«Tatort» im Check Worum ging es beim Fall Sergei Skripal?

Julian Weinberger

27.4.2025

Nach dem Tod einer Schachspielerin ermitteln die Münchner Kommissare Leitmayr und Batic im «Tatort: Zugzwang» in den Alpen. Der Gerichtsmediziner entdeckt dabei Parallelen zum Fall Sergei Skripal. Doch worum geht es genau?

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  • Die Kulisse eines Nobelresorts täuschte bei Münchner «Tatort»: Am Rande eines Schachturniers kam die Sekundantin einer Teilnehmerin ums Leben.
  • Die Ermittlungen von Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) ergaben: Vergiftung mit einem Nervengift.
  • Dem Gerichtsmediziner fielen dabei Parallelen zum Fall des vergifteten Ex-Agenten Sergei Skripal auf. Dieser war 2018 einem Giftanschlag mit dem Nervengift Nowitschok zum Opfer gefallen.

Der tödliche Sturz einer jungen Frau vom Dach des fiktiven Nobelresorts «Ammerkrone» beschäftigte die Münchner Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) im «Tatort: Zugzwang» (Regie: Nina Vukovic, Buch: Robert Löhr).

Als Todesursache wurde im Verlauf dieses 97. Kriminalfilms aus München eine Vergiftung mit einem Nervengift identifiziert. Gerichtsmediziner Dr. Matthias Steinbrecher (Robert Joseph Bartl) erinnerte sich dabei an den Fall Sergei Skripal. Doch worum ging es dabei?

Worum ging es im «Tatort: Zugzwang»?

Der nächtliche Sturz der jungen Armenierin Lilit Kayserian (Sabrina Schieder) ereignete sich am Rande des Kandidatenturniers, einem Top-Event in der Schachszene. Die heimliche Favoritin Natalie Laurent (Roxane Duran) aus Frankreich hatte Kayserian als ihre Sekundantin auserkoren.

Privat pflegten Laurent und Kayserian bis vor kurzem eine Liebesbeziehung, was die Top-Schachspielerin für die Münchner Polizei zu einer der Verdächtigen machte. Insbesondere, als sich herausstellte, dass Laurent Kaserian kurz vor deren Tod entlassen hatte. Ein Fehler in der Vorbereitung habe sie fast den Turniersieg gekostet, sagte Laurent.

Unter Verdacht geriet auch Kamran Hasanov (Husam Chadat): Der Präsident des Weltschachverbands hielt nichts von der Teilnahme von Frauen an dem elitären Event. Die Armenierin Kayserian hatte ihren Landsmann dafür öffentlich kritisiert.

Laurents «Angstgegner», der US-Amerikaner Theodore «Teddy» Boyle (Maximilian Befort), wiederum gab an, dass Kayserian ihm helfen wollte zu beweisen, dass Laurent bei einem vergangenen Turnier betrogen hatte. Mysteriöserweise aber fehlte in seinem Figurenset eben jene Schachfigur, die in der Bademanteltasche der Toten gefunden wurde.

Worum ging es tatsächlich?

Wie genau Lilit Kayserian gestorben war, blieb über weite Strecken ein Rätsel. Erst als Sophie Jeong (Felicia Chin-Malenski), die Assistentin des Turnier-Veranstalters Lars Kändler (Robert Dölle), mit mysteriösen Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert wurde, kam dem Gerichtsmediziner Dr. Matthias Steinbrecher (Robert Joseph Bartl) eine Idee: «Sophie Jeong wurde vergiftet.» Er vermutete ein Neurotoxin: «Irgendwas in der Art von Nowitschok oder VX.»

Im Telefonat mit Kommissar Leitmayr erklärte er weiter: «Ein Acetylcholinesterasehemmer. Den stellt dir jeder halbwegs begabte Chemiker her.» Es handle sich dabei um «eine dieser schmutzigen Substanzen, mit denen sie in den GUS-Staaten Journalisten und Abtrünnige aus dem Weg räumen.» Der Fall erinnere ihn an Sergei Skripal: «Neurotoxin auf die Türklinke, er greift rein und zack!»

Wer ist Sergei Skripal?

Sergei Wiktorowitsch Skripal ist ein ehemaliger Oberst des russischen Militärnachrichtendienstes GRU, der als Doppelagent auch für den britischen Auslandsgeheimdienst MI6 arbeitete. Im Dezember 2004 wurde er als Informant des MI6 entlarvt und zwei Jahre später von einem Moskauer Militärgericht wegen «Hochverrats in Form von Spionage» zu 13 Jahren in einem Arbeitslager verurteilt. Nach seiner Begnadigung 2010 im Zuge eines Agentenaustauschs mit den USA zog er gemeinsam mit seiner Familie ins englische Salisbury.

Am 4. März 2018 wurden er und seine damals 33-jährige Tochter Julija Skripal bewusstlos auf einer Parkbank in Salisbury gefunden. Im Krankenhaus stellte sich heraus, dass beide mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet worden waren. Am 12. März 2018 erklärte die britische Premierministerin Theresa May, dass «höchstwahrscheinlich» Russland hinter dem Anschlag stecke.

Wie wurden die Skripals damals vergiftet?

Wie die britische Polizei Ende März 2018 mitteilte, sei die höchste Giftkonzentration an der Eingangstür von Sergei Skripals Haus gemessen worden. Das Gift sei wohl in Form einer klebrigen Substanz auf den Türgriff geschmiert worden sein.

