Kletterer besteigt ungesichert Hochhaus Wenn er fällt, stirbt er – und die Welt schaut in Echtzeit dabei zu

Noemi Hüsser

16.1.2026

Alex Honnold in Taipei, Taiwan. Im Hintergrund das Hochhaus, das er am 23. Januar erklimmt.
Alex Honnold in Taipei, Taiwan. Im Hintergrund das Hochhaus, das er am 23. Januar erklimmt.
Corey Rich / Netflix

Am 23. Januar will der Kletterer Alex Honnold ungesichert auf den Taipei 101 in Taiwan klettern – live vor einem Millionenpublikum. Es stellen sich die Fragen: Wie viel Risiko darf ein Mensch eingehen? Und wer entscheidet darüber?

Noemi Hüsser

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Der US-Kletterer Alex Honnold will am 23. Januar den 508 Meter hohen Taipei 101 als Erster ungesichert («free solo») erklimmen – live übertragen auf Netflix.
  • Obwohl Experten das Risiko aufgrund Honnolds akribischer Vorbereitung als kalkulierbar einstufen, bleibt die Aktion wegen der extremen Konsequenzen umstritten.
  • Die zentrale Frage bleibt, ob ein solch lebensgefährlicher Aufstieg überhaupt live inszeniert werden sollte – und wo genau die Grenze zwischen sportlichem Wagnis und medialer Verantwortung verläuft.

Für die meisten Menschen ist der Taipei 101 in Taiwan ein Bürogebäude. Für den französischen Kletterer Alain Robert wurde er zu einer 508 Meter hohen Wand, die es zu bezwingen galt.

Als das damals höchste Gebäude der Welt 2004 eröffnet wurde, kletterte Robert – alias «Spider-Man» – die Fassade des Gebäudes hoch. Vier Stunden brauchte er dafür.

Heute ist der Taipei 101 längst nicht mehr das höchste Gebäude der Welt, doch er bleibt eine Wand, die es zu bezwingen gilt. Der US-amerikanische Kletterer Alex Honnold wird die 101 Stockwerke am 23. Januar hochklettern. Er will der Erste sein, der das Gebäude «free solo» klettert. Das heisst: ungesichert. Ohne Seile, die ihn bei einem Sturz auffangen könnten. Und Millionen werden dabei zusehen. Der Aufstieg wird live auf Netflix unter dem Titel «Skyscraper Live» gestreamt.

Auf die Frage, warum er das wolle, konterte er kürzlich in einem Interview: «Warum nicht?»

Alain Robert kletterte im Jahr 2004 auf den Taipei 101. Wegen Regen war er gesichert.
Alain Robert kletterte im Jahr 2004 auf den Taipei 101. Wegen Regen war er gesichert.
Keystone

Der 40-jährige Kletterer ist bekannt für das Free-Solo-Klettern. Zum Klettern kam er als Kind, als seine Eltern ihn in eine Kletterhalle schickten, weil er ständig auf Bäumen und Steinen rumturnte. Später brach er sein Studium ab, um ganz aufs Klettern zu setzen. Zehn Jahre lang lebte er daraufhin in einem Van und tourte von Kletterort zu Kletterort, um dort die Felsen zu erklimmen.

Ausserhalb der Szene berühmt wurde Honnold, als er 2017 den El Capitan, einen Fels im Yosemite-Nationalpark im US-Bundesstaat Kalifornien, ungesichert bestieg und sich dabei filmen liess. Der Film «Free Solo» holte 2019 den Oscar als bester Dokumentarfilm. Es ist ein Film, der sich kaum schauen lässt, ohne schwitzige Hände zu bekommen. Ohne nervös zu werden, ob er es tatsächlich schaffen wird – auch wenn man eigentlich schon weiss, dass er es tut.

Und jetzt also ein Hochhaus. Einen Wolkenkratzer hochzuklettern sei für Honnold immer schon ein Traum gewesen, erzählt er im Trailer zu «Skyscraper Live». Doch ohne Bewilligung seien solche Dinge schwierig. Nun, mit Netflix im Rücken, kam die Bewilligung – und dem Aufstieg steht nichts mehr im Weg.

«Das klingt wie eine sehr schlechte Idee» 

Doch seit der Ankündigung der Aktion erhält Honnold in den sozialen Medien nicht nur Unterstützung dafür. «Das klingt wie eine sehr schlechte Idee», schreibt jemand in den Kommentaren. Und jemand anderes: «Warum wird das live übertragen? Damit alle mit angehaltenem Atem zuschauen können, um herauszufinden, ob seine Töchter an diesem Abend einen Vater haben werden?»

Die Diskussion lässt sich auf drei Fragen reduzieren: 1. Wie hoch ist das Risiko dieser Aktion wirklich? 2. Auch wenn Honnold den Aufstieg schaffen kann, trägt er doch eine gewisse Verantwortung – nicht nur für sich, sondern auch für seine Ehefrau und Kinder? Und 3. Darf man das filmen und live streamen?

