TV-Kritik: Wenn ein Zürcher über Bündner bestimmt

Lukas Rüttimann

12.11.2018

Er redet gern, er redet viel, und er kann nerven. Doch Christian Jenny ist auch einer, der bestens unterhält. «Reporter» auf SRF 1 unterstrich das mit Nachdruck.

Es ist eine der grossen Polit-Sensationen des Jahres, und manch einer hat sie noch gar nicht mitgekriegt: Ab nächstem Jahr hat der Bündner Nobelkurort St. Moritz mit Christian Jenny einen Gemeindepräsidenten aus dem Unterland. Einen Zürcher Luftikus, der nicht wirklich viel Ahnung vom politischen Tagesgeschäft hat, der den Bewohnern aber versprochen hat, dem Dorf «seine Seele» wieder zurückzugeben.

Nicht nur deshalb polarisiert «Christian Jott Jenny», wie sich der 40-Jährige gern selber vorstellt. Der Kulturmanager vereint auch viele jener Eigenschaften, mit denen Zürcher in der Restschweiz gern in Verbindung gebracht werden. Und das nicht unbedingt im positiven Sinne. Denn Jenny kann arrogant, fordernd, nervig, umtriebig, genial, getrieben, frech, selbstverliebt, chaotisch und naiv sein – was er alles unterschreiben würde, wie er in einem Podiumsgespräch noch vor seiner Wahl schmunzelnd zugibt.

Alles nur nicht langweilig

Eines ist Jenny zum Glück nicht: langweilig. Der Musiker, Organisator und Hansdampf in allen Gassen mag sich etwas gar gern reden hören, und seine Vorliebe für Kameras und Mikrofone sind seit über 20 Jahren wohl dokumentiert. Aber der Sohn eines Professors und einer Musiklehrerin ist auch einer, der antreibt, Dinge bewegt, Leute vor den Kopf stösst und damit etwas auslöst. Das kommt der «Reporter»-Sendung von Reto Brennwald zugute, die den etwas unpassenden Untertitel «Ein Tenor in S. Moritz» trägt. «Ein (un)geliebter Zürcher im Bündner Establishment» hätte es besser getroffen.

Toll etwa die Momente, in denen sich gestandene (SVP)-Politiker über die Provokationen Jennys im Wahlkampf beklagen. Fast schon bewegend die Reaktion des damals noch amtierenden Präsidenten Sigi Asprion, der bei der Bekanntgabe der Kandidatur Jennys noch halb belustigt meint, das habe ihm «die Ferien versaut», später aber sichtbar gezeichnet merkt, dass der parteilose Zürcher tatsächlich eine Chance hat.

Im wohl besten Moment der Reportage muss er ihm per Telefon sogar zum Sieg gratulieren und somit die eigene und besonders schwer wiegende Niederlage eingestehen. «Diesen Teil hasse ich an diesem Geschäft», sagt Jenny spürbar betroffen in die Kamera – und der Zuschauer nimmt es ihm ab.

Ein hübscher Vorgeschmack

Tatsächlich war Jennys Wahl eine Sensation, und selbst die Macher der Reportage scheinen nicht recht daran geglaubt zu haben. Wirklich in die Tiefe dieses Polit-Phänomens geht der Film aber nicht, was auch am Format liegt: Hinter Jennys Aufstieg zum Präsidenten einer der bekanntesten Gemeinden des Landes versteckt sich jedenfalls Stoff für weit mehr als 25 Minuten. Dass der Zuschauer am Schluss den Wunsch nach mehr verspürt, dürfen die Macher aber auch als Kompliment werten.

So gilt für die Reportage «Christian Jott Jenny – Ein Tenor für St. Moritz» das Gleiche wie für seinen Protagonisten: Sie ist ein schönes Amuse-Bouche, quasi ein Vorgeschmack auf den eigentlichen Hauptgang. Auf diesen darf man denn auch ganz besonders gespannt sein – was sowohl für Jennys Leistungen als Gemeindepräsidenten in St. Moritz als auch für den im Beitrag bereits angedeuteten filmischen Nachzug gilt.

«Reporter: Christian Jott Jenny – ein Tenor für St. Moritz» lief am Sonntag, 11. November, um 21.50 Uhr auf SRF 1. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

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