Den gleichen Tathergang vermutete der Gerichtsmediziner im Münchner «Tatort»: «Sophie Zhong fasst irgendwas an, greift da in irgendwas rein, seltsames, Gel, wischt sich's mit einem Taschentuch ab, denkt sich nichts dabei, dann steckt sie noch den Turm ein, den da wer liegen hat lassen. Und ein paar Minuten später spielt ihr Körper verrückt.»

Wie wirkt Nowitschok?

Nowitschok zählt zu den tödlichsten Nervengiften, die es gibt. Es wurde gegen Ende des Kalten Krieges von russischen Militär-Chemikern entwickelt. In ihrer Reinform sind die rund hundert verschiedenen Arten von Nowitschok farb- und geruchslose Flüssigkeiten. Die tödliche Wirkung entfaltet das Gift hauptsächlich über Hautkontakt, wird es oral, etwa durch ein paar Tropfen in der Nahrung, aufgenommen, setzt seine Wirkung verzögert ein.

Kommt ein Mensch mit Nowitschok in Berührung, werden lebenswichtige Botenstoffe in seinem Körper blockiert. In der Folge kommt es zu heftigen Atemproblemen: Die Lunge produziert mehr Schleim und vor dem Mund der Opfer bildet sich Schaum. Ausserdem leiden die Vergifteten unter Schweissausbrüchen, Krämpfen und Übelkeit. Bei einer hohen Dosis des Gifts kommt es binnen weniger Minuten zum Atemstillstand. Auch der russische Oppositionspolitiker Alexei Nawalny wurde 2020 mit Nowitschok vergiftet.

Welches Gegenmittel gibt es?

Nach einer Vergiftung mit Nowitschok gilt es, keine Zeit zu verlieren, denn die Gegenmittel Atropin und Oxide helfen nur, wenn sie sehr schnell eingesetzt werden. Atropin ist ein Stoff, der in der Schwarzen Tollkirsche vorkommt.

In der Augenmedizin wird es zur Pupillenerweiterung eingesetzt oder bei Herzrhythmusstörungen verabreicht. Auch der Einsatz von Obidoxim (oder Obidoximchlorid) hilft bei der Behandlung der muskulären Symptome.

Wie ging es im Fall der Skripals weiter?

Skripal und seine Tochter überlebten den Giftangriff. Der heute 73-Jährige leide allerdings noch immer unter Atembeschwerden, wie seine Nichte Viktoria Skripal 2020 gegenüber dem «Spiegel» berichtete. Weniger Glück hatte indes ein britisches Paar aus dem Umkreis von Salisbury: Im Juni 2018 kamen die beiden mit einer Parfüm-Flasche in Berührung, in der das Nervengift vermutlich transportiert worden war. Die 44-jährige Frau starb an den Folgen der Vergiftung. Ihr ein Jahr älterer Partner erblindete.

Auf politischer Ebene zog der Giftanschlag harte Konsequenzen nach sich: Sowohl Russland als auch Grossbritannien beriefen gegenseitig ihre Botschafter ein. Zahlreiche westliche Staaten stellten sich auf die Seite Grossbritanniens und wiesen in der Folge etliche russische Diplomaten aus.

Am 5. September 2018 erhob die britische Justiz Anklage gegen zwei russische Staatsbürger wegen der Verschwörung zum Mord, Mordversuches in drei Fällen und Verstosses gegen den «Chemical Weapons Act».

Einsatzkräfte in Schutzanzügen nach dem Anschlag in Salisbury 2018.
Einsatzkräfte in Schutzanzügen nach dem Anschlag in Salisbury 2018.
Bild: Andrew Matthews/PA Wire/dpa

Beide waren unter falschem Namen wenige Tage vor dem Giftanschlag ins Vereinigte Königreich eingereist. Das Rechercheportal Bellingcat identifizierte die beiden letztlich als Offiziere des Militärgeheimdienstes GRU. Russland wies alle Schuld von sich. Als dreieinhalb Jahre später ein dritter Tatverdächtiger offiziell beschuldigt wurde, scheiterte auch seine Auslieferung.

Welche Auswirkungen der Giftanschlag auf Sergei und Julija Skripal auf die Einwohnerinnen und Einwohner der südenglischen Kleinstadt Salisbury hatte, erzählt die BBC-Miniserie «Der Giftanschlag auf Salisbury» (2020).

Wie geht es mit dem München-«Tatort» weiter?

Für das Münchner «Tatort»-Team stehen die Zeichen allmählich auf Abschied: Zweimal werden der 66-jährige Udo Wachtveitl und sein vier Jahre älterer Kollege Miroslav Nemec noch als Kommissare für den «Tatort» vor der Kamera stehen. Ein weiterer Film unter dem Arbeitstitel «Das Verlangen» ist bereits abgedreht. Er spielt in der Münchner Theaterwelt und wird Ende 2025 ausgestrahlt.

Die Ausstrahlung der abschliessenden Fälle 99 und 100 soll 2026 erfolgen. Danach ermittelt Ferdinand Hofer als Kriminaloberkommissar Kalli Hammermann mit neuem Partner: Carlo Ljubek übernimmt die Rolle von Kriminalhauptkommissar Nikola Buvak.


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