«Free-Solo-Kletterer werden oft als Wahnsinnige oder als lebensmüde dargestellt. Das sind sie aber nicht.»

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Stephan Siegrist

Schweizer Kletterer und Alpinist

Zu Frage 1 muss man wissen: Alex Honnold handelt nicht unreflektiert oder leichtfertig. Er weiss, was er kann und was nicht. Beim Free-Solo-Klettern geht er nicht ans Limit. «Es ist nicht so, als würde ich mich pushen und pushen, bis etwas Schlimmes passiert», sagt er im Dokumentarfilm. Das Risiko, abzustürzen, sei sehr gering – auch wenn die Konsequenzen sehr hoch seien. «Es ist einer der Reize des Free Soloing: Etwas, das schwierig und gefährlich erscheint, so zu gestalten, dass es sich sicher anfühlt.»

Für Honnold hat das mit einem Ideal zu tun. «Wenn du nach Perfektion suchst, kommst du dem beim Free Soloing am nächsten», sagt er. Er meint damit einen Zustand totaler Konzentration und Kontrolle.

«Honnold ist ein Spitzenathlet», bestätigt der Schweizer Kletterer und Alpinist Stephan Siegrist. Er erklärt: «Free Soloing braucht viel Vorbereitung. Man klettert die Route zuerst x-mal mit einem Seil, dann klopft man alle Griffe ab, um zu sehen, ob sie stabil sind. Erst dann klettert man ungesichert hoch.» Darum sei das Risiko beim Free Soloing gar nicht so immens hoch, wie man im ersten Moment annehme. 

«Free-Solo-Kletterer werden oft als Wahnsinnige oder als lebensmüde dargestellt. Das sind sie aber nicht», sagt Siegrist. Sie seien sehr überlegt und seriös. Und gerade bei so einer medial inszenierten Aktion, werde sich Honnold sehr sicher sein, dass ihm der Aufstieg gelingen werde.

Honnold kann den Aufstieg zu Hause üben

Selbst Alain Robert, der 2004 auf das Hochhaus geklettert ist, traut Honnold den Aufstieg zu. Der französische Kletterer ist ein Pionier des Free Soloing an Hochhäusern. Bis heute beklettert er Wolkenkratzer ohne Sicherung. Beim Taipei 101 war er allerdings angeseilt. Weil es regnete und Wind hatte, zog er sich teilweise an den Seilen hoch. Für ihn hat das Hochhaus auf einer Skala von 1 bis 10 eine Schwierigkeit von 5,5 bis 6. «Ich glaube, dass es für Alex keine grosse Herausforderung sein wird», schrieb er auf Instagram.

Für Honnold wird der Taipei 101 das erste Hochhaus. Normalerweise klettert er an Felsen. Im Gegensatz dazu ist es viel monotoner, eine Gebäudefassade hochzuklettern. Während sich in der Natur die Felswand und damit die Griffe, die man anwenden muss, immer wieder ändern, wiederholt man an einer Gebäudewand immer wieder den gleichen Griff. «Das kann zwar ermüdend sein, aber Honnold wird dafür sehr gut abschätzen können, was ihn erwartet», sagt Siegrist. Honnold könne die Griffgrösse sogar zu Hause üben, um seinen Körper optimal darauf einzustimmen.

«Du musst dafür sorgen, dass du stirbst, wenn du abstürzt»

Alex Honnold

Free-Solo-Kletterer

Doch Fehler können passieren. Das weiss auch Alex Honnold. Obwohl es keine offizielle Statistik gibt, ist bei Free Soloing auf etwas Verlass: Wer fällt, stirbt. 1913 Paul Preuss, 1987 Jimmy Jewell, 1993 Derek Hersey, 2009 John Bachar – Namen, die das Free Soloing geprägt haben, sind auch dabei gestorben.

Und weil es sein könnte, dass er einmal fällt, klettert er, so sagt es Honnold selbst, nur hohe Wände. «Du musst dafür sorgen, dass du stirbst, wenn du abstürzt.» Seine grösste Angst ist es, bei einem Sturz nicht zu sterben, sondern seinen Körper so zu verletzen, dass er nicht mehr klettern kann.

Die Präsenz des Todes gehört zum Klettern, wie zum Bergsteigen, dazu. «Wir gehen dorthin, wo wir umkommen könnten, um nicht umzukommen», sagte Bergsteigerlegende Reinhold Messner zuletzt 2024 in einem Interview. Es sei das Risiko, das das Bergsteigen und Klettern erst zum Bergsport macht, und nicht zum Tourismus.

