Serienkritik Superhelden-Satire will Blut sehen – das von weissen Rassisten

Von Fabian Tschamper

24.9.2020

Amazon hat heimlich einen unfassbaren Hit gelandet: «The Boys» ging nun in die zweite Staffel. Die Saga um diabolische Superhelden macht keine halben Sachen – ausser Schädel, die gespalten werden.

Spät in der zweiten Staffel von Amazon Primes «The Boys» verheddert sich ein Charakter in einer Lüge, wird ertappt und spricht dabei eine unangenehme Wahrheit aus. Der Kommentar ist nicht überbetont; es gibt keine dramatische Pause und er beeinflusst auch die Handlung nicht grossartig – und doch steht er für viel mehr als nur diesen einen Moment in der Serienrealität.

«Die Leute lieben, was ich zu sagen habe, sie glauben daran. Sie mögen das Wort ‹Nazi› einfach nicht.»



Natürlich bleiben wir hier spoilerfrei. Doch genau aus diesem Zitat kristallisiert sich, was diese Superhelden-Satire so ehrgeizig und erfolgreich macht. Während in der ersten Staffel noch «Corporate America», die gierige Geschäftswelt, im Fokus stand, richten sich die Laseraugen diesmal auf das unheilige Triumvirat des Amerikas des 21. Jahrhunderts: Social Media, eine verängstigte Bevölkerung und Raubtiere an der Macht.

Hollywood ist heute noch von veralteten und diskriminierenden Klischees durchzogen. «The Boys» wirkt dem entschieden entgegen: Hier legt hauptsächlich der wütende weisse Mann rücksichtsloses Verhalten an den Tag. Dem darf lautstark applaudiert werden – solange man nicht zu zart besaitet ist. Meist endet es knochenbrechend.

Die «The Boys» zugrunde liegende Story lässt sich wie folgt umreissen (Achtung, ab hier folgen Spoiler):

In der ersten Staffel versucht der Protagonist und notorische Superhelden-Hasser Billy Butcher (Karl Urban), den Tod seiner Frau zu rächen. Sie wurde vom obersten Macker der Übermenschen, Homelander (Anthony Starr), vergewaltigt und getötet – vermeintlich. Gegen Ende der ersten Staffel muss Butcher feststellen, dass seine Frau noch lebt – und widerwillig den Sohn von Homelander aufzieht.

In der zweiten Staffel versucht Butcher nun also, den Aufenthaltsort seiner Geliebten auszumachen – mit der Hilfe von Frenchie (Tomer Kapon), Hughie (Jack Quaid) und Mother's Milk (Laz Alonso).

In acht Episoden liefert «The Boys» viele Überraschungen – unerwartet und mit übertriebenem Blutvergiessen. Die Satire liefert grossartige Unterhaltung mit nach wie vor brillanten Figuren. Besonders stark geschrieben sind die Superhelden und ihre nur allzu menschlichen Motive. Schauspielerisch stiehlt Oberbösewicht Homelander allen die Show. Anthony Starrs Performance des Superhelden, der mit gespaltener Zunge spricht, hätte einen Emmy mehr als nur verdient.

«The Boys» ist auf Amazon Prime Video abrufbar.

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