Was am Luzerner «Tatort» gefiel - und was nicht

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5.8.2018

Ungewöhnliche Form, durchschnittlicher Inhalt: Der Luzerner «Tatort: Die Musik stirbt zuletzt» war ambitioniert, aber etwas unausgegoren.

Der «Tatort» ist aus der Sommerpause zurück: In nur einer Einstellung schickte der Schweizer Regisseur Dani Levy («Alles auf Zucker!») die beiden Luzerner Ermittler Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) durch einen neuen Fall, der nicht nur inhaltlich einige Fragen aufwarf. Wie schaffte es Levy, seinen Film in nur einem Rutsch zu drehen, ganz ohne Schnitt?

Worum gings?

Millionär und Mäzen Walter Loving (Hans Hollmann), ein gebrechlicher alter Mann, hatte ins Kultur- und Kongresszentrum Luzern zum Benefizkonzert eingeladen. Es spielte das argentinische Jewish Chamber Orchestra, auf dem Programm standen Werke jüdischer Komponisten, die von den Nazis ermordet wurden. Als einer der Musiker nach wenigen Takten hinter die Bühne kroch und röchelnd zusammenbrach, übernahmen die Kommissare Liz Ritschard und Reto Flückiger die Ermittlungen. Der Mann wurde offenbar vergiftet.

Worum gings wirklich?

Dass Loving Dreck am Stecken hat, ahnte man schnell. Konkret wurde es aber erst gegen Ende des Films. «Check die Bergier-Berichte», raunte Ritschard ihrem Kollegen Flückiger zu. «Es gab im Zweiten Weltkrieg eine Anzahl Intermediäre, die Geschäfte mit Juden gemacht haben. Um sie zu retten.»

Einer dieser Mittelsmänner war Loving, was er auch unumwunden zugab. «Ich bekenne mich schuldig», erklärte er. «Ich habe von Menschen Geld bekommen, um sie zu retten. Das Geld habe ich für gefälschte Papiere - sogenannte Arisierungen - und Fluchthelfer verwendet. Meine Provision war 30 Prozent.» Doch diesem «Tatort» ging es nicht nur um die Aufarbeitung eines Stücks Schweizer Geschichte. Der Bezug zur heutigen Weltlage, in der mehr Menschen als je zuvor auf der Flucht sind und wieder mithilfe von Intermediären, die man heute Schlepper nennt, ihre Rettung suchen - er war mehr als offensichtlich.

Wie wurde der «Tatort» gedreht?

Für seinen «Tatort» hat sich Regisseur Levy (lesen Sie hier auch das «Bluewin»-Interview) ein grosses Vorbild gesucht: Alfred Hitchcock. 1948 hatte Hitchcock «Cocktail für eine Leiche» in nur einer Einstellung gedreht, wobei der Starregisseur seinerzeit tricksen musste: Er konnte nicht länger als zehn Minuten am Stück drehen, weil die Filmrollen nicht länger waren. Also behalf sich Hitchcock mit «unsichtbaren Schnitten», die die Illusion einer einzigen, 80-minütigen Kamerafahrt simulierten. Levy konnte nun dank Digitaltechnik in einem Rutsch drehen.

Einfach war das dennoch nicht: «Die grösste Herausforderung war es, den kompletten 90-minütigen Film mit allen Dialogen, Bewegungen und Abläufen im Kopf gespeichert zu halten», erklärt Kameramann Filip Zumbrunn. Gedreht wurde der Luzerner «Tatort» Mitte Juli 2017, und das gleich viermal, zweimal auf Schweizerdeutsch und zweimal auf Hochdeutsch. Gesendet wurde jeweils die «beste» Version. Wir waren übrigens beim Dreh dabei.

Als Statistin beim «Tatort»-Dreh

Welchen historischen Hintergrund hatte der Film?

Im Jahr 2002 untersuchte der Bergier-Bericht, den Ritschard erwähnt, wie die Schweiz während der Zeit des Zweiten Weltkriegs mit Flüchtlingen umging und wie in diesen Jahren Vermögenswerte in das Land flossen. Der Bericht zeigte auf, dass die Schweiz ihre Grenzen für jüdische Flüchtlinge dicht gemacht und sich an ihren Vermögen bereichert hatte. Der Bericht nennt ausserdem die Zahl von 20'000 Flüchtlingen, die an den Grenzen abgewiesen wurden - obwohl der Regierung bewusst war, dass zurückgeschickten Juden der Tod drohte. Schweizer, die Juden bei der Flucht halfen, wurden bestraft und erst Jahrzehnte später rehabilitiert.

Wie waren die Ermittler in Form?

«Nicht Perfektion ist das Ziel, sondern das Unplanbare», erklärte Delia Mayer über die ungewöhnlichen Dreharbeiten. «Es ist Improvisationsvermögen gefragt, um auf alles zu reagieren, intuitiv zu erfinden, um sich und die anderen zu überraschen.» Dass nicht alles immer perfekt geklappt hat, merkte man diesem «Tatort» an. Schlimm war das aber nicht, im Gegenteil. Ebenso sympathisch übrigens war das Auftreten der Kommissare: Sie im Abendkleid, er in Flip-Flops mit drei Bier intus und dem Sohn der Freundin im Schlepptau.

Wie geht es weiter mit dem Luzerner «Tatort»?

Im kommenden Jahr sollen noch zwei Folgen aus Luzern gezeigt werden, dann verabschieden sich die beiden Ermittler Ritschard und Flückiger von den Bildschirmen. Die Schweiz bleibt allerdings Teil der «Tatort»-Landkarte; ermittelt werden soll zukünftig in Zürich

Wie war der «Tatort»?

Vor allem am Anfang erzeugte der «Tatort» einen gewaltigen Sog, dem man sich nur schwer entziehen konnte. Satte 35 Minuten dauerte es dann aber, bis das Ermittlerteam komplett vor Ort war. Leider hielt «Die Musik stirbt zuletzt» schon da das rasante Anfangstempo nicht mehr durch.

Auch packte Regisseur Levy (der auch das Drehbuch schrieb) etwas zu viel in seinen Sonntagskrimi: Was etwa sollte die nervige Meta-Ebene, in der Franky Loving (Andri Schenardi) über das Wesen des «Tatorts» philosophierte? Inhaltlich hetzte Levys Film seiner aussergewöhnlichen Form etwas hinterher. Trotzdem: ein spannendes Experiment!

Der Luzerner «Tatort» lief am Sonntag, 5. August, um 20.05 Uhr auf SRF 1 in Schweizerdeutsch und um 20.15 Uhr auf Hochdeutsch in der ARD. Mit Swisscom TV Replay können Sie Sendungen bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

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