Er wird das Klettern immer über eine Frau stellen

Messners Haltung teilen viele in der Szene: Das Risiko ist da – es ist sogar Teil des Reizes – und zugleich Teil einer Entscheidung. Und genau hier setzt die zweite Frage an: Auch wenn Honnold klettern kann wie kein anderer, und wahrscheinlich sogar ziemlich locker den Taipei 101 erklimmen wird, trägt er nicht eine Verantwortung, die über ihn selbst hinausgeht? Im Gegensatz zu 2017, als er den El Capitan free solo bestieg, ist er jetzt verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Es deswegen nicht zu tun, kommt für Honnold aber gar nicht infrage. Er würde das Klettern immer über eine Frau stellen, sagt er in «Free Solo». Im Film gibt es eine Szene, in der er sagt, dass er mit Free Soloing aufhören würde, wenn er seine Lebensspanne maximieren wollte. Als seine Frau – damals noch Freundin – ihn fragt, ob er aus Rücksicht auf sie dafür keine Verpflichtung fühle, verneint er.

Der Taipei 101 hat 101 Stockwerke und ist 508 Meter hoch.
Der Taipei 101 hat 101 Stockwerke und ist 508 Meter hoch.
Corey Rich / Netflix

Für Honnold ist klar: Wer mit ihm zusammen ist, muss damit rechnen, dass er an einer Wand sterben wird. Das weiss seine Frau, die im Trailer zu «Skyscraper Live» schlicht sagt: «So ist Alex nun einmal.»

Damit sind wir bei der dritten Frage: Dass Honnold free solo klettert, ist nicht neu – neu ist, dass man dabei live zuschauen kann. Und was passiert, wenn eine persönliche Grenzerfahrung wie Free Soloing zum globalen Live-Event wird?

Schon die Filmemacher von «Free Solo» rangen mit diesem Dilemma. «Ich war immer hin- und hergerissen, einen Film über Free Soloing zu drehen, einfach weil es so gefährlich ist», erzählt Macher Jimmy Chin im Film. «Es ist schwer, sich nicht vorzustellen, wie dein Freund etwas extrem Gefährliches klettert, und er aus dem Bild fallen und zu Tode stürzen könnte. Und du machst noch einen Film darüber, was ihn unter unnötigen Druck gesetzt haben könnte.»

Die Frage nach der Grenze lässt sich nicht einfach lösen

Wie Siegrist erklärt, kann das Filmen tatsächlich zusätzlichen mentalen Druck erzeugen: «Alex will ja nicht als Loser dastehen, es muss funktionieren.»

Doch darin liegt die Logik dieser Aktion als Geschäft. Kletterer*innen wie Alex Honnold leben von öffentlichen Aktionen: Es gibt Unternehmen, die Sportler*innen dafür belohnen, Risiken einzugehen und sich dabei medial zu inszenieren – im Gegenzug gibt es Geld. Dafür brauchen sie Aufmerksamkeit und die Öffentlichkeit. Also filmen sie sich, gehen Risiken ein, sorgen für Reichweite.

«Jeder Kletterer muss das abschätzen: Wie viel Risiko will ich eingehen, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen?», sagt Siegrist. Grenzen ziehen dann entweder die Kletterer*innen selbst, das Publikum, oder die Sponsoren.

Das zeigte sich bei Honnold beispielsweise im Jahr 2014. Da beendete der Riegel-Hersteller Clif Bar die Zusammenarbeit mit Honnold, weil er Risiken eingehe, die dem Unternehmen zu unangenehm seien. «Ich finde es völlig fair, dass sie eine Grenze ziehen. Das ist eine sehr persönliche Entscheidung», antwortete Honnold.

Seinen grössten Sponsorenvertrag hat Honnold nun mit The North Face. Von dem Outdoorunternehmen erhält er nach eigener Aussage jährlich einen sechsstelligen Betrag. Auch Netflix scheint Risiko zu belohnen. «Für Honnold wird die Aktion sicher einen guten finanziellen Aspekt haben», mutmasst Siegrist.

Netflix möchte sich auf Anfrage von blue News nicht weiter zur Aktion äussern.

Die drei Fragen, die sich um das Vorhaben stellen, lassen sich nicht final beantworten. Man kann pro und contra abwägen, über Vorbereitung, Schwierigkeit und Wahrscheinlichkeiten sprechen – und trotzdem bleibt ein Unbehagen, das sich nicht wegrechnen lässt: die Frage nach der Grenze. Irgendwo in all dem verläuft eine Linie, ohne dass man genau sagen kann, wo. Am Ende wird sie nicht in den Kommentaren gezogen, auch nicht in Alex Honnolds eigener Einschätzung oder der von Expert*innen.

Und ob sie an diesem Tag im Januar von Alex Honnold und Netflix überschritten wird, wird sich wohl erst zeigen, wenn Honnold die 508 Meter hinter sich gebracht hat und oben auf dem Taipei 101 ankommt. Oder eben nicht.

«Skyscaper Live» läuft in der Schweiz in der Nacht auf den 24. Januar um 2.00 Uhr auf Netflix.


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