sie die Tochter des ersten Opfers der rechten Terrorzelle, Semiya Simsek. Hier, das sah man dem Film leider an, wurde sie als aus Berlin zugezogene Mila Sahin eher mit der Kneifzange ins Drehbuch operiert. Tatsächlich war der Film weitgehend fertiggeschrieben, als Bagriacik sich im Casting für die neue Kommissarinnenrolle durchsetzte. Wie stark sie an der Seite des traditionell raumgreifenden Axel Milberg aufzuspielen vermag, werden weitere Fälle zeigen.

Wie blutig war die Folge?

Nicht besonders. Verglichen mit «Borowski und das Fest des Nordens», einem der härtesten, aber auch besten «Tatorte» des Kalenderjahres 2017, wusch der neue Film im Schongang. Gothic, zumal wenn so konservativ inszeniert wird wie hier, ist eben nicht Splatter. Von hartem Bilder-Realismus ist das Genre ohnehin weit entfernt. Dass es in französischen Landhäusern, auch wenn sie nahe Kiel liegen, eher psychologisch perfide als körperlich grausam zugeht, dürfte bekannt sein. Zudem ging es auch bei Columbo nie sonderlich brutal, sondern höchstens charakterlich böse zu. Diesen «Tatort» konnten auch zartere Gemüter vertragen.

Warum gruselt es in letzter Zeit überall?

Ja, Grusel ist derzeit ein gerne zitiertes oder offen nachinszeniertes Filmgenre, das man eigentlich in den 70ern als beerdigt ansah. Der Frankfurter «Tatort: Fürchte dich» huldigte bereits im Herbst 2017 - mit härteren Bandagen - dem Genre. Auch Sat.1 entschied sich mit der Event-Verfilmung von «Das Nebelhaus» im November 2017 für Gothic-Grusel. Wie schon in der Weimarer Republik, als der bis heute gefeierte expressionistische Gruselfilm entstand, glaubt man auch 2018, dass sich eine diffuse Angst der Gesellschaft in der Popularität von Gruselstoffen zeigt.

Wie gut war der neue «Tatort» aus Kiel?

Die Elemente passten nur hakelnd zusammen, die Gruselszenen von Regisseur Elmar Fischer («Unterm Radar») sahen ein wenig nach Kinderkanal aus. Dennoch hatte «Borowski und das Haus der Geister» seine Momente. Milberg und Loibl als Dialog-Kontrahenten mit grossem Ego an einer französischen Landhaus-Tafel, dazu ein trauriges Chanson von Katharina Schuch alias vom Grusel geknechtete Ehefrau - man schaute amüsiert zu. Ebenso wie dem spontanen Tänzchen Borowskis und seiner neuen Partnerin Sahin auf einem sommerlich-schwülen Parkdeck. Kein grosser Wurf, dieser neue Fall aus Kiel - aber aufgrund einiger schöner Momente und eines bestens aufgelegten Milberg auch keineswegs verschwendete Zeit.

Der neuste «Tatort» lief am Sonntag, 2. September, um 20.05 Uhr auf SRF 1. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

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